Meine Mama

Dass Sprache und Sprachgebrauch sich ständig ändern, ist nichts Neues und auch nichts Schlimmes. Die Welt ändert sich, und mit ihr immer auch die Sprache und unsere Interaktionen mit beiden. Dass Leute auf eine Art mit Sprache umgehen, die anderen Leuten nicht gefällt, hat es auch schon immer gegeben. Und nichts ist schon deshalb schlecht, weil es neu ist oder anders als früher.

Aber Veränderungen der Welt wie der Sprache sind trotzdem oft gewöhnungsbedürftig, manchmal beängstigend oder wenigstens verunsichernd. Oft steht man auch nur mit einem großen Wie jetzt!? vor einer aktuellen Entwicklung. In dem von Begeisterung, Ablehnung und Ratlosigkeit gebildeten Dreieck irgendwo zwischen Ablehnung und Ratlosigkeit, aber deutlich näher an der Letzteren.

Eine Entwicklung, die mich mit einer gewissen Ratlosigkeit erfüllt, sind die Änderungen der „Privatsphäreeinstellungen“ für den Sprachgebrauch, die mir in den letzten Jahren aufgefallen sind. Da geht es um die Frage, wem gegenüber oder in welcher Situation greife ich auf welche Sprachebene zurück?

Als ich Kind war, das war in den 70er Jahren, haben zumindest in meinem Umfeld praktisch alle sprachlich zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit getrennt. Wenn gegenüber Fremden von der eigenen Familie die Rede war, sagte man normalerweise: Mein Vater, meine Mutter, meine Großmutter, mein Großvater usw. Allenfalls im Kindergartenalter hat man pauschal von meiner Mama, meinem Papa usw. gesprochen oder ist auf die Eltern mit dieser Wortwahl angesprochen worden: Wo ist denn deine Mama? Spätestens in der dritten oder vierten Klasse hätte man sich lieber die Zunge abgebissen, als außerhalb des engsten Kreises von meiner Mama oder meinem Papa zu sprechen.

Das scheint sich in den letzten Jahren geändert zu haben. Die Trennung zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit wird entweder nicht mehr für so wichtig gehalten, oder sie wird anders markiert. Eine Erzieherin im Kindergarten meiner Tochter berichtet anderen Eltern ganz unbefangen, dass der Zug ausgefallen sei, aber mein Papa hat mich gefahren. Gut, da könnte die Arbeit mit kleinen Kindern den Sprachgebrauch beeinflussen. Der Bezug zu den Gesprächspartnern läuft hier ja auch ausschließlich über kleine Kinder.

Aber jüngere Kolleginnen (Kollegen weniger), Geburtsjahrgänge vielleicht ab 1985, erzählen fernab aller kleinkindlichen Präsenz und in eindeutig erwachsenem Umfeld, was meine Mama ihnen zu Weihnachten geschenkt oder wie mein Papa ihnen bei irgendwas geholfen hat. Ich kann mich nicht erinnern, so etwas jemals von jemandem in meinem Alter gehört zu haben.

Und sie empfinden das offensichtlich als normal, nicht als zu privat. Ich finde es merkwürdig und fühle mich dabei nicht recht wohl. Dabei ist das eigentlich keine große Sache, vergleichbar eher mit der Änderung eines Farbschemas als mit der Auswahl eines Betriebssystems. Vielleicht gewöhnungsbedürftig, aber nichts wirklich Existenzielles.

Wenn sich solcher Kleinkram schon bemerkbar macht, wie wird es erst, wenn man es mit wirklich fundamentalen Veränderungen zu tun kriegt? Das berühmte Jungbleiben könnte ganz schön schwierig sein, wenn man das denn will. Keine Selbstverständlichkeit, sondern mit bewusster Anstrengung verbunden.

Am besten vermeidet man nach Kräften, allzu früh zu verknöchern. Also immer schön dranbleiben und üben, use it or lose it

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8 Kommentare on “Meine Mama”

  1. aurorula a. sagt:

    Was mir regelmäßig ein gruselig-ungutes Gefühl macht ist der falsche Gebrauch von Pronomen.

    Ein Beispiel:
    ich schaue so aus, als könnte ich Studentin sein – eine ganz ’normale‘ 50m²-Zweizimmerwohnung ist für Studenten in München aber unerschwinglich (über münchener Mietpreise und BaFöG-Sätze randaliere ich ein andermal, ja?). Da an meiner Wohnungstür nur ein Name steht, nehmen Leute aus dem Nachbarhaus quasi automatisch an, entweder wohnt hier ein verheiratetes Paar oder außer mir noch meine ebenfalls studierende Schwester, etc.
    Regelmäßig komme ich mir vor als würde es hier spuken (weil es ja dann jemanden gäbe, von dem ich nichts weiß) bei Sätzen wie „Servus, wollte schnell mein Paket bei Euch abholen“, oder „hörts Ihr den Hund von zwei Häuser weiter nachts auch?“, oder „Der Sonnenschirm auf Eurem Balkon gefällt mir, wo habts Ihr den denn her?“.
    Das ist bestimmt keine böse Absicht – in einer Zeit zwanzig Jahre früher hätte jemand wie ich noch gedacht wer mich gut genug kennt um mich nicht zu siezen sollte auch wissen daß ich allein lebe – in unserer heutigen lockeren Zeit macht mir die kognitive Dissonanz dessen als mehrere Personen angesprochen zu werden irgendwie jedesmal eine halbe Sekunde Orientierungsprobleme bevor ich weiß: doch, ich bin gemeint!

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  2. gnaddrig sagt:

    Mietpreise (nicht nur in München) sind sicher ein sehr ergiebiges Thema. Was die Pronomina angeht: Mit dem Bayerischen habe ich praktisch keine eigenen Erfahrungen, aber ist dort die Anrede pauschal in der 2. Person nicht ziemlich gängig?

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  3. aurorula a. sagt:

    Die zweite Person schon, aber singular, wenn nur eine Person.
    Ich finde es nicht unhöflich, sondern verwirrend:
    Gegen ‚Du‘ hätte ich garnix – das informelle ist tatsächlich ziemlich gängig. ‚Ihr‘ ist des Guten beziehungsweise sind der Personen zuviel. Das verursacht mir Orientierungsprobleme, wenn eben nur ich allein gemeint bin.

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  4. gnaddrig sagt:

    Ok, das fände ich dann auch verwirrend. Obwohl, nö, eher nervig.

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  5. Carmen sagt:

    Stimmt, das ist mir auch schon aufgefallen. Meine Tochter und alle ihre 13-jährigen Freundinnen sagen Mama, wenn sie von ihrer Mutter erzählen. Ich hätte das in dem Alter total peinlich gefunden. Zuhause hieß es „Muddi“ und außerfamiliär „Mutter“.

    Ich habe bisher die töchterliche Rede von Mama und Papa als Zeichen einer engeren und unverkrampfteren Beziehung gedeutet.

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  6. gnaddrig sagt:

    Vielleicht ist es bei Deiner Tochter tatsächlich Ausdruck eines guten und ungezwungenen Verhältnisses. Vielleicht ändert sich überhaupt die Sicht auf familiäre Beziehungen, oder der Stellenwert und die übliche Abgrenzung der Privatsphäre ändert sich. Keine Ahnung.

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  7. Lakritze sagt:

    Noch zu steigern durch „meine Mami“ (gern von Mittvierzigerinnen) …

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  8. gnaddrig sagt:

    Schlimmer geht immer…

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