Sein oder nicht sein

Nach dem Angriff auf die Redaktion des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo, bei dem 12 Menschen ermordet wurden, geht eine Welle der Solidarität durch die Welt. In fast allen Teilen der Welt wird Je suis Charlie – ich bin Charlie auf französisch oder in der jeweiligen Landessprache als Ausdruck der Solidarität mit den Opfern und ihren Hinterbliebenen gezeigt – auf Zeitungsseiten, Blogs, auf Demonstrationen und Gedenkveranstaltungen. Auch, muss man dazusagen, in der arabischen Welt.

Das finde ich richtig, darum ich habe ja selbst auch ein Banner mit Je suis Charlie bei mir aufgehängt. Ich finde es richtig, möglichst deutlich zum Ausdruck zu bringen, dass Meinungs- und Pressefreiheit nicht zur Disposition stehen, dass man missliebige Stimmen nicht mit Gewalt zum Verstummen bringen darf. Da ist durchaus ein gehöriger Schuss Trotz dabei, ein lautes jetzt erst recht!

Dabei möchte ich allerdings eines nicht: Die Leute von Charlie Hebdo glorifizieren. Sie werden jetzt manchmal allzusehr als Helden dargestellt, als mutige Kämpfer für die Meinungsfreiheit, als edle Hüter der Flamme der Freiheit oder so. Das waren sie meiner Meinung nach aber nicht.

Sie haben lediglich die vorhandene Freiheit ausgereizt und dabei teilweise ziemlich unschönes Zeug fabriziert. Ich habe mir Karikaturen von Charlie Hebdo umgeschaut, und einiges davon finde ich geschmacklos und gehässig. Witziges war nicht wirklich dabei. Gut, ich kann praktisch kein französisch, da mag ich manches falsch oder gar nicht verstanden haben. Aber die Zeichnungen sprechen für sich. Nicht mein Stil jedenfalls, egal gegen wen sie jeweils grad gingen.

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Wenn ich schreibe, sie waren keine mutigen Kämpfer für die Meinungsfreiheit, meine ich damit nicht, dass sie nicht mutig waren. Das waren sie durchaus. Sie wussten genau, was sie taten und wem sie ständig auf den Hühneraugen herumtrampelten. Und sie hatten ja schon mehrfach Probleme mit Leuten, die ihren Humor nicht teilten und ihrem Unmut handgreiflichen Ausdruck verliehen. Dass die Redaktion bereits unter Polizeischutz stand, spricht für sich. Da gehört schon ein gehöriges Maß an Unerschrockenheit dazu, diesen Stil so lange auf dem Niveau weiter durchzuziehen.

Aber es war eben nicht in erster Linie ein Kampf für die Meinungsfreiheit, sondern allenfalls ein unter Nutzung der Meinungsfreiheit geführter Kampf gegen Verbohrtheit und Fundamentalismus aller Art.

Wenn ich Charlie Hebdo stellenweise Geschmacklosigkeit, Gehässigkeit und übertriebene Provokanz vorwerfe, möchte ich damit jetzt ausdrücklich nicht Siehste! gesagt haben. Wie gesagt, es herrscht Meinungs- und Pressefreiheit. Die darf und sollte genutzt werden. Und sie gilt auch für Andersdenkende, Nervensägen, Stänkerer usw. Selbstjustiz, Lynchmobs und solche Sachen dürfen nicht sein. Das darf man nicht zulassen, dem darf man nicht nachgeben.

Wenn ich Je suis Charlie auf mein Blog hänge, dann richtet sich das gegen den Terror, gegen das gewalttätige Mundtotmachenwollen. Ich erkläre mich mit Charlie Hebdo als Opfer eines Terroranschlags solidarisch, aber ich mache mir Stil und Inhalt von Charlie Hebdo damit nicht zu eigen. Ich mag die nicht, wirklich nicht. Aber das Abgeschlachtetwerden haben sie nicht verdient, genausowenig wie die vielen tausend anderen Opfer islamistischer Schlächter in Nahost, in Nigeria. Dasselbe gilt für die Opfer aller anderweitig religiös oder sonstwie ideologisch motivierten Gewalttäter natürlich auch.

Von daher: Je suis Charlie – die Meinungsfreiheit darf nicht abgewürgt werden, und mein Mitgefühl gilt den Hinterbliebenen der Ermordeten. Je ne suis pas Charlie – man muss nicht unbedingt jeden Rotz veröffentlichen, und wenn Satire tausendmal alles darf.

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Und übrigens: Je suis Ahmed – der Polizist Ahmed Merabet, der im Rahmen des Anschlags ermordet wurde, war Muslim. Und er ist bei einem Einsatz ums Leben gekommen, bei dem es um den Schutz von Leuten ging, die unter anderem Aspekte seiner Religion immer wieder lächerlich gemacht haben. Auch ein Grund, weshalb dieser Anlass ein pauschales Moslem-Bashing nicht rechtfertigt.

Gut, vielleicht wusste Merabet nicht, zu was er dort gerufen worden war. Vielleicht war deshalb  auch er nicht ein Held im Kampf für die Meinungsfreiheit, sondern ein zufälliges Opfer – wäre ein beliebiger Biofranzose an seiner Stelle dort hingeschickt worden, hätten sie den natürlich genauso abgeknallt. Jedenfalls haben die Mörder den Muslim Ahmed Merabet nicht verschont. Kann gut sein, dass sie ihn erst recht plattgemacht hätten, wenn sie ihn als Muslim erkannt hätten – er wäre sicher nicht als gläubig genug (als RiuS – Rechtgläubiger in unserem Sinn) durchgegangen.

Und das zeigt wieder einmal, dass diese Mordbanden nichts und niemanden achten, dass sie wahllos alle abschlachten, die sich ihnen in den Weg stellen, und dass jeder, egal welcher politischen oder religiösen Heimat, ein lebhaftes Interesse haben sollte, diese Leute mit ihrer Masche nicht durchkommen zu lassen. Gewalt ist keine Lösung.

Je suis Charlie, je suis Ahmed.

Nachtrag (10. Januar 2015, 22:03 Uhr):

(Anmerkung: Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Ergänzung waren die Likes von Jule und Eisenfresser schon da.)

Mit einiger Verspätung und etwas betreten bin ich auf Je suis Juif gestoßen. Praktisch gleichzeitig mit dem Anschlag auf Charlie Hebdo hat es ja eine Geiselnahme in einem koscheren Supermarkt gegeben, bei der vier Menschen ermordet wurden. Die haben das ebensowenig verdient wie Ahmed Merabet oder die elf Mitarbeiter von Charlie Hebdo. Die hatten nur das Pech, zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zu sein, und sie waren dort, weil sie Juden waren. Und als solche waren sie Ziel der Geiselnehmer, wie es scheint.

Nun ist der Antisemitismus seit längerem wieder auf dem Vormarsch, gerade in Frankreich (obwohl es in Deutschland und anderen europäischen Ländern auch so toll nicht aussieht; man denke nur an den Mord im Jüdischen Museum in Brüssel oder den Anschlag auf die Jüdische Schule in Toulouse). Und das ist völlig inakzeptabel. Ganz egal, wie man zu Israel oder der israelischen Politik steht – Juden sollten wegen ihrer Religion oder ihrer Volkszugehörigkeit genausowenig Angst um Leib und Leben haben müssen wie alle anderen auch.

Der Angriff auf den Supermarkt ist genauso widerlich wie der auf die Redaktion. Eigentlich fast noch schlimmer, weil hier anscheinend Menschen nur deshalb ermordet wurden, weil sie Juden waren oder „beim Juden“ kauften. Die von Charlie Hebdo hatten sich ja immerhin aktiv unbeliebt gemacht. Obwohl, nein, ich kann nicht sagen, welche der beiden Taten ich schlimmer oder widerlicher finde. Es tut auch nichts zur Sache, sie kommen aus einer und derselben Quelle.

Je suis Juif.


4 Kommentare on “Sein oder nicht sein”

  1. Pfeffermatz sagt:

    Sehr schön, deine wohltuend differenzierte Sicht in diesen bedrückenden Tagen.

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  2. gnaddrig sagt:

    Danke 🙂 Mich nervt es gelegentlich, dass, wenn A und B verfeindet sind und ich sage A hat an dieser oder jener Stelle falsch gehandelt, das ganz oft als synonym zu Ich bin auf Bs Seite und finde B ganz gut, toll und richtig, obwohl ich das gar nicht unbedingt bin. Und dass gleichzeitig wie selbstverständlich angenommen wird, dass ich A durch und durch doof finde und völlig gegen A bin, obwohl das auch nicht unbedingt sein muss.

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  3. gnaddrig sagt:

    Einen sehr lesenswerten Artikel zum Thema Vereinnahmung hat Stefan Niggemeier geschrieben: Zeitungsverleger instrumentalisieren „Charlie Hebdo“-Anschlag für Kampf gegen Pegida.

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  4. gnaddrig sagt:

    Zur Frage, ob oder inwiefern diese Verbrechen etwas mit dem Islam zu tun haben und was die Implikationen davon sind, hat Floris Biskamp auf Publikative einen sehr guten Essay in zwei Teilen veröffentlicht: Das hat nichts/etwas mit dem Islam zu tun” und “Das hat nichts/etwas mit dem Islam zu tun”: Was man damit tut.

    Sehr zu empfehlen!

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