Ansteckend

Es ist schon fast dunkel und ich bin froh, aus dem Schneeregen in die helle, warme Straßenbahn zu steigen. Die ersten Läden schließen, die Bahn ist ziemlich voll. Ich sehe viele müde Gesichter, ein paar gelangweilte, ein paar schlechtgelaunte. Irgendwo unterhalten sich welche angeregt über irgendwas. Ich habe es nicht weit, ein paar Stationen nur, und bleibe im Gang stehen.

Ein Stück weiter sitzt eine alte Frau allein, neben sich im Gang einen vollgepackten Hackenporsche, auf dem Sitz neben sich eine Handtasche. Sie ist einfach und etwas altmodisch gekleidet, Mantel und Kopftuch. Nicht abgerissen, aber ihre Sachen sind sichtbar nicht neu.

Sie löffelt sich mit dem Zeigefinger kleine Portionen Joghurt oder Milchreis oder sowas aus einem Becher in den Mund. Sie ist offensichtlich geübt darin, da kleckert und schmiert nichts. Das sieht auch überhaupt nicht nach schlechter Kinderstube aus, im Gegenteil. Die Frau wirkt gelassen, fast selbstvergessen, ist völlig in ihre Mahlzeit vertieft und strahlt dabei friedliche Wohligkeit aus.

Nach ein paar Minuten klappt sie die nur halb abgezogene Alufolie wieder über den Becher und stellt ihn zurück in ihre Handtasche, wischt sich den Finger an einem Taschentuch ab und lehnt sich zurück, sichtlich zufrieden.

Ich steige mit einem Lächeln aus.

 

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One Comment on “Ansteckend”

  1. […] bloggt seither über Alltagserlebnisse in der Straßenbahn, aber auch über – da sind wir dann doch wieder – Skeptikerthemen wie homöopathische […]

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In den Wald hineinrufen

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