Lexikalische Ohrwürmer

Modewörter gibt es immer und überall. Manche sind bundesweit oder vielleicht sogar über den ganzen deutschen Sprachraum verbreitet, andere regional oder in bestimmten Subkulturen. Sogar in kleinen Gruppen – WGs, Freundeskreisen, Schulklassen, Schiffsbesatzungen u.ä. – gibt es Modewörter.

Die sind oft anfangs witzig, aber früher oder später mutieren sie zu nervensägenden Monstern, zum lexikalischen Äquivalent von Ohrwürmern. Manche ähneln den jährlich geradezu zwanghaft gepushten Sommerhits, die ist man nach einer Saison meistens wieder los. Andere werden aber zu Evergreens, die über Jahre – was sage ich, über Generationen – den Äther vollmüllen.

Manchmal kommen sie ganz plötzlich, manchmal wachsen sie langsam in den Modewortstatus hinein. Sind sie erst einmal etabliert, wird man sie so schnell nicht wieder los. Je nach Umfeld muss man ein Stück weit mitmachen, andernfalls grenzt man sich selbst aus. Zuallermindest kriegt man sie ständig um die Ohren geblasen, auch wenn man sie selbst nicht verwendet. Ich finde das anstrengend…

Hier ist eine Auswahl meiner „Lieblings“wörter aus der Welt der Printmedien und ihrer Online-Ableger:

Gemengelage – Wo immer verschiedene konkurrierende, einander entgegenlaufende Einflüsse wirksam sind oder waren, oder wo von etwas irgendwie Zusammengewürfeltem oder nicht Homogenem die Rede ist, wird gern von Gemengelage geschrieben. Das klingt irgendwie gebildet und betroffen. Sehr Feuilleton.

die Republik, wohl kurz für Bundesrepublik Deutschland, jedenfalls ist in deutschländischen Medien immer Deutschland gemeint. Der Ausdruck war meines Wissens in der DDR üblich (dort natürlich auf die DDR bezogen). Ist bei weitem nicht so abgeklärt-cool wie die Leute vermutlich denken, die es so gern verwenden.

demokratisch – Alles und jedes ist demokratisch bzw. kann und soll demokratisch sein, bis zum letzten öffentlichen Klo. Ich will hier gar nichts gegen Demokratie sagen, ganz im Gegenteil. Aber Rechtsstaatlichkeit ist mir persönlich wichtiger, und die ist nicht per se an eine demokratische Staatsform gebunden. Und ich habe den Eindruck, wenn in gehobenem Stil von demokratisch die Rede ist, ist häufig nicht demokratisch gemeint, also den Grundsätzen der Demokratie entsprechend, sondern etwas wie allgemein zugänglich, nicht elitär oder so. Auch schöne Dinge, haben mit Demokratie aber auch wieder nur mittelbar zu tun.

zeitgemäß (z.B. hier) sehr wichtig und eng mit demokratisch verwandt. Absolut sine qua non, neudeutsch: must-have. (Must-have ist auch nervig, aber nicht, weil es ein Anglizismus ist, sondern weil es meistens mit einer penetrant zeitgeisttrunkenen Pseudoweltläufigkeit vorgebracht wird, die spätestens seit Anfang September 2014 etwa das iPhone 5c als Uraltschrott aus der Steampunk-Ära abtut, mit dem man sich nicht freiwillig in der Öffentlichkeit sehen lassen würde.)

*****

Nun liegt es mir fern, jemandem den Sprachgebrauch vorschreiben oder die Verwendung bestimmter Wörter oder Ausdrucksweisen verbieten zu wollen. Auch ist mir bekannt, dass viele Journalisten glauben, man dürfe ein Wort in einem Text nicht zweimal verwenden, jedenfalls nicht zweimal hintereinander, und deshalb angestrengt Synonyme zu allem und jedem zusammensuchen und in ihren Texten rotieren. Und gegen sprachliche Marotten kann ich schon deshalb nicht viel sagen, weil ich selbst genug davon habe und pflege.

Aber manchmal wünschte ich mir, die Gemengelage würde mit der Republik zusammen einen trinken gehen und dann ganz zeitgemäß im demokratischen Konsens versacken. Und wenn sie ein paar Tage später ihren lexikalischen Rausch ausgeschlafen hätten, sähe die Welt gleich ganz anders aus…

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2 Kommentare on “Lexikalische Ohrwürmer”

  1. Do Gui Live! sagt:

    Hat dies auf Unbequeme Wahrheit rebloggt.

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  2. gnaddrig sagt:

    Noch eins: mehr xxx war nie Soll wohl bedeuten: So viel xxx gab es noch nie, wir beobachten derzeit einen Rekordwert für xxx. Sollte deutlich sparsamer verwendet werden.

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In den Wald hineinrufen

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