Momente

Es gibt Momente, da steht man mit großen Augen und heruntergeklapptem Unterkiefer da und ist sich nicht ganz sicher, ob die Welt noch gerade hängt.

Neulich zum Beispiel. Ich bin zu Fuß in der Stadt unterwegs und stehe an einer Fußgängerampel an einer stattlichen und normalerweise recht vielbefahrenen Straße – zwei Fahrspuren in jeder Richtung, in der Mitte ein Grünstreifen mit Straßenbahnschienen. Es ist Samstagnachmittag und vergleichsweise wenig Verkehr. Gegenüber mündet eine schmale Wohnstraße ein. Von dort kann man über die Straßenbahnschienen fahren und nach links abbiegen.

moment_motorrad

Vielleicht fünfzig, sechzig Meter vor der Einmündung steht ein Motorradfahrer [1] mit laufendem Motor am Straßenrand, drückt auf ein paar Knöpfen rum, spielt am Gas, fährt langsam los in Richtung Kreuzung. Nach ein paar Metern reißt er plötzlich das Gas auf. Gerade, dass das Vorderrad nicht in die Luft steigt, kommt er auf die Kreuzung zugeprescht. Er hat rot, hält aber voll drauf.

Kurz vor dem Haltebalken [2] gerät ihm die Maschine außer Kontrolle, er fängt abenteuerlich an zu schlingern. Ich sehe ihn vor meinem geistigen Auge schon über den Lenker absteigen und mit (oder unter) seiner Maschine quer über die große Straße kegeln (immerhin kommt grade kein Querverkehr, mit dem er kollidieren könnte), aber kurz vor den Straßenbahnschienen [3] fängt er sich wieder. Dabei ist er immer noch ziemlich schnell, ganz sicher schneller als die erlaubten 50 Sachen oder das beim Abbiegen quer über Straßenbahnschienen mit gepflasterten Zwischenräumen vernünftige deutlich verhaltenere Tempo. Er schießt übrigens gerade auf die übermannshohe Betonmauer zu, die hier direkt am Bürgersteig entlangläuft.

Direkt nach den Schienen legt er eine Vollbremsung hin und kommt dann vielleicht fünf Meter von mir und dem Ampelpfahl direkt am Bordstein [4] ungefähr in Fahrtrichtung der großen Straße zum Stehen, das Vorderrad auf dem (dort recht niedrigen) Bordstein.

Er rührt sich ein, zwei Sekunden lang nicht. Dann öffnet er das Visier seines Helms, starrt etwas benommen nach vorn, murmelt etwas, das wie „Meine Fresse“ oder so klingt. Wirft einen kurzen Blick in die Runde, lässt den Motor wieder an, schließt das Visier und fährt weg.

Muss Nerven wie Drahtseile gehabt haben der Mann. Oder das Adrenalin-High hat den Pudding in den Knien stabilisiert…

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4 Kommentare on “Momente”

  1. Puh! Normalerweise erwischen diese Typen auch noch unschuldige Fußgänger. Schwein gehabt!

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  2. gnaddrig sagt:

    Ja, der hätte mich auch volle Breitseite erwischen können, da hatte ich schon Glück. Ich war aber zu keinem Zeitpunkt in seiner Schusslinie. Wenn er aber an die Wand gefahren wäre, hätte ich da einen Logenplatz gehabt mit anschließender Gelegenheit, meine Erste-Hilfe-Kenntnisse mal unter Ernstfallbedingungen anzuwenden. Bin froh, dass es nicht gekommnen ist.

    Und ich hatte auch nicht den Eindruck, dass er mutwillig Vollgas gegeben hat, sondern es sah so aus, als hätte sich da was verklemmt und er sei von der Beschleunigungsorgie seiner Kiste selbst völlig überrumpelt gewesen. Egal, werde ich nie wissen…

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  3. noemix sagt:

    Ein geläufiger Anfängerfehler, an dem sich ungeübte Motorradfahrer leicht erkennen lassen. Beim Gasgeben dreht der routinierte Fahrer den Gasdrehhebel (am rechten LenkergriffI) mit dem Handballen nach oben (d.h. zu sich her), wobei er Zeige- und Mittelfinger ständig auf dem Bremshebel ruhend belässt (wie im Bild zu sehen). Der unerfahrene Anfänger hingegen umfasst den Gasdrehgriff mit der ganzen Faust wie einen Besenstiel – was, wenn er ihn zu heftig hochdreht und ihm die Maschine durchgehen will, zur Folge hat dass er sich an diesem festhält um nicht hinten hinabzufallen und diesen damit aber noch weiter zu sich herdreht (d.h. ungewollt noch mehr Gas gibt und unkontrolliert noch mehr beschleunigt). Dass der besagte Anfänger-Depp, den Sie beobachtet haben, im Anschluss an seine Notbremsung den Motor erneut anlassen musste, zeigt dass er sogar darauf vergessen hat vor dem zum Stehenbringen seines Fahrzeuges die Kupplung zu ziehen, um den Motor nicht abzuwürgen – Beweis seines Unkönnens, womit er bei der Fahrprüfung zuverlässig durchgefallen wäre. (Zum Glück gibts Vollvisierhelme welche ihr Gesicht verbergen, damit solche übermotorisierten, aber grotesk unbedarften Armleuchter sich vor den anderen Verkehrsteilnehmern nicht genieren müssen 😉
    Gruß aus Wien

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  4. gnaddrig sagt:

    Danke für die Erklärung. Als Nicht-Motorradfahrer muss ich das mal glauben 🙂

    Gegen die Absoluter-Unkönner-Theorie spricht aus meiner Sicht, dass er die Maschine dann noch gefangen hat. Wenn so eine Vierteltonne Zweirad erstmal schlingert, dürfte das doch gar nicht so einfach wieder in den Griff zu kriegen sein, zumal er dann den Gasgriff vor dem Abheben dann doch noch losgelassen hat. Andererseits, wenn sich da was verklemmt hätte, wäre er (klaren Verstand vorausgesetzt) sicher nicht so ohne weiteres weitergefahren, weil das ja dann jederzeit wieder hätte passieren können, das nächstemal vielleicht an einer schwierigeren Stelle. Also war er vielleicht doch ein Stümper, keine Ahnung.

    So oder so, ich bin froh, dass ich nicht in der Schusslinie stand.

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