-ich

Deutsch ist eine Sprache mit vielen regionalen Varietäten. Das ist vielen Leuten gar nicht so bewusst aber es gibt etwa ein Schweizer Hochdeutsch, ein im schwäbisch-slemannischen Raum gesprochendes südliches Hochdeutsch, ein bayerisches Hochdeutsch. Und eben ein norddeutsches Hochdeutsch.

Dass in der Gegend um Hannover das beste Hochdeutsch gesprochen werde, ist eine Legende. In Wirklichkeit wurde dort vor ein paar Hundert Jahren das Niederdeutsche in relativ kurzer Zeit durch das Hochdeutsche ersetzt. Bei der Aussprache dieser „Fremdsprache“ orientierte man sich zunächst stark an der Schriftsprache, aber die alten niederdeutschen Mundarten sind dadurch nicht spurlos untergegangen. Sie bilden das Substrat, auf dem die Standardsprache liegt und beeinflussen die Aussprache teilweise erheblich. Deshalb wird dort eben nicht großflächig reines Schriftdeutsch gesprochen, sondern die alten Mundarten lassen sich zumindest in Aussprachevarianten oft noch erkennen.

Außerdem kann man leicht feststellen, dass sehr viele Leute in Norddeutschland deutlich anders klingen als norddeutsche Nachrichtensprecher, ohne dass sie Niederdeutsch oder auch nur Missingsch sprechen. Insgesamt wird in Norddeutschland ein norddeutsches Hochdeutsch gesprochen. (Einen guten Einstieg in dieses interessante Thema findet man hier und hier auf Wikipedia, mit weiterführenden Links unter Siehe auch. Konkrete Beispiele für regionalen Wortschatz gibt es beim Atlas  zur  deutschen  Alltagssprache.)

Ich habe in der Nähe von Hamburg die Grundschule absolviert, und dort hat kein Lehrer je erwähnt, dass wir eine regionale Variante des Hochdeutschen sprechen. Jedenfalls erinnere ich mich nicht dran. Es war immer selbstverständlich, dass bei uns Hochdeutsch gesprochen wurde. Ohne mundartlichen Einschlag. Dudendeutsch reinsten Wassers, wie man eben spricht.

Jahre später habe ich mal auf einem Video von einer Veranstaltung gehört, wie ich selbst spreche, und war baff erstaunt, dass ich mich ausgesprochen norddeutsch anhörte und nicht, wie erwartet, nachrichtensprecherhochdeutsch. Später haben dann das Studium in Süddeutschland und das Verheiratetsein mit einer alemannisch sprechenden Südbadenerin erheblich dazu beigetragen, mir in dieser Hinsicht Augen und Ohren zu öffnen.

Egal. In der Grundschule habe ich ausdrücklich gelernt, dass auslautendes ig wie ich ausgesprochen wird: Honig, König, Teig klingen Honich, Könich, Teich. Nur im Plural und in Ableitungen kommt das g wieder zum Klingen: Honige, Könige, teigich (aber natürlich teigige Hände). Möglicherweise war es die Absicht der Lehrer, uns beizubringen, dass das, was wir -ich aussprechen -ig geschrieben wird. Bei mir angekommen ist es umgekehrt – nicht Honich wird Honig geschrieben, sondern Honig wird Honich ausgesprochen. Ob ich damit allein dastehe, weiß ich natürlich nicht. Ich habe auch niemanden aus meiner Grundschulzeit greifbar, den ich fragen könnte.

Nicht in der Schule gelernt, aber im Alltag gehört habe ich, dass auslautendes ug ähnlich behandelt wird: Flughafen war oft Fluchhafen, man hätte Schwerter zu Fluchscharen umgeschmiedet und das dann im Kruch gefeiert. Anderswo gibt es auch Sach ma für sag mal und so’n Zeuch.

Dass das aber regionale Aussprachevariante sind, habe ich erst im Studium erfahren. In der Grundschule hat man mir das ausdrücklich als allgemeingültige Norm beigebracht, zumindest ist es bei mir so angekommen. Im Süden wissen sie wenigstens, dass sie Dialekt sprechen. Die Herablassung, mit der viele „reines Hochdeutsch“ Sprechende (oft durchaus unbewusst) auf mundartsprechende Süddeutsche, Österreicher und Schweizer hinablicken, ist jehnfalls völlich unangebracht.

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12 Kommentare on “-ich”

  1. hijack sagt:

    Ich bin im Rheinland aufgewachsen („Isch bin im Rheinland uffgewaxxe“). Dementsprechend lag der Fokus darauf, uns Kindern vor allen Dingen beizubringen, dass das, was wir oft als „sch“ aussprachen, sehr oft eher mit „ch“ geschrieben wurde. Also „ich“ (statt „isch“ *g*) und „Milch“ (statt „Milsch“). – Ob uns da allerdings irgendwas als allgemeingültige Norm vermittelt wurde, weiß ich gar nicht („wääß isch gar net“) mehr.

    …mit Umzug in den Norden ging die rheinische Aussprache allerdings schnell flöten…sicherlich auch wegen der belustigten Sprüche meiner neuen Klassenkameraden. Ca. ein halbes Jahr nach dem Umzug belustigte sich dann eine im Rheinland verbliebene Freundin während eines Telefonats: „Du sprichst inzwischen Original wie Käpt’n Blaubär.“ (Orischinool halt, nech?)

    Ich mag Dialekte übrigens total gerne und zwar ausnahmslos alle. Mögen sie auf ewig erhalten bleiben.

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  2. gnaddrig sagt:

    Ja, Dialekte sind klasse, es wäre schade, wenn die eingeebnet würden. Ich finde es auch faszinierend, wie kleinteilig die Dialektlandschaft ist. In manchen Gegenden kann man die Leute an der Sprache erkennen, die aus dem übernächsten Dorf kommen, weil sie bestimmte Kleinigkeiten anders aussprechen.

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  3. Nesselsetzer sagt:

    Auch die Düsseldorfer (ausgenommen Ureinwohner, die statt „Sagte er zu mir“ „Sätte für misch“ sagen) waren immer der Ansicht, relativ reines Hochdeutsch zu sprechen. Als ich nach Bayern umgezogen war hatte dort jeder sofort an meiner Aussprache erkannt, dass ich aus der Düsseldorfer Gegend, zumindest aber aus dem Rheinland stamme. Da wusste ich, dass ich gar kein Hochdeutsch spreche 😉

    Übrigens, gerade bekam ich noch einen Seitenhieb von Oberlehrer Hanepampel in die Rippen. Er meint,: „baff erstaunt“ sei ein beliebter Fehler, auch unter Journalisten. Entweder war man „baff“ oder „bass erstaunt“. 😉

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  4. gnaddrig sagt:

    Ja, in der Fremde lernt man oft einiges über sich selbst und kriegt die eine oder andere Illusion demontiert.

    Schöne Grüße an den Oberlehrer, baff erstaunt ist selbstverständlich kein Fehler, sondern eine Tautologie mit Kommafehler. Im Duden ist erstaunt das erste unter dem Eintrag baff genannte Synonym. Korrekt müsste man also schreiben: Ich war baff, erstaunt, dass ich …

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  5. gnaddrig sagt:

    Als ob ich Fehler, dazu noch sprachliche, also wirklich 😉

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  6. Nesselsetzer sagt:

    ♫ Ausrede, Ausrede, na na na na naaaaaa na! ♫ 😀

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  7. gnaddrig sagt:

    Und wenn schon. Mit ner halbwegs gut ausgedachten Ausrede kommt man fast überall durch. Und wenn’s mal nicht reicht, ist das Pech. Wie beim Schwarzfahren: Gewohnheitsschwarzfahrer haben das gelegentliche Erwischtwerden schon eingepreist und nehmen das ganz gelassen 🙂

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  8. tinyentropy sagt:

    Na da bin ich aber froh, dass wir nur ’schriftlig‘ kommunizieren 😉

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  9. gnaddrig sagt:

    Soll ja alles seine (Achtung, Überkompensation!) Rigtigkeit haben!

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  10. eb sagt:

    Was denn? Du bist mit einer Südbadenerin verheiratet? Respekt und Ehrfurcht ( mit tiefer Verbeugung vor erkannter Toleranz an beide). Gruß aus dem Schwabenland von einem bergischen Feldritter und altgermanisch linguisierter ruhrgebiets-spezifisch bedingter Hilflosigkeiten 🙂

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  11. gnaddrig sagt:

    Toleranz geht schon in Ordnung, aber die brauchen 99 von 100 Verheirateten auch, wenn die Ehepartner zusammen im Kindergarten waren oder aus demselben Nest kommen. Die haben dann vielleicht andere Stellen, an denen es hakt. In den Dialekt hört man sich aber schnell rein. Ging mir jedenfalls so 🙂

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  12. gnaddrig sagt:

    Was mir noch einfällt: Immer wieder werden bundesweit Werbekampagnen gefahren, die auf der Aussprache von -ig als -ich basieren. Penny vor ein paar Jahren mit billig will ich, oder die Postbank mit dem fonetisch geschriebenen riesich. Das zündet bei Leuten ohne -ich-Aussprache nicht recht und könnte vielleicht sogar einen Piefke-Effekt auslösen (wie ihn die geleckten Akteure von Werbung sogar bei Superhochdeutschen -ich-Sprechern oft verursacht).

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