Kalendersprüchlichkeit

Dass ich Kalendersprüche nicht besonders mag, ist hier ja schon gelegentlich angeklungen. Über die Masche, irgendwelche (irgendwie witzigen) alten Fotos mit irgendwelchen oft in kräftigen Farben handgeschriebenen (irgendwie witzigen) Kommentaren zu versehen, habe ich mich dagegen noch nicht geäußert. Die finde ich auch eher nervig, spätestens seit an jeder Ecke solche Postkarten verkauft werden.

Gut, grundsätzlich sehe ich den Witz, aber praktisch finde ich die Dinger dann doch fast durchweg doof. Ganz aufhören tut es für mich dann, wenn die mehr oder weniger witzigen Kommentare zu den alten Fotos durch Kalendersprüche ersetzt werden, wie hier: kalenderspruechlichkeiten So eine bescheuerte Sammlung von Unsinn, nur um ein sechzig Jahre altes Bild einer leichtbekleideten jungen Frau zeigen zu können! Im Einzelnen:

Versuche nicht – mach es!

Und wenn’s misslingt, war es ja doch „nur“ ein Versuch. Jedes Unternehmen ist bis zum erfolgreichen Abschluss ein Versuch. Will man Versuche vermeiden, darf man gar nichts machen. Da finde ich es besser, den eigenen Perfektionismus beiseitezulegen und Dinge in Angriff zu nehmen, auch wenn man sich nicht über jedes Detail der Unternehmung im Klaren ist und zwischendrin vielleicht ein bisschen improvisieren muss. Klar, scheitern macht keinen Spaß, aber wer nicht wagt, der nicht vollbringt oder so. Und was nicht geht, das geht nicht, und wenn man sich noch so positivistisch autosuggeriert, dass man es nicht versucht, sondern tatsächlich jetzt einfach mal durchzieht.

Denke nicht – sag es!

Jaja, wie soll ich wissen was ich denke, bevor ich es sage? Anders gesagt: Hirn aus, Mundwerk an, und immer gib ihm. Dann lass mich aber vorher außer Hörweite! Zugegeben, wenn man es als sag was du denkst liest, macht es mehr Sinn. Aber auch das Aussprechen der eigenen Gedanken will mit Verstand und Augenmaß praktiziert werden, sonst kann man viel Leid anrichten. Und spätestens wenn man diese caveats in den Spruch einbaut, hat man keinen Spruch mehr, sondern einen Leitartikel, den man nicht mehr sinnvoll auf einer Postkarte unterkriegt.

Glaube nicht – weiß es!

Mit dem Weißen ist das so eine Sache. Falls wissen gemeint sein sollte (Glaube nicht – wisse es!) – toller Ratschlag. Das lässt sich so pauschal gar nicht umsetzen. Man kann nicht alles wissen, vieles muss man glauben, schon weil man gar nicht die Zeit hätte, alles, was man im Alltag „wissen“ muss theoretisch so zu durchdringen, dass man wirklich weiß, also die Fakten und ihre Herleitung und Belege dafür parat hat. Und falls die Art Wissen gemeint sein sollte, die ein anderes Wort für glauben oder ohne tatsächliche Belege von der Richtigkeit einer Behauptung ausgehen ist, dann ist der Spruch noch idiotischer: Glaube nicht – glaube es!

Träume nicht – Lebe!!!

Diese ständige Träumerei führt ja auch zu nichts, da kommt nur liederlicher Lebenswandel bei raus, verdödelte Zeit und Unruhe. Davor kann man gar nicht eindringlich genug warnen, daher die drei Ausrufezeichen. Also immer schön nüchtern auf dem Boden der Tatsachen bleiben, ja nicht auf die Idee kommen, etwas Neues zu probieren, etwas verändern zu wollen. Ich habe einen Traum hätte demnach nie passieren dürfen, Leute mit Visionen schickt man zum Psychiater, heißt es folgerichtig.

Träume nicht, lebe – früher hieß das Kinder, Küche, Kirche, für Frauen jedenfalls, heute gilt eher Ficken, Fressen, Fernsehkucken. Da weiß jeder, woran er ist, da kann dann gar nichts schiefgehen. Und für den gelegentlichen Blick über den Tellerrand gibt es ja noch die Postkarten.

Willkommen im Land der Dichter und Denker…

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6 Kommentare on “Kalendersprüchlichkeit”

  1. Nesselsetzer sagt:

    *rofl
    Der Artikel kommt so ganz aus der Seele und spricht mir auch aus derselben – und erinnert mich an meine beiden Artikel über blödsinnige Zitate, die irgendwelche vergammelten Mumien zu Lebzeiten von sich gegeben haben und von lebenden Mumien zum besten gegeben werden. Zuemeist erhebe ich dann immer meinen Zeigefinger und antworte mit einem anderen Zitat, etwa: „Schreit die Ente Twuli Twuli, wird es Märzen oder Juli“ oder „Ob im Westen, tief im Osten, wer Äpfel hat, der muss sie mosten (beide Zitate uralt von Tetsche vom STERN). Und wenn mir jemand was von Träumen und Leben erzählen will, dann zitiere ich stets einen Satz: aus Star Trek: „Das Leben ist kein Traum, das Lied ist Blödsinn, Jim“. Danach schaut man mich zumeist an, als sei ich von einem anderen Stern.

    Irgendwie komisch, aber seitdem ich das so handhabe, belästigt mich niemand mehr mit blödsinnigen Sprüchen, und solche Karten bekomme ich auch nicht mehr zugeschickt… 😉

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  2. gnaddrig sagt:

    Gute Methode, das mit den Antwortsprüchen. Muss ich mir merken 🙂

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  3. aurorula a. sagt:

    Mein Lieblingsspruch ist ja:

    Auch eine schöne Methode ist es, die Sprüche paarweise von sich zu geben. Zum Beispiel:
    Gut Ding will Weile haben: Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen
    oder
    Was Du Gutes hast, merkst Du erst wenn es fort ist: Aus den Augen, aus dem Sinn
    oder
    Lebe Deinen Traum, träume nicht Dein Leben: Wenn dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Eis
    oder… es gibt soviele davon, etwas passendes findet sich fast immer. Erstaunlich, wieviele Kalendersprüche es gibt. Und noch viel erstaunlicher, daß von denen die sich gegenseitig widersprechen beide für wahr gehalten werden. Oft gleichzeitig von denselben Leuten.
    Wer sie drauf hinweist, hört zumindest aus dieser Richtung nie wieder Kalendersprüche. 😉

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  4. schnecke sagt:

    Ganz nett ist auch: Laß Dir Zeit und nicht das Leben“.
    Einer meiner allerliebsten ist aber: „Reden ist Schweigen, Silber ist Gold“

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  5. Pfeffermatz sagt:

    Alter Stinkepeter, du! Dabei sind die Sprüche extra so allgemein gehalten, dass es auch sinnvolle Interpretationen gibt. Wenn man will 😉

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  6. gnaddrig sagt:

    Also bitte, ich lass mir doch meine schlechte Laune nicht einfach so verderben! Sinnvolle Interpretationen müsste man wollen. Das wäre aber langweilig! Außerdem: Warum sollte ich Wohlwollen und Hirnschmalz an Barnum-Texte verschwenden?

    Du warst bestimmt zu lange in Amerika 😉

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