Ein Freund, ein guter Freund…

Ich finde es immer interessant, bei welchen Gelegenheiten welche Leute welche Freunde ins Spiel bringen. Wenn über die Rechte etwa von Homosexuellen diskutiert wird (Homo-Ehe, Adoption von Kindern durch schwule Paare, solche Sachen), geht es erfahrungsgemäß sehr schnell sehr hoch her, äußerst emotional und sehr oft ad hominem. Und da haben dann alle möglichen Leute plötzlich schwule Freunde.

Wohlgemerkt, die Leute, die in diesen Diskussionen das Abendland gegen seine schon fast vollendete Zersetzung durch genderwahngetriebene Durchschwulung der Gesellschaft zu verteidigen vorgeben. Leute also, die eigentlich eher durch mehr oder weniger offen homophobe Ansichten auffallen. Aber jetzt knallen sie diesen superguten schwulen Freund auf den Tisch und sind damit fein raus. Man kann ja, geht das Kalkül, kaum homophob sein, wenn man schwule Freunde hat, oder? Gute schwule Freunde, schwule gute Freunde! Der ist schwul und trotzdem mein guter Freund, ha!

Ähnlich läuft es mit Ausländern, Schwarzen, Muslimen, Frauen (ja, sogar mit Frauen sind manche Leute „befreundet“, man stelle sich das vor!), Rollstuhlfahrern, Blinden und im Prinzip allen Gruppen von Leuten, die jemand ausgrenzen, schlechtmachen oder rausekeln will.

Man kann den Wahrheitsgehalt dieser Freund-Behauptungen natürlich nicht überprüfen. In Onlinediskussionen weiß ich in der Regel nicht, mit wem ich es zu tun habe. Und selbst wenn, ich könnte ja schlecht nach München, Berlin oder Hamburg fahren oder wo die sonst so wohnen, und mal ein paar Wochen lang beobachten, mit wem die sich so abgeben. Inklusive Telefon- und Internetüberwachung, weil Freunde ja nicht am selben Ort wohnen müssen. Ich habe auch Freunde, die ich nur alle paar Jahre mal sehe und mit denen ich auch nicht jede Woche telefoniere.

Ich vermute aber, mehrheitlich würden sich die in solchen Diskussionen hitzig ins Feld geführten Freunde als entweder vollständig erfunden herausstellen, oder es wären in Wirklichkeit Leute, mit denen der Ins-Feld-Führende vielleicht mal ein paar Worte gewechselt hat, Kassierer an der Tanke, Paketboten, jemand von der Stadtverwaltung, so Leute eben. Oder Leute, die manchmal unten auf der Straße vorbeikommen. Nachbarn, die man ein- oder zweimal die Woche im Treppenhaus sieht, wenn überhaupt. Bekannte von Bekannten, nach Art von der Schwager von der besten Freundin von einer Kommilitonin vom Neffen meiner Nachbarin, der hat im letzten Urlaub neben einem im Flugzeug gesesesen, wo ja bekannt ist, dass die immer ganz genau bescheidwissen.

** * **

Wann immer jemand in einer Diskussion plötzlich solche Freunde aus dem Hut zaubert, die man bei der Person nicht erwartet hätte, bin ich misstrauisch. Diese „Freunde“ werden nämlich ganz oft in Verbindung mit Aussagen des Musters Ich habe ja nichts gegen [aktuell diskutierte Minderheit], aber… präsentiert. Und diese schwulen „Freunde“ stören sich angeblich nicht an den vom Diskussionspartner vertrtetenen homophoben Ansichten, die „befreundeten“ Frauen gehen konform mit sexistischen Ansichten, die schwarzen oder asiatischen „Freunde“ mit rassistischen Ansichten usw. Die sind halt ein bisschen robuster und nicht so weinerliche Heulsusen wie diese politisch überkorrekten Sprach- und Gesinnungsblockwarte. (Und selbst wenn, macht das die Ansichten und Argumente der Freunde-ins-Spiel-Bringer kein bisschen weniger daneben.)

Und spätestens da sehe ich eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass hier versucht wird, die Diskussion vom Thema auf Nebengleise abzulenken, wo sie sich dann in unwichtigen Kleinigkeiten totlaufen kann, und das legt gewisse Zweifel am Vorhandensein der genannten „Freunde“ nahe, oder wenigstens an deren tatsächlichem Freund-Sein. Kann ich, wie gesagt, natürlich nicht verifizieren. Aber bin ich der Einzige, dem das mit diesen hervorgezauberten Freunden komisch vorkommt?

Wer homophobe Positionen vertritt, soll so ehrlich sein, das Kind beim Namen zu nennen. Wer nun partout nicht als Schwulenhasser gelten will, soll dann eben seine Positionen überdenken und gegebenenfalls revidieren. Und wer die homophoben (oder sexistischen oder – ganz aktuell – fremdenfeindlichen oder – soll es auch geben – antisemitischen) Ansichten nicht lassen will, muss sich dann eben daran messen lassen. Mit erfundenen Freunden ist jedenfalls kein Blumentopf zu gewinnen.

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4 Kommentare on “Ein Freund, ein guter Freund…”

  1. Stefan R. sagt:

    Sehr beliebt im Moment auch der muslimische Bekannte/Freund/Arbeitskollege(TM). Der wird immer rausgekramt, wenn jemand beweisen will, nichts gegen Muslime zu haben. Der macht sich immer lustig über die Naivität der Westler und warnt vor einer baldigen Machtübernahme, wenn nicht jetzt etwas geschieht…

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  2. gnaddrig sagt:

    Stimmt, davon gibt es derzeit sehr viele. Das ist einfach ein sehr vielseitiges und idiotensicheres einfach zu handhabendes Instrument.

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  3. aurorula a. sagt:

    Ich frage mich immer, warum nie jemand von diesen vielen Freunden an der dementsprechenden Stelle mit dem sich berufenden Freund ist und für sich selbst spricht. Das frage ich nicht nur mich, sondern das habe ich auch schon eine Gegendemonstrantin gegen eine Israel-Solidaritätsdemo (auf der ich war) gefragt: warum niemand der jüdischen Freunde und Arbeitskollegen die alle der exakt gleichen Meinung waren wie sie mit ihr zusammen auf der Gegendemo war. Habe leider keine kohärente Antwort bekommen.
    Die andere Frage wäre dann, warum diese Special-Spezl ihre Freunde in Gruppen aufteilen, wenn sie sie behalten wollen. Rätsel des Alltags…

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  4. gnaddrig sagt:

    Ja, es ist rätselhaft. Wahrscheinlich haben wir es mit einer sehr speziellen Definition des Begrifffs „Freund“ zu tun, die sich nicht mit der umgangssprachlichen Verwendung des Wortes deckt.

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