Nassrasur im Internet der Dinge

Bei einem Bloggerkollegen habe ich von den ersten Gehversuchen eines bekannten Rasierklingenherstellers im Internet der Dinge gelesen: Seltsamkeiten. Die bieten anscheinend ein internetfähiges Nassrasierset an, mit dem man nach ein paar kleinen Formalitäten online Rasierklingen nachbestellen kann, wenn die alle sind.

Das ist ja irgendwie ganz witzig, gleichzeitig aber auch völlig unnütz und einigermaßen lächerlich. Weitergedacht sehe ich einen Haushalt, in dem alles und jedes Ding selbständig im Internet ist. Zahnbürsten, Waschmaschinen, Besteckschubladen, Toaster (die werden sogar sprechen, und wir werden sie dafür verfluchen!), Schuhbürsten, Möbelpoliturflaschen, Stromzähler, Türschlösser, Rauchmelder, Notizblöcke (Verzeihung, die sind schon seit Jahren nur noch virtuell im Smartphone vorhanden, Papier benutzt der moderne Mensch ja kaum noch, aber im Prinzip), Bierkästen, Ketchupflaschen, Rolläden, Dielenbretter, Kleiderbügel, alle sind sie im Internet und funken regelmäßig irgendwelche Statusmeldungen in die mittlerweile allgegenwärtige und unvermeidliche Cloud.

Das ganze wird soviel Bandbreite schlucken, dass die derzeit im Aufbau befindliche Breitbandversorgung davon weitgehend aufgefressen wird und Youtube wieder nur ruckelig läuft. Aber das ist eben der Preis der Innovation. Außerdem wird das die nächste Ausbaustufe mit nochmal mehr Bandbreite anstoßen, dann wird auch endlich jedes Reiskorn eine eigene IP-Adresse erhalten, und irgendwann kann jeder alle je gedrehten Filme gleichzeitig in HD streamen lassen und… Aber ich schweife ab.

Ich finde diesen Versuch, mit einer Rasierbox am Internet der Dinge teilzunehmen, rührend. Einerseits stürmt man mutig ins Neuland und ergreift die großartigen Möglichkeiten, die sich jetzt bieten, springt gleichermaßen am tiefen Ende ins große kalte Wasser. Gleichzeitig greift man aber viel zu kurz, das Ding ist zu zaghaft gedacht. Man könnte da ganz andere Sachen auf die Beine stellen.

Mindestens eine App muss sein, die den registrierten Rasierboxinhaber warnt, wenn er unrasiert die Wohnung verlassen will. Und der Nassrasierer könnte noch ein – natürlich ebenfalls und natürlich unabhängig von der Box internetfähiges – Bauteil mit ein paar Sensoren haben, das die Qualität der Rasur misst und nötigenfalls Nachbesserung anmahnt, gern auch über eine App.

Aber eigentlich ist auch das Tüddelkram, eine nette Spielerei, allenfalls für unterwegs geeignet. Zuhause will man’s doch bequemer, man will den Rundum-Verwöhn-Service mit Schleife und Sahnehäubchen, und da komme ich als Erfinder und Ideenlieferant wieder ins Spiel.

Für zuhause bräuchte man einen Rasurvollautomaten.

Ich bin sicher, dass es dafür einen Markt gibt. Das dürfte ähnlich wie bei Kaffeevollautomaten sein. Noch vor 20 Jahren war nicht abzusehen, dass diese Dinger im Jahr 2015 querfeldein in jedem zweiten Haushalt stehen. Und genau wie die Kaffeevollautomaten ihren Siegeszug durch die Wohnungen angetreten haben und von den hippen Early Adoptern, den urbanen Eliten mittlerweile zu den breiten Massen durchgesickert sind, könnte der Rasurvollautomat eine ähnliche Karriere hinlegen.

Das Gerät sähe vielleicht ähnlich aus wie die Hauben beim Friseur, nur eben dass man es nicht über den Haaren hat sondern vor dem Gesicht. Sicher ließe es sich mit der Haarschneidemaschine kombinieren.

Eine Kamera würde das Gesicht vermessen und ein 3D-Modell erstellen. Darauf kann man  dann per App oder ganz beaquem am Tablet zugreifen und die gewünschte Barttracht konfigurieren – Parameter wie die Länge der Koteletten etwa. Man könnte auch verschiedene Varianten hinterlegen, Schnurrbart, Vollbart, modischer 7-Tagebart mit einrasierten Mustern, und wenn man wechseln will, berechnet der Automat den besten Weg zur neuen Barttracht (was lässt man wie wachsen, damit das gewünschte Aussehen möglichst bald erreicht wird, ohne dass man zwischendurch ungepflegt wirkt).

Zur Rasur seift dann die Maschine die zu rasierenden Gesichtspartien ein, Roboterarme führen die Rasierklingen über die Haut. Sensoren und die Kamera prüfen ständig, wie glatt die Rasur ist und ob noch Rasurlücken bestehen. Natürlich bestellt das Gerät Verbrauchsmaterialien wie Klingen und Rasierschaum selbständig nach. (Vielleicht gäbe es auch Portionsdöschen Rasierschaum in verschiedenen Parfümierungen, die Idee könnte man mit etwas Chuzpe sicher straflos bei Nespresso abkupfern.)

Es gibt ein automatisch regelmäßig laufendes Selbstreinigungsprogramm, und man muss mit dem Gerät nur alle 18 Monate zur Inspektion bzw. das Gerät bestellt sich den Kundendienst vollautomatisch und vereinbart einen Termin auf der Grundlage des in den Kühlschrank oder in die Steuerungszentraleinheit für die Haushaltselektronik integrierten (und hoffentlich aktuell gehaltenen) Haushaltsterminkalenders.

Eine goldene Zukunft steht ins Haus. All die Zeit und Sorge, die man aufs Nassrasieren verwenden muss, stünde für andere Dinge zur Verfügung. Man könnte, wie unter der Dusche, wachwerden, die Gedanken sortieren, Ausreden für den Chef komponieren. Oder man lässt sich auf den integrierten datenbrillenartigen Monitor die Börsenkurse oder die Verkehrsnachrichten aufspielen und geht frisch informiert in den Tag.

Außer jemand hat sich in die Steuerung des elektronischen Barbiers gehackt…

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2 Kommentare on “Nassrasur im Internet der Dinge”

  1. Pfeffermatz sagt:

    Hmmm, das mit dem Rasierer ist tatsächlich so putzig wie unnütz. Bei mir ganz besonders, denn die zwanzig Klingen, die man bei jedem Discounter-Rasierer dazu kriegt, verrosten bei mir im Spiegelschrank, bevor ich sie auf hab.

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  2. gnaddrig sagt:

    Wieso, ist doch perfekt für Dich – Du kannst neue Klingen bestellen, wenn die alten verrostet sind!

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