Feierabendbier

Später Nachmitag, ich sitze im Bus in Richtung Bahnhof. An einer Haltestelle unterwegs steht einer mit einer offenen Flasche Bier in der Hand. Kurze Haare, Blaumann, Ohrringe, sichtlich unrasiert aber eindeutig nicht ungepflegt, wohl ein Arbeiter oder Handwerker mit Feierabendbier.

Busfahrer, freundlich: Die Flasche können Sie nicht mit reinnehmen, die müssen Sie draußenlassen.

Mann, auch freundlich: Und wenn ich die grad austrinke? Wäre schade um das schöne Bier.

Busfahrer: Ok, wenns nicht so lange dauert…

Der Mann steigt also aus, setzt an und zieht die (noch fast volle) Halbliterflasche Bier in ein paar Sekunden weg, steigt ein und bedankt sich beim Fahrer für’s Warten. Während der Bus weiterfährt, entwickelt sich eine entspannte Unterhaltung zwischen ihm und dem Busfahrer. Das gebe ich nicht wortgetreu wieder, schon weil ich den Dialekt nicht hinkriegen würde. Aber ungefähr geht das so:

Mann: Sie hätten ja auch wegfahren können, so a là Einsteigen ohne Bier oder draußenbleiben.

Busfahrer: Sowas mache ich nicht. Ich war ja auch nicht zu spät dran, da geht das schon mal.

Mann: Was soll man auch machen, man kriegt hier ja fast nirgends ein Feierabendbier, am Bahnhof haben die gar nichts.

Busfahrer pflichtet bei, weist aber auf eine denkbare Bezugsmöglichkeit hin: Eine etwas abseits gelegene, als Vereinsheim eines Vogelklubs oder Wandervereins firmierende Absackkneipe, wo man nie weiß, ob die überhaupt geöffnet haben. Der Biertrinker meint, er sei ja nur zum Arbeiten hier, da laufe er nicht groß in der Gegend herum, kenne den Laden also nicht und habe auch kein gesteigertes Interesse. Dann riskiere er es schon lieber, sein Feierabendbier gelegentlich vor dem wartenden Bus im Schnelldurchlauf erledigen zu müssen.

Alles in allem war das ein ausgesprochen nettes Erlebnis. Ähnliche Situationen können nämlich ganz anders laufen. Da muss nur mal wer einen schlechten Tag haben…

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8 Kommentare on “Feierabendbier”

  1. tinyentropy sagt:

    Schöne entspannte Geschichte 🙂

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  2. gnaddrig sagt:

    Ja, davon geht es einem gleich viel besser, wenn man es nur als Unbeteiligter miterlebt. Hat mir wirklich gut gefallen, das ist wie Balsam für die Seele.

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  3. Sowas macht den Alltag wirklich schön. Leider denken viele Menschen nicht daran, dass ihr Gegenüber die selben Bedürfnisse hat. Und dann werden sich die Köpfe eingeschlagen. Traurig.
    Großes Lob an den Busfahrer :).

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  4. gnaddrig sagt:

    Genau. Und an den Mann mit dem Bier, der hätte nämlich schon die Tatsache, dass er sein Bier nicht mit in den Bus nehmen darf, übelnehmen können, egal wie nett man es ihm sagt.

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  5. Habe ich heute erst wieder eine Situation erlebt. Ich arbeite nebenbei in einem Verein, der Leute dazu verleiten will, weniger Unfälle zu bauen. Gestern Abend gab es in der Nähe einen tödlichen Unfall, bei dem Übermut Ursache war. Als ich sagte, dass viele Unfälle wegen Übermut passieren, war ich der Böse. Was will man machen.

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  6. Stefan sagt:

    Sehr schöne Geschichte. — Mir hatte in einer vergleichbaren Situation mal ein Busfahrer geraten: „Daumen uffe Flasche. Denn isse zu, und nur offne dürfense nich mit reinnehm.“

    Es ist immer schön, wenn man auf solche Leute trifft.

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  7. gnaddrig sagt:

    Ja, ich mag es auch, wenn ich mit Leuten zu tun habe, die es da locker nehmen, wo es geht.

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  8. […] Ortsfremden Auskunft über alles mögliche erteilen. Busfahrer, die freundlich und entspannt auf Leute eingehen, wo es […]

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