Von entweders und oders

Was genau heißt eigentlich oder? Bedeutet es entweder-oder, oder bedeutet es und/oder?

Anders gefragt: Wenn ich zwischen Apfel und Birne wählen soll und beides nehme, ist dann die Aussage Ich nehme Apfel oder Birne wahr? Bei und/oder ist sie das, bei entweder-oder ist sie es nicht.

Ein paar Stück Obst mögen nicht so bedeutsam sein, da ist die Unterschiedung vielleicht nicht so wichtig. Aber man kann sich Situationen vorstellen, wo man es schon genauer wissen sollte. Und sogar beim Schreiben kann das manchmal ein bisschen zum Tragen kommen. Betrachten wir zum Beispiel den folgenden Satz:

Von manchen sagt man, ihre Arbeit, ihr Verein oder ihr Hobby sei/seien ihr Leben.

Wie muss es heißen, sei oder seien? Erstaunlicherweise hängt das davon ab, was man genau sagen will und welche Art oder man hier verwendet. Bei entweder-oder muss man sei sagen, weil dann entweder die Arbeit oder der Verein oder das Hobby ihr Leben ist, also genau eines der drei Dinge, nicht mehr. Bei und/oder muss es dagegen seien heißen, weil dann eines oder zwei oder alle drei das Leben sein können und man deswegen eher die Pluralform braucht.

Wenn man nun genau das schreiben will, was man meint, muss man solchen Kleinkram berücksichtigen. Tut man es nicht, kommen unscharfe Texte dabei heraus, in denen Dinge nicht zusammenpassen. Texte, in denen der Leser ständig das Gefühl hat, das wirklich Gemeinte hinter der sprachlichen Fassade suchen zu müssen und wo er nie sicher sein kann, es richtig erraten zu haben. Texte, in denen man den festen Boden der Aussage unter einer knöcheltiefen Schicht Schneematsch ertasten muss.

(Und manchmal argwöhnt man sogar, dass da gar keine feste Aussage druntersteckt, sondern ein gummiweicher Wust unausgegorener Nichtgedanken. Das wäre dann mit sprachlichen Mitteln auch nicht zu beheben  Die Übergänge können fließend sein, ich unterstelle hier aber mal, dass die meisten Leute dann doch wenigstens eine ungefähre Vorstellung davon haben, was sie ausdrücken wollen.)

Der Aufwand, einen Text zu verstehen, kann dabei unangenehm groß werden. So groß, dass er in keinem Verhältnis mehr zum Informationsgewinn steht. Und Spaß macht es auch keinen.

Mein etwas verschrobener Mathelehrer, den ich in der 7. und 8. Klasse und wieder in der Oberstufe hatte, hat uns in der 7. Klasse gleich am ersten Tag verraten, dass er seit längerem oder nur noch als logisches oder auffasse und verwende (damit meinte er die, ahem, nicht ausschließende Disjunktion). Wenn er entweder-oder meine (also die ausschließende Disjunktion oder Kontravalenz), bringe er das gesondert und eindeutig zum Ausdruck.

So eindeutig habe ich das für mich nicht entschieden, aber ich versuche auch, nach Möglichkeit kenntlich zu machen, welche der beiden Sorten oder ich jeweils meine. Jedenfalls da, wo es einen Unterschied macht bzw. wo ich finde, dass der Unterschied wichtig (genug) ist.

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2 Kommentare on “Von entweders und oders”

  1. Pfeffermatz sagt:

    Also, ich trenne sprachlich stets zwischen „oder“ und „entweder oder“. Aber daran ist sicherlich da Mathematik-Studium schuld.
    Stellt bei uns wer in der Abteilung (alles Mathematiker) unbedacht eine Frage wie „Kommst du mit oder nicht?“, dann erhält er/sie mit großer Wahrscheinlichkeit die Antwort „ja“.
    Danke für den Hinweis, dass diese Genauigkeit nicht sinnlose Pedanterie ist, sondern sogar sprachliche Auswirkungen hat – dass ist Feuer auf meinen mathematischen Mühlen… ääh, Öl, meine ich.

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  2. gnaddrig sagt:

    Hauptsache kein Wasser auf das mathematische Feuer. Und ja, es macht manchmal einen Unterschied, darum ist es auch nicht sinnlose Pedanterie.

    Diese oder-nicht-Fragen finde ich auch immer bescheuert. „Kommst Du mit?“ ist völlig ausreichend, das „oder nicht“ ist in der Frage ja schon implizit enthalten, das muss man dann nicht mehr dazuschreiben. Nach „formuliere so genau wie es mit vertretbarem Aufwand geht“ ist eine zweite sinnvolle Regel: „Vermeide unnötiges Füllmaterial“.

    Was unnötig ist, kann man natürlich kontrovers diskutieren. Ich habe oft Füllmaterial in meinen Texten, das Stimmung oder so ausdrückt oder für den Tonfall nötig ist. Da ich aber auch kein technisches Handbuch schreibe, darf ich das auch. Allzu knapp finde ich auch irgendwie nicht schön, meistens jedenfalls.

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