Wenn Sie mir den Parkplatz nehmen…

Als Fahrradfahrer in der Stadt ärgere ich mich ziemlich oft über Leute, die parken, wo sie das nicht dürften. In zweiter Reihe, dabei oft auf Fahrradspuren, vor Einfahrten, auf Radwegen. Als Fußgänger, der bis vor ein paar Jahren oft mit Kinderwagen unterwegs war, stören mich außerdem Leute, die ihre Autos auf Bürgersteigen oder an Kreuzungen abstellen. (Und ja, wenn Radfahrer Bürgersteige mit ihren Drahteseln zustellen, stört das auch!)

Oft sind es die Nur-mal-eben-Parker, die schnell Brötchen beim Bäcker oder Hustensaft bei der Apotheke holen, einen Brief einwerfen, Lottoscheine ausfüllen, Handwerkszeug ein- oder ausräumen usw. Und welche, die kurz anhalten mussten, um einen Anruf auf dem Handy entgegenzunehmen (gefährdungstechnisch natürlich besser als fahrend zu telefonieren, aber trotzdem). Und andere, die im Auto auf den Kollegen warten, der ganz bestimmt gleich kommt.

Dazu kommen Briefträger, Paketboten, Pflegedienstler, und bei denen will ich nicht mal meckern. Wenn die im Weg stehen, ist es genauso ärgerlich wie bei den anderen, aber sie können sich nicht aussuchen, wann sie wo dienstleisten müssen und haben wenig Möglichkeiten und noch weniger Zeit, lange nach einem regelkomformen Parkplatz zu suchen. Das ist also lästig aber kaum zu vermeiden. Bei fast allen anderen sehe ich dagegen kaum eine Entschuldigung. Bequemlichkeit ist jedenfalls kein akzeptabler Grund, andere über Gebühr zu belästigen oder zu gefährden. Wer mit dem Auto in der Stadt unterwegs ist, muss genug Zeit und Anstrengungsbereitschaft mitbringen, um nicht gewohnheitsmäßig schnell irgendwo im Weg zu parken.

Nun bin ich nicht der einzige, der sich über solche Wildparkereien ärgert. Schon seit vielen Jahren kursiert ein sehr polemischer Text, den manche Zeitgenossen ausgedruckt mit sich führen und störenden Falschparkern unter den Scheibenwischer klemmen:

falschparker_tirade

Der Text ist schön passiv-aggressiv und eigentlich ziemlich bescheuert, strotzt von Unterstellungen und Beleidigungen. Zusammengefasst ist die Aussage: Sie sind ein dummes Arschloch und stören mit ihrer Falschparkerei. Ich kann aber zumindest bei wirklich dreisten Falschparkereien noch halbwegs nachvollziehen, dass jemand aus Ärger sowas verteilt. Absurd ist es dagegen, wenn solche Tiraden an Autos angebracht werden, die nun wirklich korrekt geparkt sind:

falschparker_ueberblick falschparker_detail

(Nein, ich habe den Zettel dort nicht selbst für diese Gelegenheit angebracht!)

Wenn es je nach Örtlichkeit sowieso schon schwierig ist, einen geeigneten Parkplatz einigermaßen in der Nähe des Ziels zu finden, spielen Rollstuhlfahrer in einer deutlich höheren Schwierigkeitsklasse. Sie können nicht so ohne weiteres irgendwo parken, weil sie Platz zum Aussteigen brauchen, den es an den allermeisten normalen Parkplätzen nicht hat. Mal eben am Straßenrand geht da auch oft nicht gut, weil das Aussteigen erstens langwierig sein kann und so ein Rollstuhl recht ausladend ist und man damit während des Aussteigens den Verkehr stört und selbst erheblich gefährdet ist. Weil das so ist, gibt es Behindertenparkplätze, die sonst niemand benutzen darf. Auch nicht mal eben kurz, ganz schnell, bin gleich wieder weg und so.

Jetzt habe ich auf der Windschutzscheibe eines offensichtlich unberechtigt auf einem Behindertenparkplatz geparkten Autos einen Zettel gesehen, der auf sehr feine Art auf das Problem hinweist, ohne aggressiv oder larmoyant zu sein:

behindertenparkplatz

Das hat mir gefallen – der Text ist nicht aggressiv, kommt ohne Drohungen oder Beleidigungen aus, spricht den Falschparker direkt an und weist auf die Voraussetzungen für das Recht auf die Benutzung von Behindertenparkplätzen hin. Im Prinzip steht dahinter die Frage: Wissen Sie eigentlich, welche Schwierigkeiten es mir macht, wenn Sie mir den einzigen für mich geeigneten Parkplatz in der Gegend wegnehmen? Im Idealfall regt das zum Nachdenken über die Beeinträchtigungen an, mit denen Behinderte zu leben haben, und ermuntert zu ein wenig mehr Mitdenken und Rücksichtnahme.

Ob es Wirkung zeigt, steht dahin. Das hängt natürlich auch davon ab, wer es zu lesen kriegt. Aber Tonfall und Stil finde ich sehr gelungen. Keine Kampfansage, sondern Diskussionsangebot, obwohl sicher jeder, der auf Behindertenparkplätze angewiesen ist, ein Lied von solchen Situationen singen kann.

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2 Kommentare on “Wenn Sie mir den Parkplatz nehmen…”

  1. Stefan R. sagt:

    Wenn ich so was sehe, fällt mir immer mein Lieblingsverbotsschild ein.

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  2. gnaddrig sagt:

    Klasse 🙂

    Gefällt mir


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