Schlussstriche

Heute ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Vor genau 70 Jahren ist das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz von der sowjetischen Armee befreit worden. Die Bilder und Filme, mit denen die dort vorgefundenen Zustände dokumentiert wurden, haben die Welt erschüttert und erschüttern bis heute.

Bei der Befreiung anderer Lager in Deutschland und in deutsch besetzten Gebieten haben die Alliierten ebenfalls fotografiert und gefilmt. Das Material wurde zu dem Film Memory of the Camps verarbeitet – ein verstörendes und erschütterndes Dokument der Barbarei, die von 1933 bis 1945 unter deutscher Regie stattgefunden hatte. Ein neuer, darauf basierender Dokumentarfilm wurde unter dem Titel Night Will Fall kürzlich auf Arte gezeigt.

Das ist ein sehr hässliches und schmerzhaftes Thema. Ein Thema, mit dem sich wohl niemand gern beschäftigt. Deshalb wird dieser Tage auch wieder viel von möglichen Schlussstrichen geredet in Deutschland. Die Bertelsmann-Stiftung hat sich umgehört und herausgefunden, dass die große Mehrheit der Deutschen anscheinend mit der Erinnerung an das Dritte Reich und den Holocaust in Ruhe gelassen werden möchte. Weg mit den alten Geschichten. Einfach nicht mehr dran denken, endlich einen Schlussstrich ziehen.

Mir selbst wäre es auch lieber, wir könnten das einfach vergessen. Oder noch besser natürlich, es wäre nie dazu gekommen. Trotzdem bin ich ganz entschieden gegen einen solchen Schlussstrich. Das Erinnern darf nicht aufhören. Weshalb ich das denke, habe ich vor knapp zwei Jahren aufgeschrieben:

„Irgendwann muss doch mal Schluss sein!“

P.S.: Bundespolitiker verschiedener Couleur haben sich in der Sondersitzung des Bundestages deutlich gegen das Vergessen und für das Erinnern ausgesprochen. Man dürfe diese schrecklichen Verbrechen nicht vergessen, auch damit wir Deutschen dazu beitragen können, dass sich so etwas nie und nirgends wiederholen kann. Das finde ich sehr löblich, das gehört auch so deutlich an prominenter Stelle gesagt.

Noch besser fände ich allerdings, man würde ein menschenwürdiges Asylrecht schaffen, das den Namen auch verdient. Also ein Recht auf Asyl, kein Instrument, möglichst viele Asylsuchende möglichst schnell und elegant wieder loszuwerden.

Das grundgesetzlich festgeschriebene Recht auf Asyl ist doch überhaupt erst als Lehre aus dem Dritten Reich zustandegekommen. Seit den 90er Jahren ist das ganze aber nur noch eine zunehmend leere Hülle, ein Hohn für alle, die Asyl bräuchten. Muss das sein? Es ginge auch anders, und man täte gut daran, das gerade am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus nicht zu vergessen!

Nachtrag (30. Januar 2015): Zum Thema Flüchtlinge und Asylrecht gibt es bei psiram einen interessanten Artikel. Es ist ein kurzer Rückblick auf die Geschichte der Auswanderung Deutscher in den vergangenen Dreihundert Jahren. Die haben in den USA das in Anspruch genommen, was Deutschland heute vielen Flüchtlingen aus Nahost, Afrika und anderen Weltgegenden nach Kräften zu verweigern versucht. Bedenkenswert, wenn man eine Position in Sachen Asyl- und Einwanderungsrecht sucht.

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5 Kommentare on “Schlussstriche”

  1. tinyentropy sagt:

    Sprichst mir aus der Seele.

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  2. aurorula a. sagt:

    https://heplev.wordpress.com/2015/01/27/op-ed-zeit-den-internationalen-holocaust-gedenktag-zu-uberdenken/
    Im verlinkten Artikel fordert der Autor aus genau denselben Gründen wie gnaddrig im Artikel oben und in dem von vor zwei Jahren ein echtes Erinnern will – das glatte Gegenteil, nämlich offizielle Holocaustgedenkverantstaltungen abzuschaffen. Trotzdem finde ich beide Seiten sehr gelungen und stimme auch beiden zu. Was sowohl heplev als auch gnaddrig sauer aufstößt (und mir auch) ist das Gedenken an die Ermordeten als Päambel, um dann anschließend noch heftiger verbal auf (über-)Lebende einzudreschen; insbesondere auf Juden und den Staat Israel (wie heplev schreibt), aber genauso (wie es gnaddrig anmerkt) gleichmäßig auf alle anderen Verfolgten der Nazis. Ob durch Schlussstrichforderung oder Analogieziehen bleibt sich dabei letztlich gleich: das vergangene und gegenwärtige Gedenken wird zur Waffe gegen diejenigen derer gedacht wird. Das. ist. unerträglich.

    Vielleicht würde Abhilfe schaffen, den Holocaustgedenktag erst einmal weder abzuschaffen noch in der derzeitigen Form beizubehalten, sondern zu verschieben? Ihn etwa auf den Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto zu legen (so wie es Israel tut) wäre eine Möglichkeit, von der ich aber fürchte daß die Analogie-Verbalausholer sie mißbrauchen. Das einzige daran wäre das politische Signal, den Tag betont dorthin zu legen, weil es Israel so tut: das politische Signal der Solidarität mit den Toten und den Lebenden.

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  3. gnaddrig sagt:

    @ tinientropy: Freut mich!

    @ aurorula a.: Heplev und ich schreiben allerdings aus ganz verschiedenen Blickwinkeln und eigentlich über verschiedene Dinge. Darum lässt sich das nicht so gut vergleichen.

    Heplev wendet sich gegen die Instrumentalisierung des Gedenkens. Dagegen, dass das Gedenken dazu benutzt wird, den Staat Israel und Juden hier und anderswo anzugreifen, mindestens mit Worten, oft genug auch tätlich. Dass man gerade die Tage, an denen der Opfer des Holocaust gedacht werden soll, zum Anlass für judenfeindliche Aktivitäten nimmt, ist unerträglich.

    Da gehe ich mit Heplev ganz konform, das darf nicht sein, und wenn diese Gedenktage nichts anderes bewirken, gehören sie abgeschafft. Dann verdienen die den Namen Holocaustgedenktag sowieso nicht mehr, dann sind es vorgeschobene Strohmanntage, mit denen ganz andere Absichten kaschiert werden.

    Das ist vielleicht schon ein Anzeichen dafür, dass das Erinnern, für das ich mich in meinem Text ausspreche, nicht (mehr?) in dem Maß stattfindet, wie es sein sollte. Ein Anzeichen dafür, dass diese Erinnerung nicht mehr so lebendig ist, wie sie es sein müsste, um das nach Kriegsende allenthalben geäußerte „Nie wieder!“ auch dauerhaft sicherzustellen. Ein Anzeichen dafür, dass zu viele Deutsche aus dem ganzen Thema entweder ausgestiegen sind oder sich als Opfer eines Erinnerungsterrors sehen, gegen den sie sich wehren zu müssen glauben. Das zeigt sich am Verhalten im Zusammenhang mit diesen Gedenktagen, ist aber keine Folge dieser Gedenktage.

    Wenn das Erinnern richtig funktionieren würde, wenn die Erinnerung lebendig genug wäre (also echt, sozusagen in den Herzen, nicht in den Terminkalendern), würde das, was Heplev schreibt, gar nicht passieren.

    ** * **

    Meiner Meinung nach muss diese Erinnerung lebendig bleiben, damit die Lehren, die aus jenen furchbaren 12 Jahren gezogen wurden (oder werden sollten), nicht verschütt gehen. Dieses Erinnern kann sich nicht in den Sonntagsreden an einem nationalen Gedenktag erschöpfen.

    Diese Reden, die Kranzniederlegungen, die Auschwitzfahrten, die Sondersitzungen des Bundestages sind Symbolpolitik, die ich nicht einmal verteufeln will. Aber das reicht nicht. Da muss in der Gesellschaft auch was stattfinden. Ein möglichst großer Teil der Bevölkerung muss einigermaßen bescheidwissen über die damaligen Geschehnisse, muss die Implikationen verstehen und am besten zu dem Schluss kommen, dass sowas nicht wieder passieren darf. Nicht gegen Juden, nicht gegen Sinti und Roma, nicht gegen Schwarze oder sonstwen. Und dass es Sache jedes Einzelnen ist, dazu beizutragen, dass so etwas nicht wieder passiert. Dass es auch nicht schleichend wieder in eine solche Richtung geht.

    Dazu braucht es wahrscheinlich verschiedene Maßnahmen. Ein nationaler (oder internationaler) Gedenktag kann ein Baustein dazu sein. Das Datum ist – finde ich – nicht so wichtig. Ich verstehe, wie man auf den Jahrestag der Befreiung von Auschwitz kommt, auch wenn es nicht nur und nicht einmal vor allem um Auschwitz geht. Der Jahrestag der Pogromnacht wäre eigentlich passender. Auch sich an das Datum des israelischen Jom haScho’a anzuhängen wäre denkbar.

    Ob ein anderes Datum die von Heplev erwähnten vermehrten Übergriffe im Zusammenhang mit dem Gedenktag verringern würde, weiß ich allerdings nicht. Der Mechanismus dürfte nicht vom Datum abhängig sein, sondern vom Thema des Gedenktags.

    Wichtiger finde ich Form und Inhalt. Das muss sich nicht in elitären Feierlichkeiten erschöpfen, da gäbe es sicher einiges Sinnvolle, was man machen könnte.

    Ansonsten braucht es guten Schulunterricht, nicht nur zum Thema selbst, sondern generell in Sachen Ethik. Je fitter, geistig reifer und sozial kompetenter die Schulabgänger sind, desto weniger dürften sie anfällgi sein für Hass, Hetze und Demagogie. (Arg vereinfacht, dürfte aber im Grundsatz ungefähr stimmen.)

    Gedenkstätten, Ausstellungen in Museen, Vorträge sind sicher gut, aber damit erreicht man fast nur die ohnehin Interessierten. Denen, die sowieso schon nicht wollen, geht man mit sowas nur auf die Nerven und erreicht das Gegenteil. Und wie man diese Leute erreicht und ob da je ein Umdenken bewirkt werden kann, weiß ich nicht. Ich bin da aber ziemlich unoptimistisch und ratlos.

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  4. […] Zur Zeit der nationalsozialistischen Diktatur hat die deutsche Zivilgesellschaft gegenüber den Juden, gegenüber den von Deutschland grundlos angegriffenen Völkern und auch gegenüber sich selbst erbärmlich versagt. Dieses eine Mal ist mehr als genug, das darf sich nicht wiederholen, auch nicht annähernd. Auch nicht entfernt ähnlich. Es darf einfach nicht sein. Es hätte damals nicht sein dürfen, es darf heute nicht sein. Und dass es überhaupt nötig ist, so etwas heute in Deutschland zu schreiben zeigt, dass Deutschland noch lange nicht reif ist für einen Schlussstrich. […]

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  5. gnaddrig sagt:

    Auf irgendwie jüdisch gibt es anlässlich der Antisemitismus-Doku von Arte einen lesenswerten und bedrückenden Text über den Umgang mit Juden und anderen Minderheiten und der Geschichte: Wir waren schon weiter.

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