Lagerfeuer und Bewerbungen

Heutzutage scheint fast alles als Teil einer Methode oder Strategie gesehen zu werden. Zum Beispiel Kinderspielzeug. Man will den Kleinen ja einen guten Start ins Leben verschaffen, die sollen beizeiten alles lernen, was sie benötigen, um später fit und leistungsfähig zu sein und sich am zunehmend anspruchsvollen und schnelllebigen Arbeitsmarkt behaupten zu können.

Kinder ihre Kindheit einigermaßen in Ruhe absolvieren zu lassen ist jedenfalls nicht mehr zeitgemäß (auch so ein Wort, wo mein Bullshit-Detektor sofort laut klingelt, dazu vielleicht ein andernmal). Stattdessen wird stramm und mit System gefördert. Da ich selbst Kinder habe, begegnet mir dieses Thema immer wieder, und es hat von Anfang an immer mal in meinen Texten niedergeschlagen.

Wenn ich mich gelegentlich über die immer mehr um sich greifenden Erklärungen zum pädagogischen Wert von Spielsachen aufrege, richtet sich das allerdings nicht in erster Linie direkt an die Hersteller bzw. Vermarkter, die mit diesen Hinweisen nerven, sondern an die zugrundeliegende Geisteshaltung, derzufolge schon die früheste Kindheit zielgerichtet zu sein hat, Teil einer Ausbildungsstrategie, an deren Ende der marktfähige Arbeitnehmer mit möglichst hohem Einkommenspotenzial steht. Leerlauf geht da gar nicht. Muße für irgendwas ist vom Teufel, und Langeweile, die gelegentlich kreative Geniestreiche zur Folge hat, wird abgeschafft. Die Märkte, höre ich einen imaginären Sprechblasenakrobaten (hat tip) intonieren, verlangen das.

Ich trauere hier keiner illusorischen „guten alten Zeit“ hinterher. Früher war nicht alles besser, es war nur anders schlimm. Da haben sich Kinder manchmal mit aufgeschlagenen Knien und entsprechend kaputter Hose nicht nach Hause getraut, weil sie statt Trost und Pflaster noch eine Tracht Prügel dazukriegten. Da wurden Kinder allzuoft als kleine Erwachsene gesehen und hatten möglichst wartungsfrei zu funktionieren, mussten mit vier Jahren schon mit auf’s Feld, durften vom Lehrer verprügelt werden usw. Das ist jetzt vorbei, Gewalt gegen Kinder ist hierzulande glücklicherweise durchweg verboten, Kinderarbeit auch. Dafür läuft anderes schief.

Ich habe auch nichts dagegen, Kinder nach Kräften zu fördern. Ganz im Gegenteil, ich finde es gut, wenn man Kindern hilft, ihre Stärken zu entdecken, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und womöglich ihre Schwächen auszugleichen. Ich störe mich nur daran, dass diese Förderei allzuoft zum Selbstzweck wird, dass sie nicht mehr im Interesse und zum Wohlergehen des Kindes stattfindet, sondern dass das Kind für die Förderung zu leben hat. Dagegen, dass Kinder nur noch als mängelbehaftete Wesen gesehen werden, die unbedingt geflickt, aufgehübscht und getunt werden müssen, damit sie akzeptabel sind. Die durch erfolgreiches Durchlaufen der angemessenen Fördermaßnahmen ihren Eltern eine Art Umsatzrendite erwirtschaften müssen, wo die Währung dann das Prestige ist, ein Kind mit Einser-Abitur zu haben, das natürlich Medizin, Jura oder Betriebswirtschaft studiert und hinterher richtig Karriere (und Geld) macht.

Wenn nämlich diese Durchökonomisierung der Kindheit so weitergeht, rechne ich fast damit, dass es in zehn oder fünfzehn Jahren üblich wird, einen Absatz über die Kindheit in den Lebenslauf zu schreiben. Da würde man dann die von den Eltern (natürlich in Zusammenarbeit mit Erziehern und Lehrern, einem externen Coach und dem Psychologen) zusammengestellten Aktivitäten auflisten, mit denen man sich für das Erwachsenenleben in Form gebracht hat: Ballett, Schach, Reiten, Kinderyoga.

Ein ganz wichtiger, praktisch unverzichtbarer Punkt wäre dabei Outdoor-Aktivitäten (Zwergenfeuer, Mountainbiken,…). Der Personaler sieht dann Zwergenfeuer und denkt befriedigt, dass der Bewerber sicher eine gefestigte Persönlichkeit ist, zuverlässig und teambuildingmaßnahmentauglich, outdoorfähig aber nicht zu wild. Der Personaler hat nämlich selbst auch so ein Ding gehabt und kann jetzt super mit offenem Feuer umgehen. Was man in einem Bürojob eben so braucht.

Die Lehre daraus dürfte sein, dass zur Optimierung der beruflichen Chancen des Kindes auch das Markenbewusstsein möglichst schon in früher Kindheit gefördert werden sollte. Stünde nämlich einfach Lagerfeuer in der Natur da, wäre die Chance verschenkt. Irgendwo mit irgendwelchem Dreck Feuer machen kann schließlich jeder, aber nur wer mit der standesgemäßen Ausrüstung schön sauber und ordentlich Feuer gemacht hat, kann am Ende punkten.

Deshalb senden wir Ihnen zu unserer Entlastung Ihre Unterlagen zurück (hat tip). Wir haben es uns nicht leicht gemacht, nämlich, aber wir haben uns für einen anderen Bewerber entschieden. Der war passender sozialisiert.

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2 Kommentare on “Lagerfeuer und Bewerbungen”

  1. ausgesucht sagt:

    Mir gefällt, wie Du das Thema angegangen bist. Da gibt es kaum noch etwas zu ergänzen, außer vielleicht, daß es nicht nur die Kindheit alleinbetrifft. Das Kind als Projektionsfläche für die eigenen (mehr oder weniger erfüllten) Erwartungen spiegelt letzten Endes nur wider, daß das Sozialkonzept als Ganzes recht verschroben ist…

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  2. gnaddrig sagt:

    Danke 🙂 Und stimmt, als Erwachsene laufen viele wenigstens ungefähr auf der Spur weiter, auf die sie als Kind gesetzt wurden.

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