Buchstabenklauberei

Neulich auf der Toilette im Zug. Auf dem Formular, auf dem die Reinigungskräfte ihre Tätigkeit dokumentieren, steht unten der folgende Passus:

Sie haben diese Toilette nicht im zufriedenstellenden Zustand vorgefunden? Informieren Sie uns bitte.

Kundendialog DB Regio …

Zunächst mal schön, dass die Bahn offensichtlich Wert darauf legt, den Fahrgästen möglichst saubere und benutzbare Toiletten anzubieten und dass sie die Möglichkeit bietet, auf diesbezügliche Mängel hinzuweisen.

Aber in sprachlicher Hinsicht macht mir das pedantische Bauchschmerzen. Die Formulierung impliziert nämlich, dass es genau einen zufriedenstellenden Zustand gibt – im (d.h. in dem [einen]) zufriedenstellenden Zustand. Und wenn man die Toilette nicht in genau diesem einen Zustand vorfindet, soll man sich melden.

Beim Lesen müsste man sich eigentlich fragen, wie dieser eine zufriedenstellende Zustand denn aussieht. Es hängt ja kein Text daneben, in dem dieser zufriedenstellende Zustand beschrieben ist und mit dem man den aktuellen Zustand abgleichen könnte. Es fehlt schlicht an einer Möglichkeit, das Vorliegen des vorgeschriebenen Zustands festzustellen.

Das erscheint einigermaßen absurd, es wird also anders gemeint sein. Natürlich gibt es in Wirklichkeit viele Zustände, die als zufriedenstellend gelten können. Die Spanne akzeptabler Zustände reicht von blitzeblank bis irgendwo in die Gegend von nicht allzu verdreckt; von fünf Rollen Klopapier und drei Pakete Papierhandtücher im Vorrat bis für mich reicht das Material noch, nach mir die Sintflut; von Mülleimer ist ganz leer zu mein Abfall passt noch rein. Ab wo man das nicht mehr zufriedenstellend oder wenigstens akzeptabel finden mag, liegt im Ermessen des individuellen Fahrgastes – dem einen sein schmuddelig ist dem anderen sein sauber.

(Wer je in einer Armee gedient hat, weiß übrigens: Es gibt keinen einzigen zufriedenstellenden Zustand. Bei jedem sauber und ordentlich zu haltenden Objekt kann der überwachende Unteroffizier Mängel finden, und ein eigentlich perfekt geputzter und aufgeräumter Spind kann mit billigen Tricks in mangelhaft umdeklariert werden.

Im Bedarfsfall fährt der Uffz einfach mit einem weißen Taschentuch auf der Kleiderstange im Spind entlang, das Taschentuch wird fast immer unappetitliche Schmutzspuren aufweisen – nicht Dreck, sondern normaler Abrieb von den Kleiderbügeln. Wenn die Ausbeute zu gering ist, schiebt er die Kleiderbügel ein paar mal auf der Kleiderstange hin und her und wiederholt die Taschentuchprobe. Funktioniert immer, er kann den Soldaten beliebig nachputzen lassen, bis der Spind „wirklich vorschriftsmäßig sauber“ ist, also bis der Unteroffizier keine Lust mehr hat.)

Um der Wirklichkeit nun sprachlich gerecht zu werden, muss man nur zwei Buchstaben vertauschen. Aus im zufriedenstellenden macht man in zufriedenstellendem Zustand. Dann wird über die Anzahl möglicher zufriedenstellender Zustände keine Aussage gemacht und der Fahrgast muss sich nicht fragen, was die Bahn unter zufriedenstellend versteht, sondern kann ganz nach eigenem Gusto meckern gehen, wenn ihn irgendetwas am Zustand der Toilette stört.

Apropos stören: Ich finde es witzig, dass in den Regionalzügen, die auf meiner Strecke verkehren (DB-Baureihe 425), die durchgehend rollstuhltauglichen Toiletten immer direkt gegenüber den Abteilen der Ersten Klasse sind, vermutlich dass die Fahrgäste dort nicht durch den ganzen Zug laufen müssen, wenn sie die Toilette benutzen wollen.

Die riesigen automatischen Türen der Toiletten zeigen auch in Richtung der Ersten Klasse. Sie werden per Knopfdruck geöffnet und geschlossen und sind sehr langsam. Als Fahrgast in der Ersten Klasse hat man also einen guten Blick auf die sich öffnende und schließende Toilettentür sowie auf den Zustand des Toilettenraums. Außerdem kommen gerade im Sommer gelegentlich auftretende Geruchsbelästigungen direkt und fast ausschließlich in der Ersten Klasse zum Tragen.

Angesichts dieser Umstände bevorzuge ich ganz klar die Plätze auf der anderen Seite der Toilette, in der Zweiten Klasse. Die sind von der Toilette zusätzlich durch das Fahrradabteil getrennt und außerdem deutlich billiger…



In den Wald hineinrufen

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