Sprung in der Platte

Spätnachmittags im Zug auf dem Weg nach Hause. In der benachbarten Vierer-Sitzgruppe sitzen zwei ältere Damen. Sichtbar teuer angezogen und etwas aufgedonnert die eine, eher zaghaft unauffällig die andere. Sie unterhalten sich, wobei die Aufgedonnerte ungefähr 80% der Sprechzeit bestreitet.

Beide besitzen offenbar mindestens eine Wohnung, die sie vermieten, die Aufgedonnerte hört sich allerdings eher nach einem ganzen Mietshaus an, die Unauffällige nach einer Einliegerwohnung oder Doppelhaushälfte. Es geht um die allgemeine politische und wirtschaftliche Lage und die Implikationen für Vermieter. Es werde ja alles immer teurer, die Auflagen für Vermieter würden umfangreicher. Energiedingens, Dämmung, neue Heizöfen, alles mögliche. Da müsse man schon mal über eine Mieterhöhung nachdenken, könne ja nicht sein, dass alles am Vermieter hängenbleibt.

Die Unauffällige ist nicht so dafür, die Aufgedonnerte umso mehr. Sie beharkt die Unauffällige immer wieder, doch die Miete zu erhöhen. Sie müsse sich nun wirklich langsam mal überlegen, wie es weitergehen solle. Die (also die Mieterin) habe doch Geld, und die Miete sei doch jetzt seit wieviel Jahren stabil gewesen, da könne man doch wirklich mal ein bisschen aufschlagen. Die Unauffällige will nicht recht, aber die Aufgedonnerte gibt nicht auf.

Nu sei doch nicht so dumm. Geh doch einfach hin und sag der, dass du 50 Euro im Monat mehr willst. Das kannst du doch wirklich machen. Ich hab’s doch in der Zeitung gelesen, die Heizkosten schlagen auf und die [irgendwas Kommunales, Müllabfuhr oder so, weiß ich nicht mehr] auch. Im Spiegel hat es auch gestanden.

Immer noch kein Blumentopf bei der anderen.

Du kannst doch wirklich mal ein bisschen aufschlagen, die hat doch genug Geld. Die hat Auto, macht Urlaub, die kann 100 Euro mehr zahlen. Geh hin und sag der das, du musst das einfach machen. Ich hab das erst letzte Woche im Spiegel gelesen, die Heizkosten sind raufgegangen und die Mieten steigen.

Die andere weiß immer noch nicht.

Wie kannst du nur so dumm sein. Die Mieten steigen, habe ich im Spiegel gelesen. Du musst doch sehen, wo du bleibst. Geh doch einfach und sag der, dass du ein bisschen mehr nehmen musst. Wie lang wohnt die da jetzt schon bei gleicher Miete? Da kannst du doch jetzt wirklich mal 50 Euro mehr verlangen.

Und so weiter und so fort, immer in diesem fast aggressiven und gleichzeitig herablassenden Tonfall mit dieser angespannten, durchdringenden Stimme. Wenn so jemand sich erstmal festgebissen hat, kommt man nicht so leicht davon. Und ich hatte keine Kopfhörer dabei. Pendeln ist manchmal anstrengend und der ÖPNV ist manchmal wie eine Art Zirkus…

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In den Wald hineinrufen

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