Zuckerkulör

Whisky darf man sicher zu den eher besonderen geistigen Getränken zählen. Ich selbst bin ein großer Fan von dem Zeug.

Präzisierung: Ich trinke nicht viel Whisky, auch nicht besonders oft, dafür aber mit großem Genuss. Ich hole sozusagen aus jedem Tropfen, den ich zu mir nehme, das für mich machbare Maximum an Genuss heraus.

Wenn ich hier übrigens von Whisky spreche, meine ich Single Malt Whisky, nicht das gepanschte Zeugs, das als Scotch Whisky vertickt wird. Das ist allenfalls für Hot Toddy (Grog mit Whisky statt mit Rum) gut und vielleicht als Backzutat. Auch wer Whisky mit Eis oder Cola trinkt, ist damit gut bedient, da ist der Geschmack ja sowieso fast egal. Der Kenner trinkt jedenfalls Single Malt, der im übrigen auch gern aus Irland oder sonstwoher stammen darf, ungekühlt, ohne Eis und auf jeden Fall ohne Soda.

Und während ich ein paar Dinge über die Herstellung von Whisky weiß, belaste ich mich da nicht mit allzuviel Detailwissen. Welche Bauformen Destillen haben, welche Verfahren angewendet werden, ob und wie gefiltert wird ist mir alles ziemlich wurscht. Dass man Malzwhiskys nach der Lage der Distillerie in Gruppen unterteilt (Islay, Islands, Speyside, Highlands) weiß ich wohl, könnte aber die Charakteristika der einzelnen Gruppen aus dem Stand nicht aufzählen, mit Ausnahme der Islay-Whiskys, die sind vergleichsweise torfig im Geschmack. Das weiß ich aber auch nur, weil ich torfig mag und zwei meiner Lieblingswhiskys – Ardbeg und Bowmore – von dort kommen.

Nun wird schottischerseits ein Riesengewese um den Whisky gemacht. Da werden rund um die Herstellung Legenden gestrickt und Marotten kultiviert. Die guten Rohstoffe, die sorgfältige Verarbeitung, die ausgeklügelten Methoden, die fachmännische Lagerung, weitreichende Entscheidungen in Sachen Lagerungsdauer, Verschnitt und Abfüllung – es wird als eine Art Geheimwissenschaft dargestellt, deren Details von Expertenmund zu Expertenohr weitergegeben werden. Der heutige Whiskybrennerlehrling hört also praktisch die mythischen Erfinder des Whiskys selbst, wenn der Meister ihm ins Ohr flüstert, was er wie genau tun muss, damit der Stoff gut wird.

Kleinste Details können angeblich Einfluss auf das Ergebnis haben. Kellermeister sollen schon die Entfernung von Spinnweben im Keller verboten haben, weil dadurch das Ergebnis verfälscht werden könnte. Oder natürlich die Spinnweben zeigen an, dass dort Spinnen wohnen oder nicht mehr wohnen, und daraus lassen sich Rückschlüsse auf das Vorliegen bestimmter unverzichtbarer, anders nur schwer messbarer Umstände ziehen, etwa Luftfeuchtigkeit und Temperatur im Keller. Und natürlich die Pittoreskizität der Untermehmung muss gewahrt bleiben, sonst fühlt der Whisky sich nicht wohl.

** * **

Guter Whisky ist also ein hochsensibles Gebräu, dessen Herstellung jedes Quäntchen an Handwerkskunst erfordert, dessen man habhaft werden kann. Da wird nun also genau die richtige Gerste auf genau die richtige Art geerntet, eingebracht und weiterverarbeitet.

Der Whisky wird, wie bereits angedeutet, nach uralthergebrachten Methoden mit traditionellem Gerät hergestellt (außer jemand Schlaues hat Teile des Geräts oder des Verfahrens verbessert, damit die Herstellung billiger oder das Resultat besser wird, dann darf man von dem alten Wissen abweichen, was ganz nebenbei gesagt der einzig wahre Umgang mit „altem Wissen“ ist), fachgerecht zur Reifung eingelagert und kommt dann nach langen Jahren aus dem Fass  – klassischer Whisky, der die Trinksprüche der allerersten keltischen Schotten ohne Probleme verstehen würde.

(Dass Whisky weder schottischen Ursprungs ist noch eine besonders lange Tradition hat, erwähnt man ungern, man will den Aficionado mit soviel Details nicht überfordern. Als die Kelten vor 2500 Jahren nach Schottland kamen, kannten sie ziemlich sicher noch keine Spirituosen, gelegentlich als „steinzeitlicher Vorläufer des Whiskys“ bejubelte archäologische Funde deuten eher auf Kräutertees oder bestenfalls mit Kräutern versehenes Bier hin. In Wirklichkeit ist der Whisky wohl erst im 15. Jahrhundert aus Irland nach Schottland gekommen.)

Vieles mag Folklore zur Kundenbindung sein, ein guter Teil wird wirklich für das Ergebnis wichtig sein. Aber egal, da haben wir jetzt jedenfalls diesen perfekten urauthentischen Tropfen im Glas, zur besten Zeit aus dem Fass geholt und auf Trinkstärke verdünnt (oder auch nicht) kurz vor der Abfüllung. Ein perfekter Tropfen, die Essenz Schottlands sozusagen. Jetzt schaut jemand vom Marketing vorbei und ist entsetzt:

Das Zeug ist ja so blass. Ist das wirklich 15 Jahre alter Whisky aus dem Eichenfass? Wie kann es sein, dass der so blass ist?

Ja, Chef, der kommt eben mal so, mal so aus dem Fass. Die Farbe ändert sich, sind ja auch nicht alle Fässer gleich.

Aber was soll der Kunde denken. Der 15-Jährige vom vorigen Jahr hatte so eine schöne satte Bernsteinfarbe, sehr fotogen. Was sollen die Leute denken, wenn sie das anämische Zeug hier sehen?

Ach Chef, die kennen sich doch aus. Wer den Whisky trinkt, weiß, dass die Farbe sich ändert. Hauptsache der Geschmack stimmt, und das tut er.

Ja, aber das sieht doch nach nichts aus, das ist doch blass wie amerikanisches Diätbier, da müssen wir was machen!

Am Ende kippen sie Zuckerkulör in den Whisky, streng geschmacksneutral, damit er ja jedes Jahr dieselbe richtige satte Farbe hat. Soviel zum Thema Authentizität…

Nachtrag (30. Oktober 2014): In der Quengelzone auf Zeit Online hat Marcus Rohwetter ein paar interessante Gedanken zum Thema Whisky-Connaisseure, Geschmack und Preisgestaltung am Beispiel von Johnny Walker aufgeschrieben. Lesenswert.

Advertisements

4 Kommentare on “Zuckerkulör”

  1. Pfeffermatz sagt:

    Boah, toll. Und ich muss jetzt mal beichten… Also, ich, also, naja,… ähm, also ich mag Bourbon. Mit Eis. Und zwar viel lieber als Scotch. Wirklich: wenn bei mir spätabends alkoholtechnisch noch was geht (was häufig nicht der Fall ist, da ich nicht allzu viel vertrage), dann genieße ich mein Gläschen Whiskey (bei mir mit „e“!) so wie du – jeden Tropfen einzeln 🙂
    Bei Wein bin ich übrigens nicht so wählerisch: hautpsache rot, cabernet-sauvignon verwandt, und etwas Kaugummigeschmack im Abgang. Und der Wein muss aus einem Snoopy-Glas trinkbar sein, sonst ist das nichts.

    Gefällt mir

  2. gnaddrig sagt:

    Hauptsache es schmeckt! Deins muss ja mir nicht schmecken und meins Dir nicht. Insofern störe ich mich nichtmal an Bourbon-mit-Eis-Trinkern, und sogar Cola-Rot ist mir egal, solange ich das nicht trinken muss 🙂

    Gefällt mir

  3. […] als Werbung benutzen. Ist vielleicht besser so, zumal der Schnaps gut genug ist und meines Wissens ohne Farbstoff abgefüllt wird. Echte Qualität spricht sich eben […]

    Gefällt mir

  4. […] (nach einem traditionellen Rezept von Hand gemachte!) Karamellbonbons mit etwas (natürlich auch nach alter Tradition handwerklich hergestelltem) Whisky – „A generous measure of Edradour Malt Whisky is […]

    Gefällt mir


In den Wald hineinrufen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s