Was würde MacGyver tun?

Neulich hatte meine Tochter Fieber. Das war einer dieser Virusinfekte, die man sich immer mal einfängt, in der Schule, im Kindergarten, sonstwo. Der Verlauf ist meistens ähnlich, mal mit, mal ohne Übelkeit, meistens braucht es zwischen zwei und fünf Tagen, und praktisch immer ist ordentlich Fieber dabei. Das Fieber muss man natürlich messen, um entscheiden zu können, ob man damit zum Arzt sollte bzw. wann man Gegenmaßnahmen ergreift wie Wadenwickel, Ibuprofen u.ä. Zu hoch soll das Fieber ja nicht werden, schon damit die Patienten und auch die betreuenden Erwachsenen einigermaßen schlafen können.

Messen tut man sowas üblicherweise mit einem Fieberthermometer. Früher mit dem klassischen gläsernen Quecksilberröhrchen, heutzutage eher mit einem ähnlich geformten elektronischen Gerät, das es für ein paar Euro in jeder Drogerie oder Apotheke zu kaufen gibt. Wer’s extravagant mag, legt sich eines von diesen schicken Infrarotthermometern zu, die sehr schnell messen, aber bei ungeschickter Handhabung wahnsinnig ungenau sind. Wenn das Ding ein nach Handgefühl eindeutig „glühendes“ Kind bei 35°C einordnet, ist da was faul. Und wenn man nach mehreren Versuchen immer noch keine Messung über 36°C zustandegebracht hat, kann man das Gerät erstmal beiseitelegen.

Aber was macht man stattdessen? Backthermometer sind eher zu ungenau. Dass das Kind  temperaturmäßig irgendwo deutlich unter Roastbeef rangiert, weiß man ja auch so. Da ist es dann an der Zeit für die Standardfrage:

Was würde MacGyver tun?

Der würde, ja, jetzt mal ganz ohne Kreditkarte und Tesa, ich greife also etwas tiefer in die Bastelkiste und improvisiere einfach drauflos: Die fieberzumessende Patientin bekommt ein Glas mit einer Flüssigkeit in die Hand. Wir messen die Zeit, bis die Flüssigkeit kocht, und daraus berechnen wir die Körpertemperatur.

Natürlich muss es eine Flüssigkeit sein, deren Siedepunkt zwischen Zimmertemperatur und der normalen Körpertemperatur liegt, sagen wir ungefähr 30°C. Da finde ich aber nichts Geeignetes. Den mit 19,54°C höchsten Siedepunkt in dieser Tabelle hat Fluorwasserstoff, und von dem Zeug sollte man besser die Finger lassen.

Alternativ könnte man auch mit Stoffen arbeiten, die bei ca. 30° schmelzen, aber da finde ich leider auch nichts. Vielleicht könnte man sich etwas zusammenmischen, das bei 30°C schmilzt oder die Farbe ändert oder so. Dann müsste man nur vorher die Temperatur des Glases und des Stoffes genau messen, ebenso Lufttemperatur, Luftfeuchtigkeit und Luftdruck. Dann müsste man ermitteln, wie groß die Kontaktfläche der Hand der Patientin mit dem Glas ist und welchen Anteil der Glasfläche diese Kontaktfläche einnimmt. Übrigens sollte die Patientin nicht in Richtung des Glases atmen, damit die Messwerte nicht verfälscht werden.

Wenn man Randall Munroe von xkcd wäre, der nebenher in der Kolumne what if? unorthodoxe Lösungen zu abstrusen Fragestellungen anbietet, könnte man jetzt sicher schnell ein paar Formeln zusammensuchen und damit auf Grundlage der im vorigen Absatz aufgezählten Daten ausrechnen, bei welcher Kontaktzeit man welchen Temperaturanstieg im Glas zu erwarten hätte. Zur Feinjustierung wären dann aber sicher immer noch ein paar Versuchsreihen nötig, um die gemessene Zeit bis zum Kochen/Schmelzen/Farbwechsel und die Körpertemperatur des Patientin zueinander in Beziehung zu setzen.

Ich als naturwissenschaftlicher Laie wüsste gar nicht, wo ich nach diesen Formeln suchen müsste und wie ich mit den Formeln umzugehen hätte, wenn ich denn welche gefunden hätte. Darum erspare ich mir die Rechnerei ganz und steige direkt in die Versuchsreihen ein. Weil messen kann ich, und aus den Messungen die richtigen Schlüsse zu ziehen müsste ich auch fertigbringen.

Am Ende hätte ich wahrscheinlich den Gegenwert eines Kleinwagens und mehrere Monate Lebenszeit in das Projekt investiert und könnte die Körpertemperatur der Patientin am Ende bestimmt auf ein dreiviertel Grad genau bestimmen. Da wäre es billiger und von deutlich höherer Ergebnisqualität, jedesmal mit dem Taxi zur diensthabenden Apotheke zu fahren und sich ein neues elektronisches Thermometer zu kaufen. Die ganze schöne Ideensammlung war also für die Katz.

So gehen vielversprechende Erfinderkarrieren zuende, bevor sie recht angefangen haben. Andererseits, Leute, die auf diese Art Zeugs erfinden, gibt es schon, dann muss ich da nicht auch noch.

** * **

Jedenfalls habe ich die hier aufgeschriebenen Überlegungen während des Fiebermessens so entwickelt. Nicht so schön sortiert natürlich und ohne die gegoogelten Details. Eher so mäandernd, aber im Wesentlichen war alles dabei, so völlig aus dem Stand. Meine Tochter mag Fiebermessen nicht, da soll sie sich währenddessen nicht zu sehr auf das unangenehme Gefühl des Thermometers in der Achselhöhle konzentrieren. Darum also die Spinnerei mit der alternativen Messmethode.

Töchterchen hat sich meinen Vortrag mit diesem feinen Amusement angehört, das sie so an sich hat. Eine Mischung aus nachsichtig (ist ja schon ziemlich abgehoben, was der Typ da von sich gibt), amüsiert (ist ja gleichzeitig irgendwie auch lustig), theatralisch augenrollend genervt (geht das schon wieder los und wie lange wird das gehen) und erfreut (der gibt sich ganz schön Mühe, mich aufzuheitern). Wir waren uns am Ende einig, dass es mit dem Fieberthermometer wohl wirklich am Besten geht.

Macht irgendwie Spaß, sowas.

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2 Kommentare on “Was würde MacGyver tun?”

  1. Pfeffermatz sagt:

    Sehr schön 🙂 Deine Tochter hat viel Glück mit ihrem Papa!
    Und nun zum technischen: ich würde Eiswürfel nehmen und schmelzen lassen, z.B. in einem Becher. Die genormten Eiswürfel kommen aus einem Gefrierschrank mit bekannter Temperatur (-15 Grad, zB) in einen Metallbecher, den der Proband in seine Hand hält. Jetzt misst man die Zeit, bis sich ein cm^3 Wasser bildet; oder umgekehrt, wie viel Wasser sich in zwei Minuten bildet. Das hängt natürlich von der Größe der Hand ab. Allerdings glaube ich, dass die Temperatur der Handfläche nicht besonders aussagekräftig ist…

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  2. gnaddrig sagt:

    Danke 🙂

    Die Methode mit den Eiswürfeln klingt auch nicht schlecht. Was die Handflächen angeht, hast Du wahrscheinlich recht, aber was will man machen…

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