Das gibt’s heute gar nicht mehr…

Früher war bekanntlich alles besser. Vor allem gab es noch das gute alte Handwerk. Berufe, die heute nicht mal mehr im Duden stehen. (Ich kann jetzt keinen nennen, die stehen ja eben nicht mehr im Duden, und aus dem Kopf kenne ich – meiner späten Geburt sei’s geklagt – keinen Beruf, den ich hier beiläufig einflechten könnte. Nachttopfmacher vielleicht, oder Weinflaschenverkorker, oder Kurfürstlicher Steigbügelhalter, obwohl das eher nach Titel klingt als nach Beruf, aber egal. Wikipedia hat natürlich Abhilfe.)

Die Handwerke, die es noch gibt, sind großenteils im Niedergang begriffen. Wer braucht noch Klempner, wenn man Badezimmer- und Küchenarmaturen im Diskonter kauft und die Plastikschläuche selbst festschraubt? Wer braucht Maler, wenn es von Fußleisten über Lichtschalter und Kleistermaschinen bis zur Wandfarbe alles im Baumarkt gibt und Renovieranleitungen dazu im Internet?

Das Abendland verkommt zu einer Heimwerkerwüste, wo überall nur noch gepfuscht und gemurkst wird. Bestimmt ist das Absicht, wir werden heimtückisch manipuliert – wer heimwerkt, kommt nicht auf dumme Gedanken, und wer mit angesägten Fingern in der Notaufnahme sitzt, macht keine Revolution.

Jedenfalls bleibt die gute alte Zeit dabei auf der Strecke. Es mag sie zwar noch geben, die guten Dinge, aber wer kann sich das schon leisten, und sogar da sinken die Standards, wie man hört. Aber lassen wir diese elitären Luxusproblemlöser und wenden uns wieder dem alltäglichen Elend zu, etwa in Gestalt der  Lebensmittelindustrie.

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Nehmen wir nur mal das Thema Brot. Brot wird fast nur noch industriell gebacken, hört man immer wieder. Wir importieren tiefgefrorene Teiglinge aus China, und im Billigladen wird das Zeug nur noch aufgebacken. Selbst die Bäcker, die nicht fünfzig Läden und eine Backfabrik haben, sondern ab drei Uhr früh in der Backstube stehen und handwerklich arbeiten, rühren ja bekanntlich nur noch Fertigmischungen zusammen, die sie dann unter fantasievollen Namen überteuert als gutes deutsches Brot verticken. Dabei werden dieselben zwei Dutzend Backmischungen von Flensburg bis Konstanz im ganzen Land verbacken. Am Brot muss niemand mehr merken, ob er in Sachsen oder im Rheinland einkauft.

Gut, in Schwaben fällt vielleicht das Laugengebäck positiv auf, anderswo mag es auch noch lokale Spezialitäten geben, die dort besser als im übrigen Land sind, aber im Großen und Ganzen gibt es doch überall die gleiche Einheitsmassenware. Und diese Einheitsmassenware ist qualitativ auch nicht überzeugend. Die Brötchen sind aufgeblasenes, trockenes Nichts. Das Brot ist gebackenes Müsli, so viel Vogelfutter wird da heutzutage reingerührt.

Und das Schwarzbrot erst, des Deutschen liebste Speise. Das gute deutsche Schwarzbrot, um das steht es ganz schlecht. Man muss nur mal die Kommentare unter Zeitungsartikeln zu Lebensmittelthemen lesen, vor allem über das Brotbacken. Da wird einem ganz übel, so schlecht steht es um das deutsche Schwarzbrot.

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Früher, wird gern behauptet, gab es noch richtig gutes Sauerteigbrot. Brot, das eine Woche, was sag ich, zehn Tage lang frisch blieb, vierzehn Tage. Wird behauptet. Das war noch Handwerkskunst, heißt es dann, das gibt es heute gar nicht mehr, nach zwei, drei Tagen ist das Zeug heute trocken. Die Bäcker machen das einfach nicht mehr wie früher, oder sie können es gar nicht mehr, wird dann behauptet.

Und ich fürchte (bis hier habe ich im wesentlichen larmoyantes Gejammere der deutschen Volksseele referiert, jetzt motze ich wieder ernsthaft und selbst), also ich fürchte, das ist ziemlicher Unsinn, wirklich. Es wird alles längst nicht so heiß gegessen, wie es gebacken wird.

Zum einen scheint man vielerorts von der übertriebenen Backmischungsanrührerei wieder etwas abzukommen (Obwohl diese Mischungen nicht wirklich das Problem sind – ob mein Bäcker selbst die Zutaten abmisst und zusammenrührt, oder ob das anderswo in einer Fabrik gemacht wurde, dürfte für das Resultat ziemlich egal sein. Ich sehe nicht, wieso Backmischungsbrot unbedingt schlechter sein soll als handwerklich gebackenes. Und davon, dass eine handwerklich hergestellte Brotsorte von zehn Bäckern zehnmal ein bisschen unterschiedlich ausfällt, habe ich nichts, wenn ich bei einem bestimmten Bäcker ein bestimmtes Brot kaufe. Gut, die Möglichkeiten zur Abwechslung wären bei flächendeckender Versorgung mit Backmischungsware geringer, aber das Abendland geht davon nicht unter, und es gibt ja trotz allem noch eine Menge unterschiedliches und gutes Brot.)

Zum anderen hat man auch zu schlimmsten Zeiten keine Meisterprüfung mit dem Anrühren einer Fertigmischung bestreiten können. Die Leute können was, und sie wenden das Können auch an. Was sich im Gegensatz zu früher geändert hat, ist unsere Wahrnehmung, sind unsere Erwartungen und Ansprüche.

Ich bin sicher, man ist allgemein anspruchsvoller als noch vor dreißig, vierzig Jahren. Brot wird insgesamt viel frischer gegessen. Die meisten sind daran gewöhnt, sehr frisches Brot zu essen. Die Bereitschaft, altgewordenes Brot zu verbrauchen, dürfte in den letzten Jahrzehnten drastisch gesunken sein. Es gibt ja immer frisches, und billiger als früher ist es auch. Dass viele Brotsorten schnell alt werden, wird diesen Trend noch verstärkt haben.

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Aber ich kenne Roggenbrot von zwei Bäckereien, die nichts miteinander zu tun haben, nach eigener Aussage ohne Backmischungen arbeiten und nur natürliche Zutaten aus der Region verwenden. Das Roggenbrot ist ein Sauerteigbrot aus feinem Roggenmehl. Gleiche Brotsorte, ähnliche Eigenschaften, aber feine Unterschiede in Konsistenz und Geschmack, ich würde blind erkennen, von welcher der beiden Bäckereien das Brot jeweils ist.

Das hält sich lange frisch. Wenn man es nach drei Tagen schneidet, haben die Schnittflächen immer noch diese leichte Klebrigkeit von frischem Roggenbrot. Nach einer Woche ist es immer noch gut zu essen. Nicht mehr wirklich frisch, aber noch gut genießbar (vorausgesetzt, man lässt es nicht offen oder gar aufgeschnitten herumstehen). Nach zehn Tagen ist es dann wirklich trocken, gerade noch essbar, aber nicht mehr schön.

Jedenfalls können das nicht die einzigen beiden Bäckereien in Deutschland sein, die solches Brot hinkriegen. Und es sind sicher auch nicht die beiden einzigen Brotsorten dieser Bäckereien, die sich lange halten. Da wird es noch deutlich mehr geben, und zwar so ziemlich überall im Land.

Ich gebe zu, das ist jetzt alles reine Spekulation (außer der Qualität des von mir beschriebenen Roggenbrotes, die müsst Ihr mir glauben). Aber trotzdem, die allgemeine Klage, früher sei alles besser gewesen und es gebe heute gar kein gutes, „echtes“ Brot mehr, ist unberechtigt.

Anders gesagt: Nicht rumheulen, sondern gute Bäcker suchen. Und wenn man dort genug einkauft, können die sich auch halten.



In den Wald hineinrufen

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