Zweckentfremdung

Kürzlich ist mir seit längerem zum ersten Mal wieder der Ausdruck „auf den Ohren sitzen“ in den Sinn gekommen. Von jemandem, der absichtlich oder aus wie auch immer begründeter Weggetretenheit nicht zuhört, sagt man gelegentlich, er sitze auf seinen Ohren. Oder man fragt ihn, ob er denn auf den Ohren sitze. Auf den Ohren zu sitzen ist natürlich technisch unmöglich. Wenn es ginge, wäre es aber ganz klar eine Zweckentfremdung der Ohren.

Alternativ kann man sich Bohnen in die Ohren stecken. Dabei handelt es sich ebenfalls um eine Zweckentfremdung sowohl der Ohren als auch der Bohnen, ist im Gegensatz zum Sitzen auf den Ohren aber tatsächlich möglich. (Erbsen gehen genausogut, sind hier aber nicht idiomatisch.) Dass man mit hülsenfruchtverstopften Ohren nicht besonders gut hört, dürfte jedem einleuchten, das ist reine Physik. Aber außer Kleinkindern macht das sowieso kaum jemals wer.

Ein ähnlicher Fall von Zweckentfremdung ist das Kriechen auf dem Zahnfleisch. Das Zahnfleisch ist ganz eindeutig nicht dafür vorgesehen, dass man darauf kriecht. Das machen aber manche Leute, wenn sie völlig erschöpft, alle oder erledigt sind und trotzdem weitermachen.

Was man auch tun kann ist die Beine in die Hand nehmen, um sich zu beeilen. Keine Ahnung, wie das technisch funktionieren soll. Anfassen kann ich meine Beine schon, aber um sie in die Hand zu nehmen sind die Beine zu groß oder die Hände zu klein, und schneller werde ich davon auch nicht. Da steckt sicher irgendwelche interessante Etymologie hinter.

Ebenfalls zweckentfremdend wäre es, unbedingt mit dem Kopf durch die Wand zu wollen. Leute, die das ausprobiert haben, raten dringend davon ab. Es erscheint wesentlich sinnvoller, Dinge wie Wände im Bedarfsfall gedanklich zu durchdringen, feinstofflich sozusagen, oder eben mit geeignetem Gerät.

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Nicht näher eingehen möchte ich auf die von interessierten Parteien immer wieder angeprangerte angeblich missbräuchliche weil zweckentfremdende Verwendung bestimmter Körperteile für Praktiken, die von der sittsamen Erfüllung der traditionellen ehelichen Pflicht (die möglichst nicht zu oft, möglichst nüchtern und im Dunkeln abgearbeitet werden sollte, Spaß ist nach Kräften zu vermeiden) abweichen. Die Einschätzung, dass diese Praktiken zweckentfremdend oder widernatürlich seien, liegt meiner Meinung nach in einem falschen Verständnis der Zweckgebundenheit von Körperteilen begründet.

Alle möglichen Körperteile haben ihre Funktion und mögen großenteils auch einen primären Zweck haben. So dient etwa das Auge zum Sehen und ermöglicht verschiedene darauf aufbauende Fähigkeiten. Sonst sehe ich keine sinnvolle Nutzungsmöglichkeit für dieses Organ. Aber schon bei der Nase wird es komplizierter – riechen und atmen wären beide als Zweck denkbar, daneben wird sie auch für Mimik verwendet, als Austragungsort für Meinungsverschiedenheiten und Aufhänger für eine Reihe von Redensarten.

Der Mund dient ja auch nicht nur zur Nahrungsaufnahme (und zur Nahrungsvonsichgabe, wenn der Magen mal schief hängt), sondern auch zum Sprechen. Oder, andersherum gesehen, er dient nicht nur zum Sprechen, sondern auch zum Essen und Erbrechen. Was davon soll jetzt der naturgegebene Zweck des Mundes sein?

Wenn man es ganz streng sieht, müsste einer dieser Betätigungskomplexe zweckentfremdend und damit widernatürlich sein. Da man aber weder das Essen noch das Sprechen sinnvoll verbieten kann, muss diese Denkrichtung ein Irrweg sein. Und wenn man diese Nutzungsarten beide als dem natürlichen Daseinszweck entsprechend ansieht, warum dann nicht auch andere? Küssen etwa, eine oft als sehr angenehm beschriebene Beschäftigung.

Auch das Zusammenspiel des Mehrzweckorgans Mund mit den zur Erfüllung der oben erwähnten ehelichen Pflicht benötigten Organen ist denkbar. Das ermöglicht dann Tätigkeiten, die oft als wenn nicht widernatürlich dann doch wenigstens verderbt und unsittlich gegeißelt werden. Diese Aktivitäten werden allerdings gleichzeitig auch vielfach als sehr angenehm beschrieben. Möglicherweise ist letzteres der Grund, weshalb die einen sie verteufeln und ihre Ausübung nach Möglichkeit verhindern wollen und die anderen sie mit großer Begeisterung ausüben.

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Ich bin jedenfalls für die grundsätzliche Freiheit zur Zweckentfremdung. Und soll mir niemand damit kommen,  Musikmachen, Basteln schöner aber nutzloser Dinge, Fotografieren, Fußballspielen, Herumalbern usw. seien unnötig, widernatürlich und deshalb zu vermeiden. Der Mensch braucht sowas für das seelische Gleichgewicht, manchmal auch Bohnen in den Ohren.

Ansonsten kann man Kondome auch sehr schön als Wasserbomben nehmen…

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