Ich will auch mal mitgemeint sein!

Seit Jahren wird an vielen Stellen im deutschsprachigen Raum versucht, eine weniger männerlastige, dafür gerechtere Sprache zu etablieren. Sehr verkürzt gesagt geht es darum, nicht mehr so oft männliche Formen zu verwenden, wenn Männer und Frauen angesprochen sind.

Das Bestreben ist, dass Frauen bei der Verwendung männlicher Formen nicht mehr einfach mitgemeint sein sollen, sondern dass man die Gemeinten direkt anspricht oder geschlechtsneutrale Formen verwendet, wo das geht. So schreibt man häufig nicht mehr Studenten, sondern Studentinnen und Studenten, verkürzt das zu Student/innen, Student_innen oder StudentInnen, oder man weicht auf neutrale Ersatzwörter aus, z.B. Studierende.

Dass viele Leute solche Schreibweisen nicht sofort gut finden und etwas fremdeln, kann ich ein Stück weit nachvollziehen. Ich schaffe es auch nicht, hier durchgehend geschlechtergerecht zu schreiben. Anderseits ist gerade der Geschmack sehr wandelbar, das Empfinden kann sich unter Umständen sehr schnell ändern, wenn man sich erstmal drauf einlässt.

Da hakt es dann oft – das Problem ist kein Sprachliches, sondern eines der Denkweise. Solange das berechtigte Interesse der einen Hälfte der Menschheit, gleichberechtigt angesprochen zu werden, von einer maßgeblichen Mehrheit als überzogen beiseitegewischt wird, helfen Sprachregelungen nicht.

Andererseits kann ein innovativer Sprachgebrauch durch Einzelpersonen, Organisationen, Behörden usw. eine Entwicklung in Gang setzen, die am Ende vielleicht zu einer weniger diskriminierenden Grundhaltung führt und sich in einer weniger diskriminierenden Sprache niederschlägt.

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Solche Bestrebungen stoßen erfahrungsgemäß fast immer auf erbitterten Widerstand. Platt gesagt: selbstgefällige alte Säcke sehen nicht ein, wieso sie ihre liebgewordenen Gewohnheiten ändern sollen. Dabei verlieren viele dieser honorigen Herrschaften oft einiges ihrer sonst sorgsam gepflegten Contenance und verfallen in genau den ruppigen und unsachlichen Diskussionsstil, den sie den angeblichen SprachpolizistInnen gern unterstellen.

Wenn man Äußerungen zu diesem Themenkomplex liest, könnte man meinen, da sei jemand unterwegs und fordere die Leute auf, sich mit einem rostigen Nagel ein Auge auszustechen. Dabei geht es nur darum, ein bisschen anders als gewohnt zu schreiben. (Ähnlich läuft es übrigens im Zusammenheng mit der Vermeidung rassistischer Sprache.)

Man setzt sich oft gar nicht erst mit diesen Anliegen auseinander, sondern man mauert: Man macht das Anliegen und seine Vertreterinnen lächerlich, bringt Beispiele, wo es nicht funktioniert oder völlig überzogen ist, oder nimmt gleich völlig unpassende Beispiele (wie *Mitgliederinnen, das deshalb keine weibliche Form braucht, weil das Wort ein Neutrum ist). Man führt als Gegenbeispiel Frauen an, die sich nicht nur nicht stören am ewigen Mitgemeintsein, sondern die ihrerseits ein Ende des „Genderwahns“ fordern. Man versteigt sich zu Beleidigungen und Drohungen.

Kurz, man tut alles, um die Diskussion vom eigentlichen Thema abzubringen, um sich nur nicht inhaltlich damit auseinandersetzen und womöglich einen Irrtum zugeben oder das eigene Verhalten ändern zu müssen. Lieber gibt man das Opfer einer kulturzerstörenden Feministinnenmeute.

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In Österreich scheint nun für eine Reihe von Leuten das Fass übergelaufen zu sein. Am 15. Juli haben fünf österreichische Akademiker einen offenen Brief an die dortige Obrigkeit veröffentlicht, in dem sie die „Rückkehr zur sprachlichen Normalität“ fordern.

Die Urheber und die etwa 800 mitzeichnenden „Linguisten, Germanisten, Hochschul-, Gymnasial- und Pflichtschullehrer, Journalisten und Schriftsteller, aber auch andere Personen des Gesellschaftslebens“ sind der getrenntgeschlechtlichen Schreibung überdrüssig. Diese, meinen sie, „zerstört die gewachsene Struktur der deutschen Sprache bis hin zur Unlesbarkeit und Unverständlichkeit“.

Anatol Stefanowitsch hat den offenen Brief im Sprachlog mit spitzer Feder sehr schön zerlegt. Auch anderswo ist der offene Brief nicht auf viel Gegenliebe gestoßen. Zu allem Überfluss hat der bundesdeutsche Sprachpfleger Bastian Sick, Autor des Buchs Der Genitiv ist dem Dativ sein Tod und neuerdings Mitzeichner des offenen Briefs, der Wiener Zeitung gleich noch ein Interview zum Thema gegeben. Dieses Interview hat Anatol Stefanowitsch ebenfalls elegant auseinandergenommen. Durchaus polemisch, aber sachlich richtig und meiner Meinung nach im Ton völlig angemessen. Sehr lesenswert!

Nachdem ich den beiden Texten von Anatol Stefanowitsch nichts wesentliches hinzuzufügen habe, bleibt mir nur, diese Diskussion wieder zu erden, indem ich ein paar Beispiele dafür bringe, dass man Frauen wirklich problem- und schadlos mitmeinen kann, wenn man sich auf die traditionellen männlichen Formen beschränkt. Die Idee zu diesem Beitrag und die ersten vier Beispiele stammen übrigens von meiner Frau, die der Argumentation und Intention des offenen Briefs genau wie ich eher wenig abgewinnen kann.

Hier also die Beispiele:

Der Frauenarzt erklärt dem Jugendlichen, was bei seiner ersten Regelblutung passieren wird.

Der Patient war nach seinen protrahierten Presswehen hochgradig traumatisiert und brach, während er genäht wurde, in Tränen aus.

Der Kunde war mit der Passform seines Brautkleides nicht zufrieden.

Jedermann sollte vor dem BH-Kauf seine genauen Körpermaße notieren.

Der Chef eröffnet seinem Angestellten, dass er ihn in eine andere Abteilung werde versetzen müssen. Er werde eine Übergabe an seinen Nachfolger organisieren.

Der diensthabende Netzwerktechniker hat nach Behebung des Stromausfalls den Server wieder hochgefahren. Gut gemacht, Moni!

Das Festival wurde von einem der berühmtesten Sänger der Welt eröffnet, Lady Gaga.

Der Gitarrist der Dixie Chicks war wegen Krankheit ausgefallen, deshalb bestritten der Violinist und der Vokalist den Auftritt zu zweit.

Die Servicekraft [hah!] hat dem schon etwas gebrechlichen Kunden beim Einsteigen geholfen.

In allen diesen Sätzen kommt nur ein Mann vor, der ist Servicekraft. Und ich verstehe echt nicht, was die Frauen immer haben. Männer werden ja auch immer (hah!) mit weiblichen Berufsbezeichnungen mitgemeint, und wir machen auch nicht so’n Geschiss drum…

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One Comment on “Ich will auch mal mitgemeint sein!”

  1. gnaddrig sagt:

    Geoffrey K. Pullum im Language Log über maskuline, feminine und neutrale Pronomina: The craven feminine pronoun.

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