Vorwärts in die Vergangenheit

In Europa erfreuen sich alle möglichen alternativen „Heilverfahren“ großer Beliebtheit. Da gibt es die klassischen Renner wie Homöopathie, Bach-Blütentherapie, Schüßler-Salze, Chiropraktik, Osteopathie, die aus Fernost importierte Akupunktur und die Traditionelle Chinesische Medizin. Ob oder inwieweit diese Verfahren tatsächlich wirksam sind, interessiert dabei kaum. Oft werden auf dem Plazeboeffekt beruhende Erfolge als Wirksamkeitsnachweis angeführt.

Dann gibt es Astrologen, Rutengänger, Warzenbesprecher und noch viel exotischere Figuren. Spagyriker, Schamanen, Zauberdoktoren, Geistheiler aus aller Herren Länder treiben in Europa ihr lukratives Unwesen und werden von einer wachsenden Esoterikszene bejubelt, verehrt und weiterempfohlen. Feng-Shui und vergleichbare Lehren finden große Verbreitung, und kein weltanschauliches Konstrukt ist zu abgefahren oder verdreht, als dass sich nicht ein Fähnlein Jünger fände, die dem Ganzen mit Konsequenz und Eifer und auf (oft erhebliche) eigene Kosten folgen.

Vereine und Institute organisieren Messen, Kongresse und Kurse und propagieren dort alle nur denkbaren alternativen Heilverfahren, die neben der medizinischen Komponente fast immer auch religiöse oder sonstwie weltanschauliche Elemente haben und nicht selten von sektenartig organisierten Anhängern praktiziert werden.

Als Begründung für diese Hinwendung zu irrationalen Behandlungsmethoden und den mit ihnen verquickten Weltbildern wird oft die Enttäuschung von der „Schulmedizin“ genannt. Diese sehe den Menschen nicht ganzheitlich, sei aufgrund ihrer Hightech-Orientierung seelenlos, schade mit aggressiven Medikamenten oft mehr als sie nütze und stoße überhaupt immer häufiger an ihre Grenzen. Das INFOMED – Institut für Ganzheitsmedizin e.V. etwa schreibt:

Das zunehmende Interesse an der Ethnomedizin stammt einerseits aus dem Interesse für die Heiltraditionen und Fertigkeiten anderer Kulturen. Andererseits zeigen sich zunehmend auch die Grenzen einer wissenschaftlich ausgerichteten Hochtechnologie-Medizin. Viele Menschen suchen daher entweder für sich selbst oder für die Integration in ihre Praxis neue Perspektiven. [Quelle]

Und das mit den Grenzen finde ich interessant.

Natürlich hat die wissenschaftliche Medizin ihre Grenzen. Sie kann nicht alle Krankheiten heilen, nicht jeden retten. Manchmal kann sie sogar Krankheiten oder Vergiftungen nicht behandeln bzw. die betreffenden Patienten nicht am Leben erhalten, obwohl der Mechanismus bekannt und nicht besonders komplex ist. Trotz unzähliger Antibiotika, trotz beachtlicher technologischer Errungenschaften und traumhafter Möglichkeiten der Apparatemedizin bleibt ein Rest, wo die Medizin nichts ausrichten kann. Das war schon immer so und wird wohl auf absehbare Zeit auch so bleiben.

Gleichzeitig hat die wissenschaftliche Medizin seit ihren Anfängen im 17. und 18. Jahrhundert unbestreitbar gewaltige Fortschritte gemacht. Manche Krankheiten und Verletzungen, an denen noch vor 150 Jahren eine deutliche Mehrheit der Patienten verstorben wären, sind heute nicht weiter tragisch, oft eher lästig als schlimm.

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(Vollnarkose ist Standard und vergleichsweise sicher. Normalerweise muss sich heute niemand mehr überlegen, ob er sich aus Angst vor Narkoseschäden lieber bei Bewusstsein operieren lassen soll oder ob es besser wäre, statt Narkose eine große Flasche Schnaps zu trinken. Ersteres war noch vor 100 Jahren eine schwere Entscheidung, letzteres bis vor 150 Jahren weithin üblich. Seit Hygiene in der Medizin beachtet wird, ist das Risiko, in Folge von Operationen an Sepsis zu sterben, erheblich gesunken.

Viele sogenannte Kinderkrankheiten sind dank flächendeckender Impfungen weitgehend ausgerottet. Masern, Windpocken, Röteln, Mumps, Scharlach, Kinderlähmung, Diphterie sind weit an den Rand gedrängt, und wenn Dr. Andrew Wakefield nicht in den 90er Jahren mit einer gefälschten Studie eine Welle von Impfangst losgetreten hätte, die heute noch von Impfgegnern verschiedener Art am Rollen gehalten wird, wäre die Impfrate in Zentraleuropa nicht so drastisch zurückgegangen, und dann könnten wir zumindest Mumps, Masern und Röteln wohl schon seit Jahren endgültig los sein.

Leistenbrüche waren bis vor gut hundert Jahren irgendwo zwischen lästig und lebensgefährlich, brachten langfristig erhebliche Beeinträchtigungen der Lebensqualität mit sich, konnten kaum sinnvoll behandelt werden, und die damals üblichen Behandlungsmethoden waren größtenteils hochriskant und hatten oft katastrophale Folgen. Heute sind Leistenoperationen Standard, einer von vielen Routineeingriffen, vor denen man heute normalerweise keine Angst zu haben braucht.

Frühgeborene Kinder haben heute dank technischer Entwicklungen großartige Überlebenschancen und können sich oft völlig normal entwickeln, wo sie noch vor wenigen Jahrzehnten keine Chance gehabt hätten.)

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Die esoterischerseits gern beklagte Seelenlosigkeit der Hightech-Medizin ist anderen Faktoren geschuldet, wenn sie denn existiert. Allgegenwärtige Sparzwänge und die mit religiös anmutendem Eifer betriebene betriebswirtschaftliche Ausrichtung des Gesundheitswesens haben beobachtete Fehlentwicklungen zu einem guten Teil zu verantworten. Ein Grund, deshalb statt zum Arzt zum Homöopathen, zum Geistheiler, zum Zauberdoktor zu gehen und statt wissenschaftlich entwickelter wirksamer Medikamente geschütteltes Wasser, geheime Räuchermischungen oder okkulte Beschwörungen zu konsumieren ist das ganz sicher nicht.

Die schmerzlichen Grenzen der wissenschaftlichen Medizin sind jedem bewusst, der einen Verwandten oder Freund an eine (bisher) nicht heilbare Krankheit verloren hat. Aber wenn diese Grenzen der wissenschaftlichen Medizin heutzutage trotz der Fortschritte sehr präsent sind, liegt das sicher nicht daran, dass die Medizin irgendwie eingeschränkt oder funktionsuntüchtig wäre oder wesentliche Fähigkeiten und Möglichkeiten eingebüßt hätte, sondern wahrscheinlich eher daran, dass diese Grenzen heute oft direkt angegangen werden, dass man versucht, sie immer wieder ein bisschen weiter hinauszuschieben, und schließlich daran, dass heute viel mehr Detailinformationen über Medizinisches in den Medien veröffentlicht werden als das in der Vergangenheit der Fall war. Man kommt schlicht leichter an Informationen zu Erfolgen und Misserfolgen als früher, und damit werden die – von interessierter Seite natürlich gern ausgeschlachteten – Grenzen einfach sichtbarer.

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Wenn wir stattdessen auf Geistheiler angewiesen wären und uns mit Schüßler-Salzen, aromatherapeutischen oder homöopathischen Präparaten und pseudoethnomedizinischen Behandlungsmethoden behelfen müssten, wären die Überlegenschancen bei praktisch allen denkbaren Erkrankungen und Verletzungen erheblich niedriger, die allgemeine Lebenserwartung würde in den freien Fall übergehen, die Säuglingssterblichkeit steil ansteigen.

Das wäre, als ob wir Fahrrad, Auto, Eisenbahn, Flugzeug freiwillig aufgeben, weil Wandern als Reisemethode viel naturverbundener, authentischer und ganzheitlicher sei. Wir würden dann eben alles zu Fuß machen, idealerweise barfuß und ohne Regenjacke.

Daimler und Diesel waren alles böse Menschen, die uns mit ihren Erfindungen von der Natur entfremdet haben. Siemens hat die Kommunikation durch Technologisierung entnatürlicht und entmenschlicht. Telekommunikation machen wir deshalb ab sofort auch wieder face-to-face und auf Schusters Rappen.

Auf, Brüder, die Bündel geschnürt und frohgemut vorwärts in die Vergangenheit! Aber ohne mich…

 


6 Kommentare on “Vorwärts in die Vergangenheit”

  1. Stefan R. sagt:

    Jup, volle Zustimmung. Ich hatte es auch mit Homöopathen und Alternativmedizinanhängern zu tun. Nix dagegen, so lange es hilft, aber wenn das in Richtung Glaubenssystem und geschlossenes Weltbild geht, wirds gefährlich. Letztendlich zwang ein Herzinfarkt mit anschließender Thrombose die Dame dazu, sich schleunigst in die Hände der bösen, seelenlosen Schulmedizin zu begeben, was ihr letztlich das Leben gerettet hat.
    Auch auf dem Gebiet der Ernährung greift diese romantische Idealisierung um sich (netter Artikel dazu).

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  2. gnaddrig sagt:

    Schöner Artikel, den Du da verlinkst, trifft es genau. Ich glaube, viele wissen einfach nicht, wie gut es ihnen geht und an was für Abgründen sie da entlangtanzen…

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  3. Denk sagt:

    Es ist der sog. Schulmedizin voll zuzugestehen, dass sie Hervorragendes leistet. Jedoch fände ich es sinnvoller, anstatt des „Entweder oder“ ein „Sowohl als auch“ zu setzen, denn viele Menschen finden auch auf anderen Wegen Heilung. Der Placebo-Effekt – der im Übrigen auch bei schulmedizinischen Behandlungen erwiesenermaßen eine bedeutende Rolle spielen kann – mindert nicht den großen Wert der Genesung für den Kranken, sondern gibt eher Aufschluss über die immensen Selbstheilungskräfte, die dem Menschen innewohnen.

    Für die Menschheit wäre es der größte Gewinn, wenn die verschiedenen Angebote gleichwertig nebeneinander stünden, ohne ideologische Trennung, vor allem aber ohne den ennervierenden Zwang zu permanentem Profit. Gerade letzterer spielt wohl – wie üblich in der derzeitigen Gesellschaftsform – meistens die größte Rolle und sorgt dafür, dass Gesundheit und Heilung von einem natürlichen Menschenrecht zu einer profanen Handelsware verkommt.

    Die Spaltung der Heilungsmethoden in verschiedene Lager, z. B. in „schulmedizinisch-anerkannt“ und „alternativ-esoterisch“, von denen eines das andere ablehnt und schlecht redet, ist leider, ebenso wie die Manipulationen und Betrügereien, die es zweifellos in beiden Lagern gibt, die typische Folge einer jeden Kommerzialisierung.

    Über den Wert oder die Wirksamkeit einer bestimmten Heilweise für einen bestimmten Menschen sagen diese Verhältnisse nicht das Geringste aus – viel mehr aber über den heillosen Gesamtzustand unserer Gesellschaft.

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  4. gnaddrig sagt:

    Eine ideologische Trennung zwischen wissenschaftlicher Medizin und alternativen Heilmethoden halte ich auch für unnötig. Die einzige sinnvolle Trennung erfolgt über die messbare Wirksamkeit.

    Medikamente und Behandlungsmethoden, deren Wirksamkeit nicht nachgewiesen werden kann (oder, die gibt es auch, deren Unwirksamkeit nachgewiesen ist), sind zu verwerfen. Wer auf solche Medikamente und Therapien zurückgreifen will, soll das auf eigene Kosten tun und auch die Folgen tragen.

    Medikamente und Behandlungsmethoden, deren Wirksamkeit nachgewiesen ist, können dagegen auf Kosten der Krankenkassen und damit der Allgemeinheit angewendet werden.

    Ein gleichberechtigtes Nebeneinander von wissenschaftlicher Medizin und alternativen Heilmethoden halte ich nicht für sinnvoll – was wirkt kann nicht gleichberechtigt neben dem stehen, was (oft genug nachweislich) unwirksam ist. Von den ganzen gefährlichen und gesundheitsschädlichen Behandlungsmethoden und Medikamenten mal ganz zu schweigen, die durch die alternative Heilerszene geistern.

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  5. Denk sagt:

    Ich könnte das Argument der Wirksamkeit nur akzeptieren, wenn sämtliche Arzneimittelstudien, die eine Wirksamkeit bestätigt und somit zu einer Marktzulassung geführt haben, korrekt abgelaufen und von unabhängigen Stellen finanziert und durchgeführt worden wären. Dies ist aber leider nicht der Fall.

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  6. gnaddrig sagt:

    Verstehe ich nicht. Natürlich gibt es Mauscheleien und Manipulationen bei wissenschaftlichen Studien. Manchmal werden Studien mit missliebigen Ergebnissen nicht veröffentlicht (und es gibt erhebliche Anstrengungen, das zu verhindern, Ben Goldacre ist da beispielsweise sehr aktiv, der schreibt auch böse Bücher über Systemfehler und Betrug in der wissenschaftlichen Medizin). Aber alles in allem haben die Ergebnisse dieser Studien und die daraus resultierenden Medikamente und Therapien immer noch eine ziemlich hohe Glaubwürdigkeit. Immerhin sind in den meisten Fällen die Daten öffentlich, sodass es selten möglich ist, völlig wirkungsloses Zeug durch den Zulassungsprozess zu bringen.

    Für alternative Medikamente und Therapien gibt es dagegen oft gar keine Studien, sondern Anekdoten von Einzelpersonen (oft mit unklarer Quellenlage, und Anekdoten sind als Wirkungsnachweis zumindest problematisch). Und wenn es Studien gibt, entspricht deren Design oft nicht wissenschaftlichen Standards. In der Homöopathie sieht es so aus, dass unzählige Studien keine Wirksamkeit über Plazebo haben feststellen können, und die wenigen Studien, die eine bessere Wirksamkeit suggerieren, halten wissenschaftlicher Überprüfung nicht stand.

    Und bei anderen Verfahren ist von vornherein klar, dass sie mindestens wirkungslos und oft hochgefährlich sind. Da gibt es etwa das Miracle Mineral Supplement von Jim Humble gegen Autismus oder die Schwarze Salbe gegen Krebs. Das ist selbstgekochter hochgiftiger Sondermüll. Mit solchen Mitteln riskiert man schwere gesundheitliche Schäden.

    Erstens behandelt man den Krebs nicht und verschenkt mit der alternativen Therapie wertvolle Zeit, irgendwann ist es dann zu spät für eine Operation oder Chemotherapie. Außerdem ätzt man sich die betroffenen Körperteile mit einer giftigen Salbe kaputt und trägt, selbst wenn man den Krebs überlebt, dauerhafte Schäden davon.

    Dass man solche Quacksalber weitgehend ungehindert ihr böses Spiel treiben lässt, ist schon viel zu viel. Sie gleichberechtigt neben echte Ärzte zu stellen, wäre purer Hohn. Man würde einen Raumflug ja auch nicht vom Astrologen berechnen lassen oder ein Auto von einem selbsternannten Schrauber reparieren lassen, der die grundlegenen Gesetze der Physik leugnet.

    Ich verlasse mich in Gesundheitsdingen lieber auf Studien, die trotz gelegentlicher Manipulationen überwiegend stichhaltig sind, als auf esoterische Phantastereien von Leuten, die nicht die geringste Ahnung von Medizin haben.

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