My Little Pony im Kettenhemd

Viele Kinder lieben Fantasykram. My Little Pony etwa, das sind kitschige Ponybabyfiguren zum Sammeln mit einer kitschigen pinken Glitzerwelt als Hintergrund. Ein modernes Imitat sind Fillies, ebenalls abgrundtief scheußliche pferdebasierte Figuren mit rosaroter Hintergrundwelt, einer Zeitschrift und Zubehör. Generell gibt es haufenweise Glitzerwelten, die von den sprichwörtlichen Einhörnern mit Regenbogendurchfall bevölkert sind. Märchenwelten, in denen die Protagonisten „spannende“ Abenteuer erleben und wo am Ende alles gut wird.

Es gibt auch Bibi und Tina, Hauptfigur ist ein pferdebegeistertes Mädchen mit Zauberkräften. Herzzerreißend dramatische Verwicklungen, und am Ende wird alles gut.

Wenn sie größer werden, wechseln sie zu Mia And Me, da haben wir es mit Feen oder Elfen oder so zu tun, ansonsten s.o. Für dieselbe Altersgruppe gib es die Beast-Quest-Serie, da geht es etwas heroischer zu, aber nicht weniger stereotypisch: Welt bzw. Land in Gefahr, ein auserwählter Junge muss den Komplott des bösen Zauberers so ziemlich allein vereiteln und alles retten. Ein Mädchen steht ihm zur Seite, ihr nicht unerheblicher Beitrag wird aber nicht groß gewürdigt. Davon gibt es drei Dutzend Aufgüsse mit eher geringfügigen Variationen von Plot und Personal.

Diese Welten werden in klischeeüberladener, oft fast formelhafter Sprache mit teilweise extrem hoher Platitüdendichte präsentiert. Du musst fest an Dich glauben, dann schaffst Du das auch oder Wenn du das wirklich willst, dann kannst du das auch erreichen oder Die Kraft der Einhörner wird dich stark machen!

Aber das ist natürlich alles Kinderkram. Später lächelt man auf sowas hinab, man steht weit über solchen Geschichten. Dafür ist man dann vielleicht Star-Wars-Fan. Da gibt es eine Fantasy-Welt mit wenig Einhörnern, aber viel Schwarzweiß, und man erkennt jederzeit an farbcodierten Leuchtstangen, wer zu den Guten und wer zu den Bösen gehört. Es geht natürlich wieder um die Rettung der Welt, und am Ende wird alles gut, glaube ich.

Oder man hört Heavy Metal, laute Musik meistens mit dominantem Rhythmus und – oft nur rudimentär ausgebildeter – Harmonik und Melodie. Das war v.a. bei Kerlen ab der Pubertät sehr gängig, bevor Hip-Hop in Mode kam und alles gefressen hat. Da geht es vorzugsweise um dunkle Themen – Tod und Teufel, Engel und Dämonen. Das Böse spielt eine zentrale Rolle, okkulte Spielereien haben die ganze Musikrichtung wesentlich geprägt. Black Sabbath etwa, Urgestein des Heavy Metal, waren da wegweisend und haben sich tief reingehängt. Teilweise ziemlich eklig, wenn ich nur an die Fledermaus-Aktion von Ozzy Osbourne denke. War aber alles nur angelsächsisch ironische Kasperei und Projektionsfläche für pubertäre Rebellion.

Einige Metal-Bands arbeiten sich aber tatsächlich an ernsten Themen ab. Es gibt Bands, die vorwiegend über Tod, Sterben und Verdammnis texten. Oder über Gewalt. Sabaton etwa, die schreiben ausschließlich über den Krieg und haben mittlerweile die meisten größeren Konflikte der letzten zwei Jahrhunderte verwurstet.

Viele Bands greifen mythologische Themen auf, verarbeiten Legenden, Platitüden, Klischees, Kitsch. Vor allem Kitsch. Die kryonischen Tempelrecken hatte ich vor einer Weile schonmal erwähnt. Das sind die Leute, die die ewige Flamme des Heavy Metal unerschrocken in die finstere Welt tragen. Die Leute, die einzigartig sind und in großen Massen auftreten, die  unaufhaltsam sind und nie aufgeben, notfalls aber allesamt in Erfüllung ihrer Pflicht (Flammetragen) draufgehen würden. Die bringen eine fantastische Klischeedichte zustande.

Die zeitweise lauteste Band der Welt Manowar ist in ähnlicher Mission unterwegs – Magie, Mystik und der Kampf für den wahren Heavy Metal sind zentrale Themen. Dann gibt es Sachen wie Angus McFife von Gloryhammer, legendenseliger Heldenkitsch vom Feinsten. Da kommen sogar Einhörner vor: The force of unicorns makes Zargothrax fight great (Kaum übersetzbar, es geht aber um die Kraft der Einhörner, die es einem gewissen Zargothrax ermöglicht, großes im Kampf zu leisten).

Das ist My Little Pony für Erwachsene. Statt Ponyfiguren nach Kindchenschema gibt es eben Drachen, Recken und leichtbekleidete Models, und die Musik dazu klingt anders, aber ansonsten ist das die gleiche Soße. Bunte Fantasiekostüme, wildromantische Geschichten, alles was Spaß macht. Harry Potter, Game Of Thrones u.ä. zusammengerührt und vertont. My Little Pony ohne Kindchenschema eben. Aber egal, bei guter Musik nehme ich auch sowas in Kauf, in gewissen Grenzen. Besser (und wegen der anderen Sprache ausblendbarer) als deutscher Schlager ist es allemal…

(Dank an meine Frau, die mich auf die Parallele zwischen My Little Pony und dem schwermetallischen Heldenkitsch gebracht hat.)

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6 Kommentare on “My Little Pony im Kettenhemd”

  1. aebby sagt:

    Einen Gruß an Deine Frau – da hat sie wohl recht. Das ist tatsächlich das Gleiche in Schwarz ;-). Ganz ohne Augenzwinkern denke ich, dass ein Bedürfnis nach diesen Gut-Böse Geschichten vorhanden ist. Dass der Gut-Böse-Kontrast in den Geschichten für Erwachsene (oder der Musik) zunehmend zu „Böse-Noch Böser“ (bad vs. evil) verkommt ist da nochmal eine andere Geschichte. Die Polarität bleibt aber erhalten.

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  2. gnaddrig sagt:

    Ja, sie hat meistens recht, ganz im Ernst 🙂

    Das Bedürfnis nach solchen Schwarzweißgeschichten ist wohl überall da, das ist ja auch nicht schlimm. Ich finde es vor allem witzig, dass finstere, kuttentragende Getalten, die auf okkult und böse machen, oft Geschichten mit dem gleichen Strickmuster konsumieren wie niedliche kleine Kinder mit rosa Ponyfiguren. Das geht im Kopf nicht immer ohne weiteres zusammen. Macht die Welt aber irgendwie netter, wenn ich es mir überlege.

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  3. Pfeffermatz sagt:

    „Aber egal, bei guter Musik nehme ich auch sowas in Kauf, …“ – also, wir singen im Auto lautstark zu dritt (meine Frau mag nicht) bei Bibi und Tina mit. Bei Lena auch; mit Manowar haben wir es allerdings noch nicht versucht. Oder mit Gloryhammer…

    Habe mir gerade McFife auf Youtube angeschaut. Hat schon was von Kindergeburtstag; ist schon passend, dass die Hauptdarsteller des Videos Kinder sind! Und ein durchs Bild laufendes Little Pony hätte gut reingepasst 🙂

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  4. gnaddrig sagt:

    Das stelle ich mir nett vor, Familie Pfeffermatz im Auto auf dem Weg zum Baggersee, Fenster auf und alle gröhlen He is the prince of the land of Fife, Noble and true with a heart of steel usw. Dann müsst Ihr Euch nur noch ein rosa Plüschpony aufs Dach binden und es ist perfekt 🙂

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  5. Pfeffermatz sagt:

    Ich glaube eher, meine Frau würde mich aufs Dach binden 😉

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  6. gnaddrig sagt:

    Lieber nicht. Aber wieso denn auch? „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, denn böse Menschen haben keine Lieder“ und so…

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