Korn, Bier, Schnaps und Wein

Gesunde Ernährung ist irre wichtig, und das Bewusstsein dafür ist in den letzten Jahrzehnten stark gewachsen. In vielen Ländern gibt es amtliche oder quasiamtliche Richtlinien darüber, wieviel und was ein gesunder Mensch normalerweise essen sollte, um gesund zu bleiben oder jedenfalls keine ernährungsbedingten Schädigungen davonzutragen.

Diese Richtlinien basieren in der Regel auf mehr oder weniger wissenschaftlich gewonnenen Erkenntnissen, werden allerdings gelegentlich nach politischem Kalkül zurechtgebogen. (Ein Beispiel war die US-amerikanische Ernährungspyramide, die, wenn ich mich recht erinnere, in irgendeine aus nichternährungstechnischen Gründen opportune Richtung umproportioniert worden war. Bin nur zu faul, jetzt die entsprechenden Details zu suchen.)

Nun ist die Ernährung schon deshalb einigermaßen bedeutsam und potenziell folgenreich, weil sie in aller Regel täglich stattfindet und weil eine falsche Ernährung eben ernsthafte gesundheitliche Folgen haben kann. Deshalb wird auch andauernd an der Ernährung und ihren Folgen herumgeforscht. Jederzeit läuft eine Vielzahl von Studien zu den Zusammenhängen zwischen allem möglichen, und ständig werden irgendwelche Ergebnisse irgendwelcher dieser Studien veröffentlicht.

Wenn sich bahnbrechend neue Erkenntnisse ergeben oder wenn sich so viele eher unspektakuläre neue Erkenntnisse angesammelt haben, dass man sie nicht mehr gut ignorieren kann, werden die oben erwähnten nationalen Richtlinien angepasst. Das passiert alle paar Jahre und ist für den Normalverbraucher nicht weiter von Bedeutung.

Im Alltag viel spürbarer ist die Berichterstattung über all die Studien, die so getrieben werden. Dauernd kommen reißerische Artikel über sensationelle neue Erkenntnisse in Sachen gesunder Ernährung, die sich fast immer nach dem folgenden Schema zusammenfassen lassen:

Der Genuss von [Menge] [Lebensmittel oder Klasse von Lebensmitteln oder bestimmte Zutat] pro [Zeiteinheit] verringert das Risiko, an [Krankheit, meistens die eine oder andere Art Krebs] zu erkranken, erheblich.

Statt Lebensmitteln oder Inhaltsstoffen können auch Tätigkeiten (oder das Bleibenlassen von Tätigkeiten wie Rauchen, Saufen o.ä.) stehen. Statt über das Bleibenlassen schreiben sie aber lieber nach der folgenden Formel:

[Das regelmäßige/übermäßige Konsum] bzw. [das regelmäßige/übermäßige Ausführen] von [Lebensmittel/Genussmittel/Droge] bzw. [Tätigkeit] erhöht das Risiko, an [Krankheit, meistens die eine oder andere Art Krebs] zu erkranken, erheblich.

Ob das so stimmt, steht erstmal dahin. Ob die Studien, auf denen solche Artikel sich berufen, das so hergeben, darf in der Regel angezweifelt werden, diese Art Bericht ist in aller Regel mit einer gesunden Prise Skepsis zu genießen.

Aber egal. Was wir essen und trinken hat jedenfalls Einfluss auf unsere Gesundheit und unser Krankheitsrisiko. Und weil die Medien Auflage machen wollen, stürzen sie sich auf jede Sensation, die sie kriegen können, oder basteln sich Sensationen aus allem, was man irgendwie ein bisschen aufbauschen kann. Kann ich sogar ein Stück weit verstehen.

Und so lesen wir gefühlt jeden zweiten Tag, dass ein Glas Rotwein am Tag das Herzinfaktrisiko senkt, das Darmkrebsrisiko erhöht, das Demenzrisiko senkt, das Was-weiß-ich-Risiko erhöht und so weiter. Ähnliches für Bier, Kräuterlikör, Stangensellerie, Pfefferminzkaugummi, Salbeitee, Kreuzkümmel und sonstwas.

Hü und hott geht das in einem fort, rin inne Kartoffeln, rut ut de Kartoffeln, zick und zack, wer ein paar Wochen lang eifrig Zeitung gelesen hat (oder Apothekenrundschau oder, bewahre, die rosarote Klatschpresse), weiß überhaupt nicht mehr, wie er sich ernähren soll, weil zu jedem Lebensmittel und zu jedem Inhaltsstoff mindestens drei widersprüchliche oder sich gegenseitig gleich völlig ausschließende „Ergebnisse wissenschaftlicher Studien“ kolportiert worden sind.

Dabei werden Korrelation und Kausalität schonmal verwechselt. Wenn in einer Studie nur festgestellt wird, dass Leute, die regelmäßig eine bestimmte Menge Rotwein trinken, seltener an [Krankheit] leiden, machen viele Medien daraus gleich: Rotwein verhindert [Krankheit], auch wenn die Studie das so nicht hergibt. Stört aber keinen, Hauptsache die Auflage stimmt.

Überprüfen kann man das sowieso nicht so ohne weiteres. Von einem Mal Pfeife rauchen habe ich noch keinen Zungenkrebs, und wenn ich mal einen Tag keine rohe Zwiebel esse, fallen mir nicht gleich die Zähne wegen Skorbut aus. Das ist alles viel langfristiger und ungefährer, und es sind immer nur Wahrscheinlichkeiten, keine Sicherheiten. Der eine raucht fünfzig Jahre lang drei Schachteln pro Tag und stirbt mit 95 kerngesund an ganz was anderem, der andere liest einmal einen Artikel über Asbest und hat am nächsten Morgen Lungenkrebs.

Da kann man völlig ungeniert einen Artikel nach dem anderen über angeblich entdeckte Gefahren oder Schutzwirkungen von Lebensmitteln raushauen, den Wahrheitsgehalt kann sowieso niemand wirklich feststellen.

Aber!

Aber manchmal gibt es auch konkrete Zusammenhänge, die sehr kurzfristig wirken. Zum Beispiel das mit dem Alkohol zum Essen. Da hat man jetzt herausgefunden und zweifelsfrei belegt: Wer genug Alkoholisches zum Essen trinkt, hat anscheinend gute Chancen, sich bei Genuss salmonellenverseuchten Essens eben keine Salmonellenvergiftung zuzuziehen. Ohne Alkohol ist man in 95 von 100 Fällen dran, mit ausreichend Alkohol sinkt das Risiko auf ungefähr 50 von Hundert (via).

Also: Ein zwei Schnäpse zum Essen oder ein paar Gläser Rotwein sind, ahem, gesund. Soll die Leber eben schrein, Prost Mahlzeit!

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14 Kommentare on “Korn, Bier, Schnaps und Wein”

  1. Duderich sagt:

    Das Leben an sich mündet zu 100% in die Mortalität.
    Je länger das Leben, umso wahrscheinlicher ist der Tod.

    So gesehen, sollten wir zu leben aufhören. Der Gesundheit und der Lebenserwartung halber.

    Letztendlich ist das doch eh alles Mumpitz.
    Wenn der Schnitter kommt, kam man ihn auch nicht mit dem Hinweis vertreiben, jeden Tag einen Apfel gegessen zu haben.

    Man sollte die Qualität des Lebens anstreben, nicht die Quantität.

    Grüße, Dude

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  2. gnaddrig sagt:

    Qualität vor Quantität, genau mein Ding, Dude!

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  3. Duderich sagt:

    Na dann: High Five!

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  4. gnaddrig sagt:

    Yo
    *reiten in den Sonnenuntergang*

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  5. Duderich sagt:

    Och, nee, Du!
    Die Pferde schaukeln so viel, sind so hart, obwohl sie mit Heu gefüttert sind.

    Und, der Sonnenuntergang blendet so. Und ich habe meine Sonnenbrille nicht dabei.

    Och nee, außerdem habe ich morgen schon was vor.

    🙂

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  6. gnaddrig sagt:

    Ok, denn nicht. Gehn wa einen trinken, da sind wir bis morgen fertig!

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  7. Duderich sagt:

    Einen trinken? Gerne!
    Ist ja auch kompatibel zu meinen Neujahrsvorsätzen!

    Da tut auch am nächsten Morgen der Arsch nicht so weh.

    Apropos, Arsch:
    Meine Lieblingswerbung:

    http://www.goldenstore.de/product_info.php/info/p528_24–Karat-Echtgold-gepraegtes-Toilettentissue.html

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  8. gnaddrig sagt:

    Oh ja, das Klopapier finde ich auch immer wieder klasse. Und eigentlich auch recht preiswert…

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  9. Pfeffermatz sagt:

    Zur US-Amerikanischen-Ernäherungspyramide: Coca-Cola und Kaugummi wurden zu Grundnahrungsmitteln deklariert.

    Also gut, ich bin auch zu faul zum recherchieren. Aber vielleicht irgendwas mit Mais? Mais wird in den USA aus wirtschaftlichen Gründen tatsächlich subventioniert.

    Ansonsten danke für die Info zum Rotwein – das war mir neu. Aber dass Rotwein irgendwie gesund ist, vermutet man schon lange. Und Kaffee ist ja angeblich auch super gesund. Interessant dabei ist, dass Kaffee derart viele und komplexe Inhaltsstoffe hat, dass es heute kaum zum Verzehr zugelassen werden würde.

    Ich lebe jedenfalls unter anderem auch gesund.

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  10. gnaddrig sagt:

    Wie irgendwo oben schon angedeutet wird ganz bestimmt ziemlich oft zumindest in den entsprechenden Zeitungsberichten Korrelation mit Kausalität vermischt. Vielleicht sind Rotweintrinker vermehrt gesundheitsbewusste und risikoaverse Volvofahrer, die deshalb länger leben als biertrinkende Currywurstjunkies, die ihre tiefergelegten Rennschüsseln mit Bleifuß durch die Landschaft schieben. Da wäre der Rotwein sicher nicht Grund für die höhere Lebenserwartung, sondern Symptom der zugrundeliegenden Lebensentwürfe. Aber gesundheitsfördernd soll Rotwein trotzdem sein.

    Gesund leben ist wichtig (wird Dir jeder Gastwirt bestätigen!) und macht ja auch irgendwie Spaß…

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  11. aurorula a. sagt:

    Alternative Theorie:
    Wer selbst zum saufen zu krank ist, stirbt auch recht schnell. Wer sich zu Tode säuft … hat relativ schnell Erfolg damit. Somit sind diejenigen mit einem mäßigen Alkoholkonsum am gesündesten.
    Ergo liegt deren gute Gesundheit am Bißchen Alkohol. 😉

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  12. gnaddrig sagt:

    Kann ich aus dem Stand nicht widerlegen. Könnte stimmen 🙂

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  13. aurorula a. sagt:

    Wenn nicht, klingts wenigstens gut 🙂

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  14. […] schon wieder geht ein langjähriger Ernährungs- und Gesundheitsmythos den Weg des Vergänglichen und reißt ein […]

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