Wort für Wort

Die Übersetzung eines beliebigen Satzes in eine andere Sprache ist nicht dasselbe wie die Aneinanderreihung der einzeln übersetzten Vokabeln. So ein Satz ist sozusagen mehr als die Summe der Wörter, aus denen er besteht. Das kann man ganz leicht sehen, wenn man mal irgendeinen Satz von Google o.ä. übersetzen lässt:

The translation of any sentence in another language is not the same as the concatenation of individually translated words. Such a movement is literally greater than the sum of the words of which it consists. This can be seen quite easily if one or similar times any set of Google can translate (Quelle)

Der erste Satz ist zwar nicht völlig korrekt, aber problemlos lesbar und verständlich. Der zweite Satz ist schon holperiger. Sehr schön ist die Fehlübersetzung von Satz mit movement.

Natürlich ist es schmeichelhaft, dass meine Prosa als klassische Komposition gewertet wird und wir hier gewissermaßen den ersten Satz eines possierlichen Concerto lesen; in echt ist diese Übersetzung aber allenfalls dazu geeignet, sich einen groben, im wesentlichen stichwortbasierten Überblick über den ungefähren Inhalt des Textes zu verschaffen. Größere Textmengen so zu lesen ist wie eine Wanderung durch knietiefen Schneematsch – geht, ist aber sehr anstrengend und unbefriedigend. Und kommt nur sehr langsam vorwärts.

Der dritte Satz der Übersetzung schließlich ist praktisch unbrauchbar. Auch wenn die Maschinenübersetzung große Fortschritte gemacht hat und in bestimmten Bereichen durchaus sinnvoll eingesetzt werden kann, zeigt dieses Beispiel sehr schön das Qualitätsspektrum, in dem man sich bewegt, wenn man normale, in nicht kontrollierter Sprache frei geschriebene Texte von solchen Übersetzungsmaschinen in andere Sprachen übertragen lässt.

Die Bahn, die ja in ihren Zügen überall mehrsprachige Aufkleber hat, kann das übrigens auch. In manchen Zügen ist der neben den Türen befindliche Knopf zum Schließen der Türen folgendermaßen beschriftet:

Tür schließen
Door close
Fermer la porte
Chiudare la porta

Zum Französischen und Italienischen kann ich nichts sagen. Kann gut sein, dass solche unpersönlichen Aufforderungen mit Infinitiv dort korrekt sind. (Auf Deutsch empfinde ich das allerdings als ausgesprochen unhöflich, da denke ich immer an einen preußischen Schutzmann, der das Publikum herumkommandiert: Stehenbleiben oder Weitergehen. Oder an einen Reichswehrhauptmann: Wegtreten lassen, Hauptfeld. Jetzt verpflegen, dann verlegen nach xy!)

Natürlich ist Tür schließen kürzer und prägnanter als Bitte schließen Sie die Tür oder Wir erlauben uns, Sie freundlich zu bitten, die Tür zu schließen. Obwohl, vielleicht ist der Aufkleber nicht als Aufforderung gedacht, sondern nur als Beschriftung, damit jeder weiß, wozu der Knopf da ist (das ist nicht die Service-Klingel und auch nicht die Taste zum Mitteilen des Haltewunsches für die nächste Haltestelle), dann wäre das höflichkeitstechnisch in Ordnung.

Aber so oder so, auf Englisch funktioniert das nicht. Anhand des Zusammenhangs würde sich sicher jeder des Englischen, nicht aber des Deutschen, Französischen oder Italienischen mächtige Fahrgast zusammenreimen können, was gemeint ist. Aber dass Door close kein Englisch ist, jedenfalls keine Übersetzung für Tür schließen, hätte man eigentlich schon wissen können. Sogar der Google Übersetzer hätte das besser hingekriegt.

Und wenn eine umsonst im Internet bereitstehende Allerweltsübersetzungssoftware bessere Ergebnisse liefert als das, was die Bahn so verwendet, sollte man sich bei der Bahn vielleicht Gedanken über die Lücken in der Qualitätssicherung machen und vielleicht auch über die Zusammenarbeit mit einschlägigen Fachleuten. Es gibt einen ganzen Berufsstand, der sich mit der korrekten, zielgruppenorientierten Übertragung von Text in andere Sprachen befasst. Nur mal so als Anregung…

Nachtrag (18.09.2014): Dass sie es grundsätzlich können, zeigen sie hier. Der Zug auf diesem Foto ist jüngeren Datums, vielleicht stellt das also tatsäch eine Verbesserung dar. Kann natürlich auch Zufall sein.

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3 Kommentare on “Wort für Wort”

  1. Pfeffermatz sagt:

    Das französische ist natürlich auch nicht richtig. „Fermez“ müsste es heißen. Aber schön, dass Google innerhalb von einem Absatz auf drei verschiedene Übersetzungen des Wortes „Satz“ kommt: „sentence“, „movement“ und „set“. Da müsste der Algorithmus doch noch mal angepasst werden…

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  2. gnaddrig sagt:

    Ja, man merkt, dass das nur für schnelle Überblicke gedacht ist und nicht für druckfertige Übersetzungen. Wie man hier auf set kommen kann, leuchtet mir noch halbwegs ein – man hat eben einen Satz Wörter in dem Satz. Aber movement ist ziemlich absurd. Besser wären nur noch game und leap.

    Bis zur Echtzeitdolmetschenden Smartphone-App (die tatsächlich brauchbare Sprachmittlung zustandebringt) ist es also noch ein langer, steiniger Weg…

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  3. […] P.S.: Das Thema Maschinenübersetzung habe ich vor einer Weile schon einmal gestreift: Wort für Wort […]

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