Überall, immer

Eine gute Freundin liegt im Sterben, viel zu früh mit Anfang 40. Sie hatte eine schwere Operation überstanden, hatte sich gut erholt, schien über den Berg. Dann ist irgendetwas gekippt und hat sie noch auf der Zielgeraden aus dem Rennen gekegelt.

Jetzt liegt sie mit massiven Gehirnschäden im Hospiz, ohne Aussicht auf Besserung, vermutlich ohne Bewusstsein, jedenfalls kann sie sich nicht mehr äußern. Wir haben sie besucht, ihr ein bisschen erzählt, ein paar gemeinsame Erinnerungen hervorgekramt, ein paar Pläne berichtet – falls sie noch aufnahmefähig ist, soll sie wissen, dass ihr Mann und die beiden Jungs nicht allein dastehen.

Der Anblick zerreißt mich fast. Diese lebhafte, hellwache, aktive, freundliche Frau liegt regungslos mit leerem Blick in diesem Zimmer, wie ausgeschaltet, erloschen, nur noch ein Schatten. Sie wird nur noch mit Flüssigkeit und Schmerzmittel versorgt, die Ernährung haben sie eingestellt. Wir warten, bis das letzte Licht ausgeht.

Es war kein gutes Wochenende und ich weiß nicht, wie es weitergeht. Wir haben sie bisher immer ein- oder zweimal im Jahr gesehen, unser Alltag wird sich deshalb kaum ändern. Aber sie hinterlässt trotzdem eine große Lücke, auch bei uns. 20 Jahre Freundschaft, das ist eine Menge. Entsprechend hängen wir jetzt in den Seilen. Auch wenn ich in den nächsten Tagen nochmal hinfahre, war dieser Besuch ein Abschied.

Immer wieder und an den unerwartetesten Stellen springt es mich an – sie ist nicht mehr da! Nie mehr. Ab jetzt fehlt sie. Überall, immer.

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5 Kommentare on “Überall, immer”

  1. aurorula a. sagt:

    Wenn ich irgendwas sagen könnte von dem es besser würde, ich würde es jetzt sagen. Das ganze Leid, Krankheit, Tod und Trauer in ihrem entsetzlichen Ausmaß können alle Worte von Außenstehenden aber nur kleinreden – deshalb nur: ich fühle zutiefst mit!
    Wenigstens muß sie nicht allein sein, weil sie gute Freunde hat die bei ihr sind.

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  2. gnaddrig sagt:

    Danke, aurorula, das tut gut!

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  3. tinyentropy sagt:

    Es tut mir sehr leid für sie und alle, die an ihr hängen. Das Leben ist ungerecht. Auch meine Tante starb in diesen jungen Jahren. Man kann es sich nicht erklären und es zerreißt das Leben, wie Du es so schön ausgedrückt hast. Leider bleibt da kein Trost, nur eine Lücke.

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  4. gnaddrig sagt:

    Ja, so ist das. Die Lücken wachsen meistens mit der Zeit mehr oder weniger zu, aber erstmal gähnen sie einen überall an.

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In den Wald hineinrufen

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