Gelegenheiten

Gelegenheiten muss man beim Schopf packen, sonst sind sie weg. Und um sie beim Schopf packen zu können, muss man sie erkennen. Und manchmal muss man sich dann trauen, aus der Reihe zu tanzen, fünfe gerade sein zu lassen, dem Bauchgefühl zu folgen statt dem Stundenplan.

Nicht immer klappt das. Oft lässt man Gelegenheiten verstreichen, und sie kommen nie wieder. Etwa die verrückte Rodeltour auf dem alten Grenzweg am Brocken in einer Vollmondnacht. Damals nicht gleich gemacht, jetzt komme ich fast nie mehr in der Gegend vorbei, Schnee ist seltener geworden, die richtigen Leute sind auch lange nicht mehr dort, die Gelegenheit ist weg. Oder den einen bestimmten Ausflug mit meiner Mutter, der aus irgendeinem blöden Grund ausfallen „musste“ und den wir „dann später mal“ nachholen wollten. Zwei Jahre später war sie nicht mehr am Leben, der Ausflug ist endgültig ausgefallen. Weg, vorbei.

Und wenn man Gelegenheiten ergreift, kann es immer noch schiefgehen und alles kann in Streit, Tränen oder sonstigem Unglück enden. Oft genug ist es ganz nett, aber auch nicht weiter bemerkenswert. Aber manchmal, ganz selten, da passt alles. Es bietet sich eine Gelegenheit, jemand erkennt sie, ergreift sie, und es kommt etwas ganz Besonderes dabei heraus, etwas Einmaliges und Kostbares.

Josephine im Chaos etwa hat einen solchen einzigartigen Moment miterlebt, als sie in dem Krankenhaus, wo sie arbeitet, ihrem alten Musiklehrer Mr. Pawlowski auf dem Weg in den Operationssaal begegnete. Der alte Mann hatte eine kritische Operation vor sich und wollte unbedingt seine geliebte Violine mit in den Saal nehmen, durfte aber nicht, weil das Instrument natürlich nicht steril war. Um die strenge Wächterin des OP-Saals zu erweichen, sollte Mr. Pawlowski ihr ein Stück auf Wunsch vorspielen.

Das ganze war Josephines Idee. Einmal ausgesprochen hat die Idee Gestalt angenommen, sozusagen mit den Flügeln geschlagen, und Kollegen sind aufgesprungen und mitgeflogen.

Den Bericht über das so improvisierte kleine Konzert gibt es hier: Pachelbels Kanon. Ich habe lange nichts so Anrührendes gelesen wie ihre Beschreibung dieser außergewöhnlichen Begebenheit im Vorraum eines OP-Saals in einem Krankenhaus. (Darauf gestoßen bin ich übrigens über den Kittelträger.)

P.S.: Die bei Josephine eingebundene Version des Kanon gefällt mir sehr gut. Aber die von Strick bei Josephine in den Kommentaren verlinkte Version ist fast noch ein klein wenig schöner, finde ich.

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4 Kommentare on “Gelegenheiten”

  1. […] da ist Pachelbels Kanon in D einfach ein wunderbares Musikstück. In der Geschichte etwa, die Gnaddrig aufgetan hat. Dort geht es um das improvisierte Abschlusskonzert eines alten, todkranken Musikers. […]

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  2. aurorula a. sagt:

    Habs rebloggt.

    Auch eine schöne Interpretation finde ich Leonard Cohens „Haleluja“ (das in der Musikstimme von Pachelbels Kanon die Akkordfolge neuinterpretiert).

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  3. gnaddrig sagt:

    Freut mich, dass die Geschichte von Mr. Pawlowski und dem Kanon Kreise zieht. Sie verdient es 🙂

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  4. […] schrieb ich hier von Gelegenheiten. Der Anlasss war eine Begebenheit, in der der Kanon von Pachelbel eine zentrale Rolle spielte. Das […]

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In den Wald hineinrufen

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