Herrenlose Ansage sucht durchfahrenden Zug

Vor einer Weile hatte ich hier mal was zu den Ansagen geschrieben, mit denen die Bahn auf den Bahnsteigen vor durch- oder einfahrenden Zügen warnt:

Achtung Zugbetrieb. Halten Sie Abstand von der Bahnsteigkante und betreten Sie den gekennzeichneten Bereich erst nach Halt des Zuges.

Diese an sich vernünftigen Ansagen ließen damals einen allenfalls losen Zusammenhang zu tatsächlichen Zugbewegungen erkennen. Es gab Ansagen, wenn der betreffende Zug schon im Bahnhof hielt oder durchgefahren war. Es gab Ansagen, denen viele Minuten lang kein Zug folgte. Ansagen kamen augenscheinlich oft fahrplanmäßig, während Züge öfters ein paar Minuten zu spät unterwegs sind.

Ich Optimist hatte damals vermutet, dass diese Ungenauigkeiten den Kinderkrankheiten eines neuen Ansagenverwaltungssystems geschuldet seien. Dass da noch gewisse Macken ausgebessert werden und sich die Treffsicherheit dieser Ansagen sicher bald merklich verbessern werde. Immerhin ist die Bahn in der Lage, viele tausend Züge auf vielen tausend Kilometern Schiene bemerkenswert sicher und immer noch recht zuverlässig zu betreiben.

Sogar mit dem alljährlich wiederkehrenden Pannentheater (sommers ausfallende Klimaanlagen, winters einfrierende Weichen) meckern wir im weltweiten Vergleich auf recht hohem Niveau. Unfälle mit Zügen gehen bislang fast nie auf das Konto der Bahn und man ist auf der Schiene wenn schon nicht immer pünktlich und bequem dann in der Regel doch wenigstens sicher unterwegs.

Da wird diese Bahn es sicher schaffen, dachte ich, ihre (vermutlich gesetzlich vorgeschriebenen) Ansagen an den Bahnsteigen so zu anzubringen, dass man von sinnvollen Warnungen vor realer Gefahr sprechen kann. Diese Hoffnung hatte sich bei meiner letzten Bestandsaufnahme nicht erfüllt.

Nachdem mir in letzter Zeit gefühlt tausend unpassende Ansagen um die Ohren geflutet sind, erlaube ich mir jetzt noch einen Kassensturz zum Thema: Die Ansagen sind nicht besser geworden. Natürlich kann ich wieder keine statistischen Daten vorlegen. Aber der gefühlte Normalfall ist jetzt wie vor zwei Jahren, dass die Ansagen höchstens zufällig so kommen, dass ein sinnvoller Zusammenhang mit einer tatsächlichen Zugbewegung erkennbar ist.

Nach wie vor kommt es häufig vor, dass die aussteigenden Fahrgäste die Ansage mithören können, in der vor ihrem eigenen Zug gewarnt wird. Nach wie vor höre ich Ansagen, auf die fünf und mehr Minuten lang kein Zug folgt. Und Ansagen, die Minuten nach Durchfahrt eines Zuges kommen. Meine Einschätzung von damals ist immer noch aktuell, darum zitiere ich mich einfach mal selbst:

Aber mal im Ernst. Es heißt ja immer, die Bahn wisse von jedem Zug zu jedem Zeitpunkt fast auf den Meter genau, wo er sich befindet und wie schnell er wohin unterwegs ist. Wo ist also das Problem, die Ansagen zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Bahnhof zu bringen? Wenn so viele Ansagen ihren jeweiligen Zug so deutlich verpassen, sind sie praktisch sinnlos. Auf diese Art erzieht die Bahn die Leute nur dazu, die Ansagen zu ignorieren, weil die Züge sowieso wann anders fahren. Da kann man sich den Aufwand eigentlich sparen.

Wenn von ein- oder durchfahrenden Zügen eine Gefahr für die Leute auf dem Bahnsteig ausgeht, lässt die Bahn ihre Kunden diesbezüglich in viel zu vielen Fällen ins offene Messer laufen. Die Warnungen kommen häufig zu spät oder viel zu früh und nur gelegentlich zur rechten Zeit. Das sollten sie besser hinkriegen können.

Andererseits, und der Gedanke kommt mir jetzt erst, könnte es sein, dass die Ansagen gar nicht jedes Mal aus einem konkreten Anlass auf die Bahnsteige geschickt werden, also als Warnung vor einem bestimmten Zug, sondern eher so allgemein pauschal im Sinne von Auf dem Bahnsteig ist es wegen Zugverkehr gefährlich. Gehen Sie nicht zu nahe an die Bahnsteigkante, außer wenn ein Zug angehalten hat. Eine Ansage, die immer an andere Ansagen, die aus konkretem Anlass erfolgen, einfach immer hintendran gehängt wird.

Dagegen spricht die Formulierung der Ansage – betreten Sie den gekennzeichneten Bereich erst nach Halt des Zuges klingt schon sehr nach einem einzelnen, konkret gemeinten Zug. Bei einer pauschalen Warnung hätte ich etwas erwartet wie erst, wenn ein Zug angehalten hat, oder so. Außerdem spricht dagegen, dass andere Ansagen auch anlasslos immer wieder durch die Lautsprecher gechickt werden, etwa das beliebte Sicherheitshinweis: Lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt!

Egal, dass durch Bahnhöfe und demzufolge an Bahnsteigen vorbei Züge fahren, manchmal auch ziemlich schnell, ist allgemein bekannt. Dass man deshalb gut daran tut, dort vorsichtig zu sein, sagt einem ja eigentlich schon der gesunde Menschenverstand. Dann stellt sich aber wieder die Frage, wozu diese Ansagen überhaupt nötig sind, da täte es auch ein Schild am Zugang zum Bahnsteig.

Andererseits, wo man die schönen Lautsprecheranlagen und Datenfernverbindungen schon einmal hat, muss man sie natürlich auch nutzen. Ist ja auch so eine Art Dauertest – wenn da was ausfällt, fällt es auf. Wenn so ein Lautsprecher nur alle Jubeljahr mal benutzt wird, merkt man es eben schlimmstenfalls auch erst nach Jubeljahren, wenn er kaputt ist.

So geistern dann weiter herrenlose Ansagen durch die Bahnhöfe und suchen einen Zug…

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2 Kommentare on “Herrenlose Ansage sucht durchfahrenden Zug”

  1. Meiner Meinung nach ist diese Ansage völlig unnötig. Jedes Kind weiß, dass auf der Schiene Züge fahren, ebenso wie auf der Straße Autos fahren. Dass diese Ansage gesetzlich vorgeschrieben sein soll, kann ich mir nicht vorstellen. Eher nervt sie die Anwohner, wenn ein Bahnhof oder Haltepunkt in einem Wohngebiet liegt und Tag und Nacht alle paar Minuten diese Ansage zu hören ist. Mein (nicht ganz ernst gemeinter) Vorschlag: An allen Straßen in Deutschland sollten Lautsprecher installiert werden, aus denen es alle fünf Minuten tönt: „Achtung Autoverkehr! Halten Sie Abstand von der Bordsteinkante und betreten Sie die Fahrbahn erst wenn diese frei ist!“

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  2. […] Zug gehört, Kamera aus der Tasche gerissen, draufgehalten. Die Ansage vorher war diesmal nicht herrenlos, hatte ich aber erst nachträglich […]

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