Unabhängigkeit, noch wer?

Die Schotten stimmen in ein paar Tagen darüber ab, ob sie das Vereinigte Königreich verlassen und sich nach 300 Jahren wieder selbständig machen wollen. Klingt erstmal nach ’ner Superidee: Freiheit für die, ahem, Unterdrückten. Und zwei kleinere Länder sind auch immer besser als ein größeres. Schon die Kosten für die dann plötzlich nötig werdenden Botschaften in aller Welt sind ein beachtlicher Posten. Die erträumten schottischen Petrodollars wollen ausgegeben werden.

Natürlich darf man das nicht nur unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten sehen. Auch die Gefühle wollen beachtet sein. Und seit in Schottland die anscheinend seit Jahren schon rege trommelnden Abspaltungsbefürworter laut Umfragen jetzt erstmals in die Mehrheit gerutscht sind, kommt dort ein stellenweise ziemlich hässlicher Nationalismus zum Vorschein, hört man. Wer nicht für die schottische Unabhängigkeit ist, wird beschimpft oder ignoriert. Noch nicht verprügelt, aber wer weiß, das kommt dann nach der Unabhängigkeit. Dann ziehen vielleicht Lynchmobs vor die Häuser bekannter Unionisten.

Aber da ist ja nicht nur Schottland. Kaum spricht es sich herum, dass die Unionisten dort jetzt in der Minderheit sind, gehen anscheinend die Katalanen auf die Straße. Die wollen ja auch schon seit geraumer Zeit Spanien verlassen und auf eigenen Beinen stehen. Die Entwicklung in Schottland gebe ihnen Aufwind, liest man. (Die Basken, Korsen und Bretonen spitzen sicher auch schon die Ohren.) Die Sezession Kataloniens birgt dieselben grundsätzlichen Probleme wie die Schottlands, obwohl Katalonien immerhin eine der wirtschaftsstärksten Regionen Spaniens ist, die könnten am Ende finanziell sogar was davon haben. Wir werden sehen.

Aber wenn wir schon dabei sind, könnten die Wallonen und Flamen in Belgien sich auch gleich trennen, das läuft ja sowieso schon lange ziemlich unrund dort. Die können (und wollen) offensichtlich nicht recht miteinander.

Und dann ist da noch Bayern. Das Land, in dem alles besser ist, der Himmel blauweißer, das Bier reiner, die Ministerpräsidenten lauter, die Modellautos besser. Das Land, das sich mithilfe des Länderfinanzausgleichs (und, zugegeben, augenscheinlich zielführenden politischen Entscheidungen) über Jahrzehnte vom bitterarmen Empfänger zum mit Abstand größten Zahler gemausert hat und jetzt die anderen Bettler nicht mehr mit durchschleppen will.

(Dass Berlin und Brandenburg sich nicht über eine Zusammenlegung verständigen konnten; dass das Saarland und Rheinland-Pfalz de facto fast fusioniert sind, so viel machen die zusammen, sich offiziell aber die kalte Schulter zeigen; dass im Norden zwei Stadtstätchen, eins davon dauerhaft klamm, separat vor sich hinmauscheln, gibt den Bayern zumindest teilweise sogar recht – das Geld für die vielen bürokratischen Wasserköpfe ließe sich sinnvoller einsetzen.)

Egal, sollen die Bayern halt ihren eigenen Laden aufmachen, dann hat Restdeutschland Ruhe und die Christsozialen können zeigen, ob sie wirklich soviel draufhaben. Italien könnte sich bei der Gelegenheit auch gleich in Padanien und Mezzogiornien aufspalten. Vielleicht ziehen das österreichische Tirol und das italienische Südtirol gleich mit. Über Kärnten wäre auch zu reden.

Ob die Teilstaaten dann alle in der EU bleiben wollen, weiß man natürlich nicht. Ob sie automatisch (oder auf Antrag sofort) Mitglieder wären, ist auch unklar. Sogar ob die Reststaaten Deutschland ohne Bayern, das Vereinigte Königreich ohne Schottland, Spanien ohne Katalonien automatisch Mitglieder blieben, weiß ich nicht.

Im Fall von Italien gäbe es gar keinen Reststaat, sondern zwei neue Gebilde, in Belgien ebenfalls (falls die Flamen sich nicht gleich den Niederlanden anschließen; dass Frankreich die Wallonen aufnimmt, erscheint mir eher unwahrscheinlich, Witze reißen kann man über die ja auch ohne ihnen einen französischen Pass zu geben).

Die EU hätte dann jedenfalls statt 27 auf einen Schlag bis zu 34 Mitglieder. Soviele Kommissariate muss man sich erstmal ausdenken, dass jedes Mitglied einen Kommissar stellen kann. Das ganze Vertragswerk von Lissabon wird dann völlig unreformierbar – wenn 27 sich schon praktisch nie auf irgendwas einigen können, werden 34 es sowieso nicht schaffen, erst recht wo die Neuen ja oft gerade in Rivalität zu ihren ehemaligen Mutterländern stehen dürften.

Oder die abgespaltenen Staaten sind erstmal nicht EU-Mitglieder. Fragt sich, ob die dann alle reinwollen. Wenn ja, dürfte die EU die nächsten Jahre mit der dazugehörigen Bürokratie beschäftigt sein. Am Ende hätten wir dann einen vollständig mit sich selbst beschäftigten und handlungsunfähigen Flickenteppich. Geschichte wiederholt sich bekanntlich, und aus der Geschichte zu lernen war schon immer uncool.

Ich plädiere dafür, dass Baden-Württemberg sich der Schweizerischen Eidgenossenschaft anschließt. Dann hätten wir zwar weniger Jahresurlaub, aber bessere Schokolade. Und die Bahn wäre wieder pünktlich.

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8 Kommentare on “Unabhängigkeit, noch wer?”

  1. foster sagt:

    Nicht zu vergessen die pro-schweizerischen Sarden:
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-126393826.html

    Schottland ist insofern ein Sonderfall, als dass die britische Zentralregierung mit dem Unabhängigkeits-Referendum an sich grundsätzlich einverstanden ist, im Unterschied zur spanischen, ukrainischen, etc.

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  2. gnaddrig sagt:

    Stimmt. Allerdings soll das auch keine politikwissenschaftliche Abhandlung sein. Ich wollte einfach nur ein bisschen über die überall köchelnden und im Moment eben mal wieder aufflackernden Unabhängigkeitsgelüste motzen. Ich will den Leuten das Recht auf solche Bestrebungen nicht absprechen, teilweise kann ich – bei entsprechendem historischen Hintergrund – auch nachvollziehen, wieso man sich selbständig machen will. Und ich will auch nicht unbedingt dem Status quo allzulaut das Wort reden. Aber wenn die ohnehin schon uneinige und sehr schwerfällige EU jetzt in einen kleinteiligen Flickenteppich zerbröselt, geht ja bald gar nichts mehr.

    Solche Unabhängigkeitsbestrebungen nützen daher wenig und können viel Schaden anrichten. Ich befürchte, dass die Schotten sich da ein großes Eigentor schießen, von dem hinterher ganz Europa was hat. Na, abwarten…

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  3. foster sagt:

    Dein Fazit sehe ich ähnlich, glaube/vermute/befürchte allerdings, dass der Präzedenzfall, „von dem hinterher ganz Europa was hat“, schon hinter uns liegt: das Kosovo.

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  4. gnaddrig sagt:

    Kann sein. Mit dem Kosovo ist es insofern anders, als Jugoslawien ein ziemlich junger Staat war, dessen einzelne Teile nie wirklich zusammengewachsen waren. Da hatte doch in den letzten 150 Jahren fast jeder mal gegen jeden gekämpft, und die Folgen davon sind noch sehr lebendig in den Köpfen, sowas geht nicht spurlos an Völkern vorbei, und es wirkt lange nach.

    Sobald Tito weg war, fing der Zerfall Jugoslawiens an, und der Prozess ist ja immer noch nicht zuende, der Balkan ist noch lange nicht zur Ruhe gekommen. Aber wahrscheinlich hast Du recht, es kann von interessierter Seite als Präzedenzfall herangezogen werden.

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  5. The Hagenz sagt:

    Hat dies auf Übersetzercouch rebloggt.

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  6. gnaddrig sagt:

    Einen interessanten Artikel über das Referendum zur schottischen Unabhängigkeit hat Geoffrey K. Pullum geschrieben: . Was die direkten Folgen für Schottland angeht, hat er sicher recht. Aber es ist trotzdem keine innerbritische Angelegenheit, das ganze könnte die EU merklich schwächen. Oder natürlich, dadurch werden die längst überfälligen Reformen unumgänglich und nach einer Weile auf steinigen Pfaden wird alles besser. Mal sehen…

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  7. foster sagt:

    Hier noch ein kleiner Artikel dazu, der sich dem Thema im Ton vielleicht nicht unbedingt 100% sachlich, aber doch sachlich recht treffend nähert.

    http://scienceblogs.de/primaklima/2014/09/16/die-katalanische-unabhaengigkeitsbewegung-und-das-revival-des-nationalen/

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  8. gnaddrig sagt:

    Interessanter Artikel, vielen Dank für den Link! Und die Diskussion in den Kommentaren dort gefällt mir auch – endlich mal sachorientiert und ohne Tiefschläge und Stänkereien, und das bei so einem Thema!

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