Gefühlte Temperaturen

Es gibt ja oft eine Diskrepanz zwischen der tatsächlichen und der gefühlten Temperatur. Das Phänomen nennt sich Windchill oder Windkühle. Dabei geht es, wie der Name nahelegt, um die Fälle, wo man es unbehaglich kühl findet. Als Gegenpart gibt es den für zu heiße Temperaturen zuständigen Hitzeindex, der interessiert mich hier aber nicht weiter.

Wo die Tage jetzt wieder kürzer und kühler werden, fällt mir folgendes auf: Die absolute Temperatur hat nur bedingt damit zu tun, mit wieviel Kleidung man sich behaglich fühlt. Während ich im Sommer schon mal bei 22°C barfuß, mit kurzer Hose und T-Shirt draußen im Schatten sitze und das als angenehm und warm genug empfinde, kommen mir dieselben, jetzt im Büro gemessenen 22°C im Büro ausgesprochen ungemütlich kühl vor. Dabei trage ich eine lange Hose, Halbschuhe mit Socken, ein Unterhemd und ein Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln, also viel mehr als damal im Sommer unterm Baum. Windstill ist es hier drin auch. Und draußen scheint die Sonne. Nicht direkt ins Büro, aber es ist eben kein trüber Nebeltag, wo man schon wegen des grauen Nichtlichtes im Geiste fröstelt.

Eigentlich müsste ich doch eher schwitzen als frieren. Tue ich aber nicht. Wie kommt das? Psychosomatische Interferenzen dürften hier keine nennenswerte Rolle spielen – klar, Freibad macht mehr Spaß, aber das Büro ist kein Ort, an dem ich mich nur widerwillig aufhalte. Mein Beruf macht mir Spaß und ich habe nette Kollegen. Besonders schlecht geschlafen habe ich auch nicht – bei Müdigkeit fröstelt man leichter. Vielleicht ist eine Erkältung im Anflug, aber das fühlt sich normalerweise anders an. Und einen Chip zur Steuerung von Sinneseindrücken hat mir auch noch niemand implantiert.

Die Welt, kann ich nur wieder schlussfolgern, ist ein merkwürdiger Ort, dessen innere Zusammenhänge und Abängigkeiten noch lange nicht restlos geklärt sind. Anders gesagt: Bei vielem weiß man immer noch nicht, warum es so ist und wie es funktioniert. Es lohnt sich also, neugierig zu bleiben.


7 Kommentare on “Gefühlte Temperaturen”

  1. aurorula a. sagt:

    hmmm… vielleicht liegts an der Luftfeuchtigkeit, daß 22° Sommersee ‚wärmer‘ sind als 22° Winter-Werkstatt?
    Mein Auto heizt mit Klimaanlange (feucht) auch schneller als mit Heizung allein (trocken); und an Dampf von 100° verbrüht sich wer schnell, aber die Pizza aus der 200° heißen Ofenluft holen ist kein Problem (solange das Metall mit Topflappen angepackt wird). Das ist allerdings ganz und garnicht gefühlt, sondern pure Physik, weil Wasserdampf Wärme besser überträgt als Luft.

    Was ich mich immer wundere: wie misst man eigentlich gefühlte Temperaturen? Wie in: heute hats 10°, aber gefühlt sinds nur 4° wegen Wind – wie kommt jemand auf diese 4°?

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  2. gnaddrig sagt:

    Aha, Luftfeuchtigkeit, das könnte sein. Die habe ich natürlich nicht berücksichtigt.Allerdings ist die Luft im Büro eher trocken, meistens so um die 40%, das dürfte dann eigentlich nicht besonders kühlend wirken. Keine Ahnung.

    Zur gefühlten Kälte steht bei Wikipedia was. Das ist wohl eine Funktion von Temperatur und Windgeschwindigkeit.

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  3. Pfeffermatz sagt:

    Ich schätze, es gibt noch so was wie ein „erwartete Temperatur“. Im Haus erwarte ich behagliche Temperaturen; wenn ich drinnen ein Pulli anziehen muss, finde ich es kalt. Draußen erwarte ich grundsätzlich, eine Jacke anziehen zu müssen (in Deutschland!); reicht allerdings ein Pulli oder gar nur ein T-Shirt, so empfinde ich es als angenehm. Südländer laufen noch bei über 20° Außentemperatur mit Jacke rum.

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  4. gnaddrig sagt:

    Da ist natürlich auch was dran. Die Erwartung kann die Wahrnehmung sicher beeinflussen. Engländer (und noch extremer Schotten, meiner Erfahrung nach) laufen teils noch bei nebligen 15° in Shorts und T-Shirt rum, wo unsereins schon längst mit warmem Fleece-Pullover ankommt.

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  5. aurorula a. sagt:

    Allerdings ist die Luft im Büro eher trocken, meistens so um die 40%, das dürfte dann eigentlich nicht besonders kühlend wirken.
    hmmmm…
    Je trockener die Luft ist, umso kälter fühlt sie sich an.
    Weil sie weniger Wärme abgibt, und zwar an diejenigen, die drin sind. Die sind dann wirklich kälter. Habe ich wahrscheinlich irgendwo verschwurbelt in der Formulierung versteckt, als ich einen von Klimaanlangen und Pizzaöfen erzählt habe. Das ist wie gesagt tatsächlich so – deswegen verbrüht sich wer an 100°-Dampf und verbrennt sich nicht an 100°-Luft, obwohl die Temperatur gleich ist. Weil das Wasser beim Kondensieren zusätzliche Energie = Wärme abgibt. Eingebaute Heizung an Ort und Stelle.
    Das umgekehrte passiert beim Schwitzen, da verdunstet das Wasser und führt zu Verdunstungskälte. Eingebaute Klimaanlage an Ort und Stelle.
    22° in den Tropen sind nochmal ein Stück saunaartiger als der Sommersee 😉

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  6. gnaddrig sagt:

    Hmja, mag sein. Vielleicht sollte ich mir eine elektronische Wetterstation zulegen, ständig mit mir führen und regelmäßig die Messwerte sowie die empfundene Wärme/Kälte protokollieren, zuzüglich Bekleidungsstatus und andere relevante Faktoren. Dann hätte ich in einem Jahr eine Datenbasis, auf deren Grundlage ich voraussagen könnte, wann mir wo wie kalt ist.

    Lasse ich aber glaube ich sein. Da spekuliere ich lieber ein bisschen und jammere 😉

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