Die Weltverschwörung

Am derzeitig stattfindenden Gaza-Krieg hat sich in Europa eine Welle organisierter Israelkritik mit erschreckend judenfeindlichen Äußerungen und Aktionen entzündet, die sich auch gegen Deutsche, Franzosen und andere EU-Bürger jüdischen Glaubens richten und mit israelischer Politik eigentlich nichts zu tun haben.

In dem Zusammenhang schwingt dann zuallermindest am rechten Rand des politischen Spektrums und in esoterisch-verschwörungstheoretisch orientierten Kreisen oft die Mär von der jüdischen Weltverschwörung mit. Das christenkinderblutsaufende internationale Finanzjudentum habe die Welt an der Wucherkandare, glauben manche, könne jeden Geldhahn jederzeit zudrehen und betreibe außerdem verschiedene Geheimgesellschaften, um die Weltherrschaft an sich zu reißen. Dass die dann auch die Presse kontrollieren, versteht sich im Rahmen dieser Weltsicht von selbst.

In der Jüdischen Allgemeinen habe ich neulich einen Comic von Ben Gershon gesehen, der das thematisiert: Ein als Jude erkennbarer Mann zappt sich durch Nachrichtensendungen, hört Textschnipsel wie Israel begeht Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Israel ist ein Terrorstaat, Gaza ist ein Gefängnis oder Unschuldige Kinder werden umgebracht.

Er stellt dann die offensichtliche Frage: … und die Leute denken immer noch, dass Zionisten die Medien kontrollieren? Also, als PR-Agentur würde ich die Leute nicht haben wollen…

Und mit den anderen angeblichen jüdischen Weltverschwörungen sieht es ähnlich aus. Wenn „die Juden“ tatsächlich darauf aus wären, per Verschwörung die Weltherrschaft zu übernehmen, wären sie nach heutigem Stand ziemlich erfolglos. Man schaue sich nur um auf dem blauen Planeten: Judenhass wird in weiten Teilen der muslimischen Welt mit 1,6 Milliarden Menschen mindestens wohlwollend toleriert, oft aber aktiv ermutigt und ist in vielen Fällen Staatsräson, etwa in Iran und in den meisten arabischen Ländern. Dann gibt es alle möglichen extremistischen Organisationen mit noch weitergehenden Ansprüchen.

Israel, Israelis und die Juden der Diaspora sehen sich, freundlich gesagt, ziemlich dauerhaft erheblicher Ablehnung gegenüber. Israel kriegt von den Vereinten Nationen ständig Resolutionen für Dinge um die Ohren gehauen, die bei anderen Staaten kaum der Erwähnung wert zu sein scheinen. Auch der Generalsekretär dieser Organisation wettert derzeit recht einseitig, und wenn Terroristen nicht gerade israelisches Obst mit Quecksilber vergiften, rufen alle möglichen selbsternannten Friedensaktivisten zum Boykott israelischer Waren auf. Sogar bei Israels besten Freunden unter den Ländern hört man seit Jahren immer wieder ausgesprochen unfreundliche Dinge.

Im heutzutage offiziell eher israelfreundlichen Deutschland etwa wird kaum je über Israel gesprochen, ohne dass dabei gleichzeitig deutlich gemacht wird, dass Israelkritik möglich sein und auch praktiziert werden müsse. Und so richtig die Feststellung an sich ist – Fehler dürfen und müssen benannt und kritisiert werden, und ein Mangel an Israelkritik ist auch in Deutschland nun wirklich nicht zu beklagen – so einseitig wird dann meist Israel kritisiert, während andere Akteure tendenziell geschont werden.

Da haben die jüdischen Weltverschwörer offensichtlich noch einen weiten und steinigen Weg vor sich.

** * **

Außer natürlich, das ist alles nur Tarnung. Der Islam, spinne ich jetzt mal wild ins Blaue, wäre eine von langer Hand vorbereitete Verschwörung, mit der die Juden eine existenzielle Bedrohnung ihres eigenen Überlebens vortäuschen und sich den Rücken freihalten wollen. Muslime wären in Wirklichkeit Juden und würden sich nur verstellen. Die Kriege, die Israel seit 1948 geführt hat, wären Theaterdonner mit Papierfliegern und Pappmachépanzern gewesen, die Toten aller beteiligten Parteien mit Schminke aufbereitete Komparsen mit erfundenen Identitäten.

Ereignisse des Zeitgeschehens lassen sich von interessierten Kreisen mühelos so interpretieren, dass sie in dieses Bild passen: Muslime dehnen seit langem den Einflussbereich des Islam aus, oft durch Migration, oft genug militärisch und stellenweise sehr aggressiv. Man sagt, sie hätten jetzt Europa fest im Visier, wollten Europa über ihre höhere Geburtenrate überrollen und islamisieren. Die westliche Welt stehe wegen der sowieso dümmlichen Religions- und Meinungsfreiheit sowie der alles erstickenden political correctness benommen daneben wie der Ochs wenn’s donnert, und ehe wir es uns versehen haben die Muslims die Welt unterjocht, lassen den Schafspelz fallen und entpuppen sich als Jehovahs jüdische Kommandotruppe. Dann werden, ah-ha-ha, die Vorhäute fallen.

Hm, vielleicht war es doch unklug, diesen Pilz zu probieren…

** * **

Was ich eigentlich sagen wollte: Natürlich kann man nicht so ohne weiteres sehen, ob es eine bestimmte Verschwörung gibt. Geheimniskrämerei liegt in der Natur von Verschwörungen, und Verschwörer gehen erst freiwillig an die Öffentlichkeit, wenn sie ihr Ziel praktisch in Griffweite glauben. Man kann demnach also nicht sicher sein, ob es eine jüdische Weltverschwörung nicht doch gibt und wann „die Juden“ soweit sind, dass sie sich als die wirklichen Herrscher der Welt outen können (genauso wie man sich nicht sicher sein kann, ob es Russells Teekanne nicht doch gibt).

Aber wenn man mal davon ausgeht, dass die Kreise, die von der Gängelung der Weltpresse durch die Zionisten fantasieren, ungefähr dieselben sind, die auch von jüdischen Weltverschwörungen schwurbeln (und als Illustration dazu manchmal öffentlichkeitswirksame Texte wie die Protokolle der Weisen von Zion fabrizieren), bleibt nicht viel übrig. Das Maß, in dem „die Juden“ (oder meinetwegen „die Zionisten“) die internationale Presse kontrollieren und gängeln, lässt direkt auf den Stand des jüdischen Griffs zur Weltherrschaft schließen.

Und bei dem Maßstab braucht man sich um jüdische Weltverschwörungen nun wirklich keine Sorgen zu machen.


4 Kommentare on “Die Weltverschwörung”

  1. bertrandolf sagt:

    Ich würde „die Juden“ nicht unbedingt mit den Zionisten gleich setzen. Aber wenn man sich mit der Sache beschäftigt, trifft man fast zwangsläufig auf komische Dinge. Zum Beispiel die Verhandlungen von der NSDAP und den Zionisten, die im Ha’avara Abkommen enden und sogar von A. Eichmann ausgehandelt wurden. Oder aktuell sehr merkwürdige Verbindungen von Israel mit dem rechten Geert Wilders, der sogar Konferenzen in der israelischen Botschaft abhält, damit ihn der niederländische Verfassungsschutz nicht abhören kann. Sozusagen ein „Neuer Rechter“, ohne Antisemitismus, dafür gegen den islam. Ganz Schwarz Weiss sind diese Dinge wohl nicht.

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  2. gnaddrig sagt:

    Klar, Juden und Zionisten kann man nicht gleichsetzen. Da gibt es eine Schnittmenge, mehr nicht. Das habe ich nur von den eifrigen Israelkritikern übernommen, die derzeit gern gegen Zionisten wettern, wenn sie Israelis oder Juden meinen. Dass die Welt dabei nicht schwarzweiß ist und alle ihre Fehler machen und keiner so sauber ist, dass er den ersten Stein werfen könnte, dürfte klar sein.

    Die kritikwürdigen Fehler egal von wem kann man aber jedenfalls ohne böswillige Verdrehungen, ohne Propaganda, ohne Verschwörungsgeschwurbel und ohne Hasstiraden behandeln, und dann kann sogar was Gutes bei rauskommen. So, wie es derzeit fast überall läuft, wird alles nur immer schlimmer.

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  3. Herr Bertrandolf, da haben Sie sich aber sehr faule juedische Rosinen herausgepickt. Fuer Sie gibt es offenbar nur dubiose Juden.

    PS: bitte, kommentieren Sie weniger schnoddrig, sonst kommt Verdacht auf, die Deutschen koennen nur schnoddrig schreiben.

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  4. […] wenn es den Versuch einer solchen Weltverschwörung gäbe, so umfassend könnte die gar nicht sein. Und sie wäre längst aufgeflogen. Andernfalls […]

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