Ohne Worte

Seit einiger Zeit kursiert bei sogenannten Reichsbürgern und anderen Verschwörungstheoretikern die Mär, dass man in Deutschland Standardbriefe ganz legal für sagenhafte 4 Cent Porto verschicken kann. Man müsse nur die Postleitzahl in eckige Klammern setzen, um sie als „Verwaltungsnummer“ zu kennzeichnen, damit die Besatzer wissen, wie sie mit dem Brief umzugehen haben, und ab die Post.

Belege für die behauptete Höhe des Portos, für die Geschichte mit den eckigen Klammern usw. gibt es natürlich nicht. Sind auch gar nicht nötig, weil die Wahrheit anscheinend so offensichtlich ist. Anders gesagt: Man muss die Behauptungen einfach glauben.

Auf gezielte Nachfrage kommen entweder Mutmaßungen, man sei dumm, systemhörig, merkbefreit, lasse sich von DENEN einlullen usw. oder mehr oder weniger herablassende Aufforderungen, man solle sich doch bitte damit beschäftigen, das mal recherchieren, in die Materie einsteigen, sich schlaumachen o.ä., natürlich wieder ohne Nennung von Quellen oder geeigneten Ausgangspunkten für die Recherche.

Reichsbürgerblogs zählen nicht, weil die ihre Behauptungen typischweise sowieso nur gegenseitig rebloggen oder voneinander abschreiben. Da rennt man ewig im Kreis, wenn man da hinterherlesen will, und auch beim Lesen der dreizehnten Kopie derselben wirren Meldung auf dem dreizehnten Blog wird man nicht schlauer draus.

Das gängige Vorgehen sieht vermutlich so aus: Man definiert das gewünschte Ergebnis (zum Beispiel Deutschland ist kein souveräner Staat, sondern eine Firma oder Man kann Briefe für 4 Cent Porto verschicken, weil der Weltpostvertrag und die Alliierten und die Souveränität und eckige Klammern und überhaupt, Quantum und so), googelt das, liest alles, was diese Stichwörter enthält, verwirft alles, was nicht zum vordefinierten Ergebnis passt und redet sich ein, man habe Fakten recherchiert und wasserdicht belegt.

Egal, ich habe mich lange gefragt, wie die auf den Betrag von 4 Cent kommen. Ich meine wieso gerade 4 Cent, und wie leitet man die aus dem Weltpostvertrag ab? Ich war echt ziemlich ratlos, aber jetzt hat es mir ein (mutmaßlicher) Reichsmensch dankenswerterweise verraten. Ich hatte mir vor ein paar Monaten im Kulturstudio eine Videotirade zum Thema angesehen und in den Kommentaren ein paar Fragen gestellt. Nachdem die lange ignoriert worden waren, ist jetzt endlich die erlösende Antwort erschienen.

(Mittlerweile bin ich dort offensichtlich auf einer Art Schwarzen Liste gelandet, meine Kommentare werden nicht mehr freigeschaltet. Ich habe aber auch mehrmals nach Quellen oder anderen Belegen gefragt und auf Unstimmigkeiten hingewiesen, das war auf Dauer sicher lästig. Deshalb kann ich mich dort auch nicht angemessen für die geduldige Aufklärung bedanken mit dem Hinweis unbeliebt machen, der Kommentator habe meine Fragen gar nicht beantwortet und stattdessen nur die haltlosen Behauptungen wiederholt.)

Endlich ist dieses große Rätsel also aufgeklärt, und ich will die frohe Botschaft natürlich nicht für mich behalten. Die Antwort ist von bestechender Einfachheit, in jeder Hinsicht: Man rechne die im Weltpostvertrag von 1891 genannten 25 Centime nach dem am 31. Dezember 1998 endgültig festgelegten Wechselkurs des Französischen Franc in Euro um, et voilà – diese 25 Centime entsprechen 0,038 Euro, gerundet also 4 Cent.

Noch Fragen?

Nachtrag (11.09.2014): Nach Auskunft der Deutschen Post AG enthält der Weltpostvertrag überhaupt keine Regelungen zum Inlandsporto. Der WPV, schreibt die Post, besagt gar nichts über nationale Preise und Tarife, sondern regelt ausschließlich die Endvergütungen für grenzüberschreitende Sendungen. Dabei regelt der WPV die Vergütungen zwischen Postunternehmen, nicht die Preise für die Kunden/Absender. (via)

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10 Kommentare on “Ohne Worte”

  1. Pfeffermatz sagt:

    Ja. Was kostet ein 1,5kg-Paket in die USA laut Weltpostvertrag?

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  2. gnaddrig sagt:

    Schau im Weltpostvertrag nach, da müsste Paketpost irgendwo erwähnt sein.

    Was die Reichspost seinerzeit verlangt hat, kannst Du hier raussuchen. Das Reichspostporto müsste ja mit dem WPV konform gegangen sein.

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  3. knipserei sagt:

    *kopfschüttel* – aber danke für die Infos. Das es schon so weit in den Köpfen ist, hätte ich nicht gedacht.

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  4. gnaddrig sagt:

    Tja, das Land der Dichter und Denker…

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  5. David sagt:

    warum wird hier solang auf den Begründungen der „Verschwörungstheoretiker“ herumgehackt ??? Ich finds Klasse dass es einfach funktioniert für 4 Cent Briefe zu verschicken !! Super Sach!!

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  6. gnaddrig sagt:

    Weil die „Begründungen“ der Verschwörungstheoretiker vollständiger Unsinn sind. Funktionieren tut das mit den 4-Cent-Briefen auch nur, solange es Einzelfälle sind und es der Post zu aufwändig ist, da hinterherzurennen. Was passiert, wenn jemand in größerem Umfang 4-Cent-Briefe verschickt, kann man hier nachlesen.

    Direkt zum Briefwechsel zwischen der Deutschen Post AG und Benjamin Ernst geht es hier.

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  7. foster sagt:

    Äh. War einen Moment sprachlos. Also ich hätte nicht den Nerv, mich ernsthaft mit solchen Theorien auseinanderzusetzen. Oder dies womöglich gar tun zu müssen, wie der bedauernswerte Anwalt des Vor-Gericht-ziehen-Ankündigers. Bitter.

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  8. gnaddrig sagt:

    Allerdings. Nicht umsonst gibt es mittlerweile Schulungen für Behördenmitarbeiter zum Umgang mit solchen Leuten. Wahnsinn, was tendenziell ohnehin schon überlastete Sachbearbeiter u.ä. an Zeit und Nerven in solche Kunden investieren müssen, als hätten sie nicht sowieso schon genug zu tun.

    Was den Anwalt angeht: Kann gut sein, dass der 4-Cent-Briefler einen Anwalt aus der Szene findet, die machen das gern…

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  9. foster sagt:

    die machen das gern

    – In dem Fall hat das Gericht den Zonk. Bleibt zu hoffen, dass es niemals Richter von der Sorte gibt, sonst haben die Normalen das Problem.

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  10. gnaddrig sagt:

    Gruseliger Gedanke, allein schon wegen der dann zu erwartenden amtlichen Textmenge. Aber die müsste man ziemlich schnell absägen können – Richter müssen doch so eine Art Amtseid leisten, oder? Auf das Grundgesetz bzw. die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Das kann man als Reichsbürgerlicher eigentlich nicht.

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