Des Kanons neue Kleider

Neulich schrieb ich hier von Gelegenheiten. Der Anlass war eine Begebenheit, in der der Kanon von Pachelbel eine zentrale Rolle spielte. Das ist ein wunderschönes Stück Musik, ganz große Klasse. Und vielseitig, es funktioniert in vielen verschiedenen Instrumentierungen und Musikstilen. Da kann man jede Menge Spaß mit haben, und tatsächlich haben viele Leute jede Menge Spaß aus dem Stück herausgekitzelt.

Pachelbels Kanon ist also auf allen möglichen Instrumenten gespielt und in alle möglichen Musikstile verpflanzt worden, es gibt unzählige ernstgemeinte Versionen und noch mehr Veralberungen. Dabei sind jede Menge gutgemeinter aber eher danebengegangener Versionen, dazwischen einige gelungene Dinger und sicher die eine oder andere Großartigkeit.

Jemand hat sich mit der Mundharmonika dran versucht und hätte das lieber nicht tun sollen. Bei dieser Banjo-Version schrammen wir an der Grenze der Unkenntlichkeit entlang, diese Steel-Drum-Version ist weit jenseits meiner Schmerzgrenze. Der Kanon ist auf der Ukulele interpretiert worden, solo und im Ensemble. Gitarristen haben ihn (durchaus gekonnt) uminterpretiert. Blechbläser haben sich dran versucht, HolzbläserVokalensembles, andere Vokalensembles, instrumental angereicherte Vokalensembles, Ein-Mann-Shows und ganz andere Klangkörper (volle Punktzahl für Abgefahrenheit übrigens!).

Es gibt Versionen von Bluegrass-Formationen. Es gibt Reggae-Versionen, die man sich besser erspart hätte (wozu man Reggae überhaupt braucht und wie man sowas freiwillig hören kann, erschließt sich mir nicht, aber das ist natürlich Geschmackssache). Es gibt eine Einspielung für Spieluhr. Balalaika und Maultrommel habe ich nicht gefunden. Aber eine Dance-Version aus Plastik darf natürlich auch nicht fehlen. Man hat den Kanon betextet und auch sonst kaum eine Möglichkeit ausgelassen, dieses wunderbare Stück Musik nach allen Regeln der Kunst zu verhunzen, zu zerhacken und anderweitig kaputtzumachen.

Mehr meine Richtung sind diverse Verhardrockungen. Die werden dem Original zwar auch meistens nicht gerecht, lassen sich aber als eigenständige Werke ganz gut hören, wenn man die Musikrichtung mag. Die wohl sattsam bekannte Version von Yngwie Malmsteen lasse ich mal beiseite, die ist mittlerweile reichlich ausgeleiert. Da gefällt mir das hier schon besser (aber wie kann man das im Sitzen spielen?). Oder, etwas ausgefeilter und vielseitiger, dies hier. Aber warum sollen immer nur die Gitarristen glänzen? E-Bass geht auch gut ab, erst recht hier!

** * **

(Dass Cover-Versionen das Original oft erheblich verdrehen, neu deuten, ihm einen völlig anderen Charakter geben oder den Charakter in einem anderen Kontext neu interpretieren, ist ja nichts neues. Man denke nur an Lookin‘ Out My Back Door in der Version der (in meinen Ohren ansonsten überwiegend fürchterlichen) Children Of Bodom (sehr schön, wie sie das originale Musikvideo von CCR nachgebaut haben). Oder an Highway To Hell in der Version von Hayseed Dixie. (Mit der bei dieser Gelegenheit serendipitierten Coverversion der mir bisher völlig unbekannten Jess Greenberg kann ich dagegen überhaupt nichts anfangen.) Oder an Thunderstruck, gespielt von dieser schrägen finnischen Band.)

Aber zurück zu Pachelbel und seinem geschundenen Ohrenschinder in D-Dur. (Und, noch eine kurze Abschweifung, bei dieser Gelegenheit möchte ich gleich noch anmerken, dass ich hier nicht auf den Leuten rumhacken will, die den Kanon oder andere klassische Musikstücke covern und u.U. grässlich dahinmeucheln – allein das Prodzieren einer eigenen Version kann riesig Spaß machen, und durch so ein Stück fehlerfrei – wenn auch vielleicht musikalisch nicht zufriedenstellend – durchzukommen kann für sich schon eine beträchtliche Leistung sein. Diese Art Spielerei, die ich oben haufenweise verlinkt habe, braucht es. Sogar wenn nur eine von hundert Versionen hörenswert wäre, könnte man sich über die freuen. Und manchmal ist eben auch ein großer Wurf dabei. Dafür kann man dann auch in Kauf nehmen, dass Pachelbel wegen der vielen verkorksten Versionen mehr oder weniger schnell in seinem Grab rotiert.)

Mancher hat sich über das Stück herzlich geärgert, etwa Rob Paravonian in seinem Pachelbel Rant (via).Ich kann ihn ein Stück weit verstehen, obwohl ich nicht ganz mit ihm konform gehe (man ist für die Wahl des Instruments selbst verantwortlich, und wer Cello spielt, muss eben die Cello-Parts spielen, da muss man hinterher auch nicht groß rumjammern).

Obwohl ich dieses Stück Musik wirklich schön finde und auch nie den Cello-Part habe spielen müssen – in einem hat Paravonian recht: es ist allgegenwärtig, und es ist ein furchtbarer Ohrwurm. Das Ding geht einem nicht aus dem Kopf, wenn es einmal drin ist. Der Kanon tront ganz oben im Ohrwurm-Olymp, zusammen mit Titeln wie Greensleeves, Ein Mops kam in die Küche, vielleicht noch Sweet Home Alabama und auf jeden Fall [Leser: hier eigenen Lieblingsohrwurm einfügen].

Um das Ohrgewürm sachte wieder aus dem Hirn zu drängen, ist übrigens diese Version für  Mandoline und Irish Fiddle sehr hübsch, da verschwimmt die Melodie in Schnörkeln…

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5 Kommentare on “Des Kanons neue Kleider”

  1. Pfeffermatz sagt:

    Schöne Zusammentragung; du hast mir eine vergnügliche halbe Stunde beschert 🙂 Mir macht es auch riesig Spaß, bei youtube rumzugugeln und die eine von hundert hörenswerte Version hörenswerte Version zu finden… und die nicht hörenswerten 99% höre ich eigentlich auch ganz gerne.

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  2. gnaddrig sagt:

    Freut mich! Das Zusammensuchen hat auch Spaß gemacht. Und stimmt oft ist es interessant zu sehen, was die Leute alles versuchen und was davon erstaunlicherweise doch funktioniert oder was wider erwarten gar nicht rund läuft.

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  3. Nesselsetzer sagt:

    Nach den vielen Interpretationen habe ich mir zum Abgewöhnen gerade diese Version reingezogen. Hilft sofort! Aber die abgefahrene Hip-Hop-Version hat mir am besten gefallen.

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  4. gnaddrig sagt:

    Laut gelacht. Allein die Idee ist Gold wert 😀

    Und die koreanische Hip-Hop-Version fand ich auch klasse. Vor allem absolut sauber produziert, das hatte richtig Stil. Nicht meinen, aber trotzdem.

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  5. […] eine Bereicherung darstellen (oder gerade das Gegenteil, je nach Geschmack). Was ist etwa mit Pachelbels Kanon alles angestellt […]

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