Erwachsen?

Männer, heißt es manchmal, werden nie erwachsen, sondern bleiben innerlich ihr Leben lang Kinder. Andererseits verknöchern viele Leute, wenn sie erwachsen werden, teilweise erstaunlich früh und gründlich.

Manche, die noch als Student wach und neugierig waren, spontan und ein bisschen unkonventionell; die bei jeder Gelegenheit stundenlang über Gott und die Welt diskutiert, Nächte durchgefeiert und die Vormittage danach auf fremden Klappsofas verschlafen haben, sprechen oft schon mit Mitte dreißig fast nur noch über die Frage Wohnung oder Reihenhaus. Einen langen Urlaub oder zwei kurze. Oder über das Zweitauto. Oder über die Gestaltung des Gartens.

So Sachen. Was einen eben alles beschäftigt als Karrierestarter und Nestbauer. Partys, gemeinsame Essen oder Abende, an denen man gemütlich zusammensitzt, können dadurch sterbenslangweilig werden. Ist mir im Bekanntenkreis mehrfach begegnet, völlig unerwartet.

(Ich hätte natürlich damit rechnen müssen. Mit Leuten aus der Schule ist es ähnlich gegangen. Mehrere der wildesten Heavy-Metal-hörenden Protestkrakeeler aus meinem Abiturjahrgang haben sich, kaum den Wehrdienst bzw. Zivildienst absolviert und in Betriebswirtschaft oder Jura immatrikuliert, in karrieregeile Schleimer verwandelt, weil ja bekanntlich ein Jahr später fertig zu sein die Karrierechancen negativ beeinflusst, ein Jahr mehr auf dem Lebenslauf eine Ewigkeit ist und man überhaupt möglichst früh an die Fleischtöpfe will.

Vielleicht war deren Pubertät nur besonders heftig. Auf jeden Fall hat das Pendel dort anschließend einen kräftigen Ausschlag in der Gegenrichtung gemacht. Bleibt abzuwarten, ob sie mit 50 dann im Zuge des nächsten Pendelschwungs aussteigen, um dann Anfang 60 nochmal im Beruf durchzustarten, wenn sich das bohemische Privatiersdasein dann doch als zu unsicher herausstellt.)

Vernünftige, wache, intelligente Leute mutieren also unversehens zu piefigen Gänseblümchenzählern, die sich allenfalls über die richtige Weinsorte und den besten Urlaubsort noch ereifern können. Natürlich haben diese Themen im Alltag ihre Bedeutung, natürlich sind die Fragen für die Leute jeweils aktuell, und sich damit auseinanderzusetzen ist recht und billig. Aber ich finde es trotzdem erschreckend, wie viele gebildete und früher sehr an der Welt interessierte Bekannte sich völlig auf diesen Kleinkram zurückziehen und wie wenig sie über ihre Schrankwand zu blicken bereit sind.

Da ist man kaum ein paar Jahre im Ausland, und wenn man sich zurückmeldet, kommen die ganzen alten Bekannten als bionadebiedermeiernde Spießer daher. Ich hoffe, ich bin nicht auch so. Man merkt sowas ja selbst oft gar nicht, genauso wie die eigene Duftwolke

Egal, ich habe jedenfalls Vorbilder dafür, wie es anders geht, und das müssen gar keine großen Dinge sein. Ich erinnere mich etwa an einen Nachbarn meiner Oma, irgendwann in den 90er Jahren. Ein alter Herr, knapp unter 80, weißer Haarkranz, stämmig aber nicht dick, dunkler Anzug mit Stock und Hut. Ganz honorig, hätte jederzeit direkt ins Theater oder ins Konzert können.

Erinnern tue ich mich an die Szene, wo er pfeifend, den Stock als Balancierstange benutzend, auf der Betoneinfassung des Gartenwegs vor dem Haus entlangbalancierte und seine Frau, ebenfalls gediegen formell gekleidet, ihm offensichtlich liebevoll und gleichzeitig halb amüsiert und halb augenverdrehend hinterherschaute. Das hat mir bei beiden ausgesprochen gut gefallen. So gehört das, finde ich!

Man soll sowas jedenfalls nicht deshalb nicht machen, weil man sich für zu erwachsen, ernsthaft oder würdevoll hält. Man kann wachbleiben und wirklich leben, anstatt in Klischees und ritualisierter Piefigkeit zu erstarren. Man kann sich auch Kindliches bewahren, ohne deshalb kindisch zu sein. Dabei hilft einem die Bereitschaft, sich bei Gelegenheit ein bisschen lächerlich zu machen, weil man das tut, wonach einem ist anstatt sich brav erwachsen zu benehmen.

Echte Würde bleibt davon sowieso unberührt, oder nein, sie wächst dadurch noch. Gelegentlich ein bisschen Albernheit tut gut. Das sollten viel mehr Leute ausprobieren oder wenigstens andere dafür nicht missbilligen, dann sähe die Welt sicher besser aus.

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12 Kommentare on “Erwachsen?”

  1. Nesselsetzer sagt:

    Ja! Ja! Ja!

    Ich kann Dir nur rundum und uneingeschränkt zustimmen. Leider scheint es nicht viele zu geben, die auf biedermeierndes Spießertum pfeifen und nur dann ernst sind, wenn es „gilt“, wenn es also benötigt wird. Viel zu viele haben eine merkwürdige Vorstellung davon, was Erwachsensein eigentlich bedeutet und komische Prioritäten setzen (mein Geld, mein Haus, mein Auto, mein Boot, mein Wein)

    Besonders witzig finde ich, dass die meisten als Heranwachsende sich ungeduldig nach der Freiheit des Erwachsenseins sehnen – um sich dann selbst völlig in ihren Lebens- und Denkfreiheiten einzugrenzen. Nun ja, das nennt man dann wohl kulturelle Entwicklung. Ich nenne es schlichtweg Beschränktheit.

    Ach ja, ich lasse mir im Übrigen gerade die Haare mal wieder richtig lang wachsen, und manche meinten gar, es wäre für mein Alter unpassend 😀

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  2. gnaddrig sagt:

    Ich selbst mag lange Haare nicht, fühlt sich unangenehm an, genau wie Bart im Gesicht. Und viele Männer, die lange Haare tragen, sollten das meiner Meinung nach lieber nicht tun, weil es ihnen nicht steht. Aber Altersangemessenheit spielt da nun wirklich keine Rolle, finde ich. Also recht so, lass wachsen, wenn Dir danach ist 🙂

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  3. Nesselsetzer sagt:

    Ha! Ich habe auch Bart, allerdings mag ich den nicht lang. Insofern sieht er eher wie dauerunrasiert aus, oder modern: Dauerdreitagebart. Und ehrlich gesagt weiss ich gar nicht, ob mir lange Haare stehen, ich frage ja niemanden. Und da die meisten mit der Mode mitgehen, wird man auch selten eine unbeeinflusste Meinung zu hören bekommen. Insofern weiss ich ein „Das steht Dir nicht“ nicht dahingehend einzuordnen, ob es mir nur deshalb nicht steht, weil die 70er-Jahre-Zeiten out sind oder weil es mir tatsächlich nicht steht. Insofern richte ich mich dabei dann nur nach meinen eigenen Wünschen. Aber ich kenne mich: wenn mir die langen Haare lästig werden, sind sie schnell wieder weg. So war das bisher immer… 🙂

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  4. gnaddrig sagt:

    Genau die richtige Einstellung. Im Zweifel musst Du Dich in Deiner Haut wohlfühlen. Wenn jemand in Deinem Umfeld meint, Frisur, Bart, was auch immer steht Dir nicht oder passt nicht zu Dir, werden sie damit leben müssen.

    Davon abgesehen haben wir ja auch schon festgestellt, dass man unterschiedliche Meinungen haben kann (Pfefferminztee!) und trotzdem gut miteinander auskommen…

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  5. Nesselsetzer sagt:

    Ich fühlte mich soeben durch diese Diskussion dazu animiert, auf einer Kurzwanderung meine Nachbarin – unter der Prämisse einer rücksichtslosen ehrlichen Antwort – zu fragen, ob mir die langen Haare stehen, und sie bejahte dies mit den Worten: „Ich finde, dass sieht doch toll aus.“ (Glück gehabt 😉 )

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  6. gnaddrig sagt:

    Und da sage nochmal wer, durch Schreiben könne man nichts bewirken…

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  7. noemix sagt:

    Männer werden bekanntlich 7 Jahre alt. Danach wachsen sie nur noch.

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  8. gnaddrig sagt:

    Manche schaffen’s auch bis 12.

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  9. Nesselsetzer sagt:

    Also, ich fühle mich wie 17

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  10. gnaddrig sagt:

    Vielleicht ist es ja auch komplizierter: Lebensalter (also Tagesdatum minus Geburtsdatum) mal irgendein Faktor, der sich irgendwie zusammensetzt. Wer weiß…

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  11. Yadgar sagt:

    Vor nunmehr fast vier Jahren (2006) schrieb ich zu diesem Stichwort (im „Assoziations-Blaster, dieser Text hier stammt von 2009):

    »Lebenslänglich per Gehaltsscheck ruhiggestellte Konformzombies in Schlips und Anzug, kurzhaarig, glattrasiert und barsch, bloß nicht aus der Reihe tanzen, Audi, Bausparvertrag, Bluthochdruck und Beistellfrau… im Grunde sind es arme Schweine, aber sie wollten es ja so…«

    Inzwischen bin ich 40 Jahre alt, kann aber immer noch keinen Schlips binden, besitze nichts, was man auch nur entfernt als Anzug bezeichnen könnte, meine Haare sind länger denn je, der Bart wuchert auch ganz unprofessionell, Gelegenheit, barsch zu sein habe ich mangels sozialer Kontakte in der richtigen Welt jenseits des Internets kaum, ebensowenig wie ich irgendwo eine Reihe sehe, aus der ich tanzen könnte. Eigentlich überflüssig zu erwähnen, dass es bei mir nicht einmal annähernd für einen Audi reicht, ebensowenig für einen Bausparvertrag; die Beistellfrau fällt aus Homomaskulinitätsgründen weg. Lediglich mein Blutdruck ist mittlerweile hoch genug, dass ich angefangen habe, meinen Salzverbrauch einzuschränken – aber stolz bin ich darauf ganz und gar nicht.

    Nein, richtige Erwachsene leben nicht in zwergigen Studentenbuden und fahren Fahrrad, Bus oder Bahn. Richtige Erwachsene leben von eigener, harter Arbeit (hart muss sie sein!), anstatt der Allgemeinheit mit Hartz IV auf der Tasche zu liegen. Richtige Erwachsene sind heterosexuell, verheiratet und haben zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Richtige Erwachsene machen Karriere, haben Verantwortung, üben Macht aus. Richtige Erwachsene lenken Konzerne und Staaten, führen Kriege und begehen Völkermorde. Richtige Erwachsene wissen zu töten wie auch zu sterben.

    Richtige Erwachsene haben in meinem Alter längst schon einmal eine Nacht im Puff, Knast oder Kloster verbracht; richtige Erwachsene wissen, wie sich eine geladene 45er in der Hand anfühlt und erkennen ein Zippo-Feuerzeug am Klang. Richtige Erwachsene können am Geschmack Beluga- von Sevruga-Kaviar unterscheiden. Richtige Erwachsene vertragen mehr als bloß zwei Gläser Kölsch, richtige Erwachsene kennen das Gefühl von Tempo 280 auf einer leeren nächtlichen Autobahn.

    Richtige Erwachsene sind über hemmungsloses romantisches Fernweh längst hinweg, weil sie die Globetrotterei schon als Twentysomethings erledigt haben.

    Das alles kriege ich nicht auf die Reihe, aus mir wird kein Hitler, kein Stalin, kein George W. Bush und kein Bill Gates, nicht einmal ein Otto Normalverbraucher oder eine Bontempi spielende, Aldi-Cognac trinkende Tante Frieda aus Recklinghausen.

    Sollte ich deswegen unglücklich sein?

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  12. gnaddrig sagt:

    Herzlich willkommen. Und zum Unglücklichsein sehe ich wirklich keinen Grund!

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