Kernige Zeit

Jetzt in der Adventszeit hört man wieder allenthalben einschlägiges Liedgut, oft in zuckrig überkitschten Versionen, mit dem der Einzelhandel möglichst viele zum Kauf aller möglichen Saisonware zu verleiten versucht. Die Beschallung ist die Pest, und zwar völlig unabhängig von den etwaigen musikalischen und lyrischen Stärken oder Schwächen des Repertoires. Allein die Schmierigkeit dieser Musiksurrogatbrühe reicht schon fast aus, empfindsamen Gemütern die Musik schlechthin und das Einkaufen zu verleiden.

Neben nicht totzukriegenden Klassikern wie Stille Nacht oder Jingle Bells auch immer wieder dabei: Morgen kommt der Weihnachtsmann von Hoffmann (Deutschlandlied) von Fallersleben, meistens in einer demilitarisierten Version geknödelt, also ohne die bei Fallersleben zentralen Elemente Trommel, Pfeife, Gewehr, Fahne, Säbel, Kriegesheer usw.

Als ganzes nicht mehr so gängig, aber immer noch gelegentlich ins Spiel gebracht wird Theodor Storms Knecht Ruprecht (Von drauß‘ vom Walde komm ich her; ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr!) mit der folgenden sehr bekannten Zeile:

Denn Äpfel-, Nuss- und Mandelkern essen fromme Kinder gern.«

Das finde ich jetzt einfach mal komisch (als Schulkind habe ich mit dem ganzen Opus nichts anfangen können, ich fand es einfach merkwürdig und, auch wenn ich das damals anders ausgedrückt hätte, irrelevant.) Mal im Ernst, wer schenkt denn Kindern Apfelkerne? Das wird nicht einmal in früheren, deutlich frugaleren Jahrhunderten üblich gewesen sein und hätte den Kindern auch damals sicher nicht gefallen. (Natürlich steht bei Storm hinter den Äpfeln kein Bindestrich, aber man hört den Unterschied beim Aufsagen natürlich nicht. Darum verstehe ich das jetzt einfach mal so, wie es mir in den Kram passt.)

Zu den Apfelkernen fällt mir jedenfalls ein alter jüdischer Witz ein:

Sitzt einer im Zug und isst einen Apfel. Ein Mitreisender beobachtet ihn dabei. „Sagen Sie“ , fragt er nach einer Weile, „essen Sie die Kerne eigentlich immer mit?“ „Ja“, antwortet der, „Apfelkerne machen klug.“ Nach einer Weile fragt der Mitreisende, ob er vielleicht einen Apfel abhaben könnte. Der mit den Äpfeln reicht ihm einen und verlangt fünf Mark dafür. Der Mitreisende isst den Apfel mitsamt den Kernen. Wieder nach einer Weile bemerkt er nachdenklich: „Eigentlich hätte ich mir für die fünf Mark eine ganze Tüt Äpfel kaufen können.“ „Sehen Sie“, antwortet der mit den Äpfeln, „die Kerne wirken schon!“

So hat schon Theodor Storm (und alle vor ihm, die den Kindern in der Adventszeit kernhaltige Äpfel zu schenken pflegten, damals übrigens noch durchweg gute deutsche Äpfel, sicher ganz im Sinne dessen von Fallersleben) durch sein literarisches Werk einen wertvollen Beitrag zur Schlaumachung der Bevölkerung geleistet. Da sage noch jemand was gegen die klassische Literatur. Wer weiß, vielleicht findet demnächst noch jemand einen nützlichen Gedanken in Schillers Räubern…

Egal, esst mehr Äpfel – bleibt gesund und werdet klug!

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