Volksetymologie

Immer wieder machen sich Leute Gedanken über die Sprache, die sie sprechen; über die Wörter, die sie benutzen. Wo die Wörter herkommen, was sie wirklich bedeuten und warum das so ist. Manchmal forschen sie nach und versuchen, die Herkunft von Wörtern zu ergründen. Wenn sie keine sprachwissenschaftlichen Kenntnisse haben, sondern sich auf ihre allgemeine Bildung verlassen und auf das, was gern der gesunde Menschenverstand genannt wird, ist das eine Form von Volksetymologie.

Die Ergebnisse halten in der Regel wissenschaftlicher Überprüfung nicht stand und sind manchmal unfreiwillig komisch oder völlig abwegig. Es kann aber auch sehr geistreich und unterhaltsam sein, ich will das deshalb überhaupt nicht schlechtmachen. Ich selbst habe  als Diplom-Übersetzer zwar ein gewisses Maß an einschlägiger Ausbildung, meine sprachwissenschaftlichen Kenntnisse halten sich aber doch in überschaubaren Grenzen. Darum erlaube ich mir hier in der Tradition der Dilettanten auch einmal ein Stück Volksetymologie.

Ich möchte heute das Wort johlen besprechen. Das bedeutet etwa laut schreien, grölen, etwas brüllend äußern. Soweit so gut. Aber woher kommt das Wort? Pfeifer (von dem ich mich bereits für die vorstehende Definition von johlen habe inspirieren lassen) behauptet, es sei wie jodeln vom Naturlaut jo abgeleitet und habe im Mittelhochdeutschen einmal soviel wie vor Freude laut singen bedeutet. Das kann man so sehen, und sicher gibt es dafür Belege.

Ich behaupte auch nicht, dass die alle aus Konrad Kujaus Feder stammen oder, in Anlehnung an Heribert Illigs Erfundenes Mittelalter, dass es die mittelhochdeutsche Zeit gar nicht gegeben hat und diese Belege daher sämtlich gefälscht sein müssen. Ich kenne nur eine viel einleuchtendere Herleitung, die dem besonderen Charakter des Johlens auch viel besser Rechnung trägt als Pfeifers etwas lahme Erklärung.

Susanne Flach hat neulich im Blogspektrogramm 25/2014 des Sprachlogs einen 1903 in der Zeitschrift des allgemeinen deutschen Sprachvereins erschienenen Artikel verlinkt, in dem ein Konrad Koch in zeittypisch markiger Sprache gutdeutsche Fachbegriffe für das schon damals beliebte Fußballspiel vorschlägt. In diesem bemerkenswerten (echt jetzt, das ist nur teilweise gealbert) Stück Terminologiearbeit schreibt er auf S. 2:

Im Kampfe gegen das häßliche Fremdwort »Goal«, noch häßlicher »Johl« gesprochen, hat sich unser matter Ausdruck »Mal« als zu schwach erwiesen; also ersetzen wir ihn überall, wo es angeht, durch »Tor«. »Wir haben ein Mal gewonnen«, klingt allzuwenig frisch, »ein Tor gewonnen!« entspricht dem frohen Siegesbewußtsein weit mehr. [Hervorhebung von mir] [Quelle]

Nun, dieser Vorschlag hat sich offensichtlich durchgesetzt. Das häßliche Fremdwort „Goal“ ist ausgemerzt (auch eine Vokabel, die er gern benutzt). Und wie haben sie es ausgesprochen? Johl. Und was machen die Zuschauer, wenn ihre Mannschaft ein Tor gewinnt? Sie jubeln, sie brüllen, schreien, grölen, singen auch mal laut vor Freude (Pfeifer lag also trotz allem nicht ganz so weit daneben!). Und wie nennt man es, wenn eine große Menschenmenge im Chor Johl brüllt? Eben.

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