Leere Drohung

Manchmal laufen Bahnstrecken durch Städte, und nicht immer kann man sie in Gräben oder Tunneln verstecken oder auf Stelzen aus dem Weg räumen. Dann gibt es – je nach Art und Dichte der Besiedlung – entlang der Strecke Bahnübergänge, in der Regel mit Schranken, weil es zu aufwändig wäre, für jede zweite Wohnstraße eine Brücke zu bauen, man aber auch nicht ganze Stadtviertel durch die Geleise zerschnitten haben will wie durch einen Fluss, wo es nur alle paar Kilometer eine Brücke oder Fähre gibt.

Ich kenne so einen beschrankten Bahnübergang in einer Wohngegend, wo neben der Schranke ein Schild mit der folgenden Aufschrift hängt:

ACHTUNG LEBENSGEFAHR!

Das Überqueren der Gleise bei
Rotlicht sowie geschlossenen Schranken
ist strengstens verboten!

Dies stellt einen Verstoß
gegen §19 und §45 der StVO dar und
wird in allen Fällen zur Anzeige gebracht.

Dazu – immerhin ist dies ein Blog mit ausgeprägter Neigung zur Haarspalterei – ein paar kritische Anmerkungen.

Das mit der Lebensgefahr leuchtet natürlich ein, es ist eine vielbefahrene Zugstrecke mitten in der Stadt, wo Züge teils ziemlich schnell vorbeifahren. Da ist es hochgefährlich, einfach auf den Schienen herumzuturnen. Ob für das Verbotensein bereits das Rotlicht ausreicht, oder ob sowohl Rotlicht als auch geschlossene Schranken vorliegen müssen, ist mir nicht ganz klar. Wahrscheinlich Ersteres: Schon bei Rotlicht, und erst recht bei geschlossenen Schranken. Geschlossene Schranken ohne Rotlicht kommen nur bei defekter Lampe vor, die Konstellation können wir wohl außen vor lassen.

(Wäre ein striktes Entweder Oder gemeint, hätte man das wohl anders formuliert – …bei Rotlicht oder geschlossenen Schranken…, eventuell mit dem Zusatz nicht aber, wenn beide Sachverhalte gleichzeitig vorliegen.

Es könnte hier allerdings ein logisches Oder gemeint sein. Dabei würde das gleichzeitige Vorliegen beider genannter Fälle die Bedingung auch erfüllen und das Verbot wäre für die drei folgenden Fälle ausgesprochen: 1. bei Rotlicht und offenen Schranken, 2. bei geschlossenen Schranken ohne Rotlicht und 3. bei Rotlicht mit geschlossenen Schranken. Ein Verbot, das zwingend das Vorliegen beider Sachverhalte erfordert, hätte man auch wieder anders formulieren müssen – …bei Rotlicht mit geschlossenen Schranken…. Es bleibt sprachlich gesehen also etwas schwammig.)

Auf jeden Fall unklar ist aber, was jetzt genau den Verstoß gegen die genannten Paragraphen der Straßenverkehrsordnung darstellt – das Überqueren der Gleise bei Rotlicht sowie geschlossenen Schranken, oder das Verbot selbst. Letztere Deutung halte ich formulierungstechnisch gesehen für näherliegend: … ist strengstens verboten! Dies [das Verbotensein] stellt einen Verstoß (…) dar. Inhaltlich ist klar, dass das Überqueren der Verstoß ist, aber es gilt ja nunmal das, was geschrieben steht, nicht das, was eigentlich wohl irgendwie gemeint gewesen sein wird.

** * **

Außerdem handelt es sich bei dem letzten Teil um eine offensichtlich leere Drohung. Wenn man sich einen Tag lang neben die Schranke stellt oder sie von anderswo unauffällig beobachtet, wird man im Lauf der Zeit ganz sicher einige Leute dabei beobachten, wie sie noch schnell bei rot über die Schienen flitzen, bevor die Schranken unten sind. Oder wenn die Schranken auf den rechten Straßenseiten schon unten, die auf den linken Seiten aber noch oben sind. Und ganz manchmal sogar, wenn schon alles dicht und zu ist.

Manche gehen da zu Fuß rüber, manche fahren mit dem Fahrrad. Mopeds, Motorräder und sogar Autos habe ich auch schon dabei beobachtet, noch schnell unter der schon sinkenden Schranke hindurchzuflitzen. Ich selbst bin in einem früheren Leben auch gelegentlich dort bei rot bzw. teilgeschlossener Schranke rüber, aber eine Anzeige hat es nie gegeben. Kein einziges Mal. Zuwiderhandlungen sind also generell folgenlos, zumindest solange keine akute Gefährdung oder ein tatsächlicher Schaden ensteht.

Dabei hätte schon ein einziger nicht zur Anzeige gebrachter Fall die Drohung auf dem Schild als das entlarvt, was sie ist: Leeres Gerede. So erzieht man die Leute aktiv dazu, Verbote zu ignorieren. Vor zahnlosen Tigern hat eben keiner Angst. Wer Kinder hat, kennt das Problem.

Wie man die Androhung strafrechtlicher Ahndung umsetzen will, weiß ich natürlich auch nicht – niemand hat genug Personal bzw. Überwachungstechnik, um auch nur diesen einen Bahnübergang zu überwachen und die ganzen Anzeigen zu schreiben. Bleibt die Empfehlung aus der Fahrschule, vor dem Überqueren von Bahngleisen auf jeden Fall links und rechts zu schauen, ob nicht doch ein Zug kommt, auch wenn die rote Lampe nicht blinkt, die Glocke schweigt bzw. die Schranke offensteht.

Aber dazu braucht es nicht solche martialisch drohenden Schilder, sondern etwas Menschenverstand. Und der scheint mir auf beiden beteiligten Seiten nicht durchweg in ausreichendem Maß vorhanden zu sein…

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2 Kommentare on “Leere Drohung”

  1. Pfeffermatz sagt:

    So wie ich das lese, „ist“ grundsätzlich „geschlossenen Schranken […] strengstens verboten“. Da ich nie allerdings geschlossenen schranke, bleiben der Anzeige meine gebrachten Fälle wohl erspart.

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  2. gnaddrig sagt:

    Oder es ist ein Gag einer örtlichen Karnevalsgesellschaft, und das Ding sieht so echt aus, dass bisher weder die Bahn noch die Polizei noch das Ordnungsamt Lunte gerochen haben. Immerhin schon allermindestens fünfzehn Jahre…

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