Bis einer weint

Die geopolitische Situation sieht nicht schön aus derzeit. Gut, das tut sie eigentlich nie, wohl seit Menschengedenken. Zwar war es in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs weitgehend stabil und friedlich, dafür ging es anderswo auf der Erde ordentlich zur Sache. Der Koreakrieg, das Schweinebuchtdesaster in Kuba, der Vietnamkrieg, der Afghanistankrieg der Sowjetunion, die Islamische Revolution in Persien sind nur ein paar Highlights der letzten Jahrzehnte.

Und es geht ja munter weiter, es brennt auch heute an allen Ecken und Enden. Da sind Syrien, die Kapriolen des IS dort und im Irak, dann die Pulverfässer Libyen, Ägypten, Israel vs. Hamas, Boko Haram, eine Reihe Länder auf -istan – da gibt es jede Menge verfahrene Situationen mit großem Schadenspotenzial, an denen die Welt noch lange zu kauen haben wird.

Dann haben wir die galoppierende Verbohrtheit in den USA, wo zu viele national relevante Akteure lieber die Karre an die Wand fahren, als auch nur einen Fingerbreit nachzugeben (die andere Seite könnte das ja als Erfolg verbuchen, und das darf nicht sein!), im Stil von Lieber Staatsbankrott und Weltwirtschaftskrise provozieren als mit der anderen Seite dem Feind auch nur vernünftig zu verhandeln. Man gibt vor, ergebnisorientiert zusammenarbeiten zu wollen, boykottiert aber aus Prinzip alles, was die anderen machen oder vorschlagen. In der EU sieht es teilweise auch nicht besser aus, und auch in Deutschland bewegt sich allzuviel Politik gefühlt auf Kindergartenniveau.

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Das ist alles schlimm genug und für die Betroffenen in vielen Fällen tragisch. Aber es wird im Moment zum Hintergrundrauschen, über dem jetzt die kernigen Orgeltöne des Streits um die Ukraine schweben.

Ich will gar nicht analysieren, wer da jetzt was genau verbockt hat, was da wann, wo und warum schiefgelaufen ist. Die Putinversteher und die Putinverteufler haben beide unrecht. Oder recht, wie man’s sieht. Der Westen laviert, lügt, manipuliert nach Kräften und agiert längst nicht so integer, wie er es gern darstellt.

Dito Russland – Putin hat die Annexion der Krim mit sehr halbseidenen Methoden zuwege gebracht und hat in der Ostukraine so viele separatistische Süppchen am Köcheln, dass ihm die Rolle der verfolgten Unschuld auch nicht recht steht. Russland hat in der Ukraine nichts zu suchen, hat nicht das geringste Recht, sich in ukrainische Angelegenheiten einzumischen, da irgendwelche Forderungen zu stellen oder gar mit eigenem Personal in der Ukraine tätig zu werden. Dito der Westen.

Mir scheint, alle beteiligten Parteien benehmen sich in jeder Hinsicht unwürdig. Man unterstellt den jeweils anderen alles mögliche Schlimme, tut selbst genau dasselbe (oder jedenfalls Dinge, die kein bisschen besser sind) und ist auf dem besten Weg, sich dabei mit ausführlicher Ansage und gründlicher Vorbereitung in Zeitlupe selbst ins Knie zu schießen. Wenn die Ukraine nämlich in die Luft geht, würde das auch den Rest der Welt treffen, besonders Russland und die EU, und das wissen alle Beteiligten. Aber treten sie deshalb kürzer? Kein bisschen, sie können die Finger nicht von den Säbeln lassen.

Jetzt lese ich, dass Russland mehrere großangelegte Manöver im Nordpolarmeer, in Sibirien und – hört hört – Südwestrussland veranstalten will. Bei dieser Gelegenheit werden Streitkräfte in weiten Teilen des Landes in höchste Alarmbereitschaft versetzt und Kurzstreckenraketen im Kaliningrader Gebiet aufgestellt, die Atomsprengköpfe tragen können. Die NATO will im Gegenzug natürlich gleich ein ganz großes Manöver im Baltikum abhalten und schiebt schnell ein paar Patriot-Flugabwehrraketen nach Polen. Und dieses Szenario gefällt mir gar nicht.

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Vor einer Weile habe ich Keiner kommt davon von Hans Hellmut Kirst gelesen, eine düstere Endzeitgeschichte vom Atomkrieg in Mitteleuropa, wo der Titel Programm ist. Erschienen 1957, als der Kalte Krieg richtig Fahrt aufnahm. Ein idiotischer Zwischenfall eskaliert, weil keiner den ersten Schritt zur Entspannung machen will. Alle beteuern ständig, wie vernünftig, friedfertig und gutwillig sie doch seien, während sie ihre Armeen in Gefechtsbereitschaft versetzen, an den Grenzen aufmarschieren lassen, die Sprengköpfe entsichern usw. Keiner will nachgeben, keiner will Gesicht verlieren, und dann fliegen eben die Atombomben. Europa, Nordamerika und weite Teile Asiens werden verwüstet und praktisch unbewohnbar, Afrika und Südamerika bleiben weitgehend intakt.

Die gegenwärtige Situation erinnert mich irgendwie an dieses Buch. Offenbar bin ich nicht der einzige, der sich solche Gedanken macht. Davon wird es natürlich nicht besser, und ich kann nur hoffen, dass die Entscheider vor lauter Testosteronseligkeit, Wettbewerbsgeist und Unbedingtrechthabenmüssen Dinge wie Menschlichkeit, Liebe zum Leben und Vernunft nicht vollends vergessen. Dass sie die Sache friedlich beilegen, dass ein bisschen Gras drüber wächst.

Dass – Schwerter zu Pflugscharen – die Säbelrassler ihre ihre ganzen Sprengköpfe zu zivilem Kernbrennstoff umarbeiten und wir damit ohne weiteren, für sich schon umweltschädlichen Uranbergbau genug Brennstoff für die nächsten tausend Jahre haben. Dass endlich jemand eine Methode entwickelt, den radioaktiven Müll der Kraftwerke unschädlich zu machen. Das ist grundsätzlich möglich, man weiß im Prinzip auch schon, wie das geht. Man müsste da nur mal ein bisschen Geld investieren, um das Verfahren zur Marktreife zu bringen, und anschließend etwas politischen Willen (auch so ein Ding, von dem es zu wenig gibt!) aufbringen, das dann auch zu verwirklichen. Aber egal, das sind technische Details. Am Wichtigsten ist es, dass die ihr Kriegsspielzeug aus der Hand legen!

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Es könnte so schön friedlich zugehen auf dieser Welt, wenn nicht diese Zinnsoldaten immer ihre idiotischen Machtspielchen spielen müssten. Ich frage mich manchmal, was die zwischen den Ohren haben, Hirn kann es ja kaum sein. Ein Wunder, dass die sich die Schuhe allein zubinden können. Und solche Leute lenken die Geschicke der Welt.

Natürlich war es früher auch nicht besser, sagen wir vor dreihundert Jahren. Die Leute waren genauso verdorben, grausam, egoistisch und dumm. Nur gab es damals noch kaum technische Überwachungsmöglichkeiten, die Zerstörungskraft der Waffen war vergleichsweise gering, man konnte mit vertretbarem Aufwand nur vergleichsweise wenig kaputtmachen, während heute eine Handvoll machtgeiler Spinner per Knopfdruck die halbe Welt in Schutt und Asche legen könnte.

Selbst wenn sie die Ukraine diesmal stehenlassen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis der nächste Zankapfel in die Arena kullert und sie sich wieder in die Haare kriegen. Es ist zum Heulen und zum Kotzen, man könnte Eskapist werden wollen…

Nachtrag (19.03.2015): Dass Russland jetzt mal eben die Zahl der an den Übungen beteiligten Soldaten verdoppelt stimmt mich nicht gerade froh. Die Reaktion der NATO wird sicher nicht lange auf sich warten lassen. Litauen führt schonmal die Wehrpflicht wieder ein.

Nachtrag (23.03.2015): Natürlich klappern sie weiter. Das NATO-Mitglied Dänemark will sich am Raketenschutzschild der NATO beteiligen und der russische Botschafter in Kopenhagen schreibt dazu in einem Zeitungsartikel, man solle sich klarmachen, dass in diesem Fall dänische Kriegsschiffe zum Ziel russischer Atomsprengköpfe werden könnten. Moskau kann sich davon sehr hübsch distanzieren oder interne Kommunikationsfehler vorschieben, aber die Botschaft als solche ist angekommen. Aufschlag NATO…


7 Kommentare on “Bis einer weint”

  1. Horstj sagt:

    Für die Idioten in den Regirungen, kannst du dich beim Erfinder des Spruchs „Der Klügere gibt nach“ bedanken. Wer war das eigentlich?

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  2. noemix sagt:

    Fiat stultitia, et pereat mundus.

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  3. gnaddrig sagt:

    Allerdings. Da ist die Frage nicht ob, sondern wann…

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  4. eb sagt:

    Wieso hab ich jetzt das Gefühl, den Atem und den Geist einer irgendwie in der Realpolitik untergegangenen Friedensbewegung zu spüren? Begrüßenwert.

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  5. […] von gegenüber seine Säge nicht zuerst wegpackt. (Das Prinzip ist vom ebenfalls sehr beliebten Säbelrasseln her sattsam […]

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  6. yoalb sagt:

    Reaktion der USA/NATO: mit einem irrsinnigen Militärkonvoi durch Europa gondeln, um Unterstützung für die Bündnispartner zu unterstreichen. Provokationen überall, Kampfflugzeuge, die Hoheitsgebiete überfliegen, Botschafter, die eigentlich für Verständigung sorgen sollen, die mit Atomwaffen drohen. US-Senatoren, die jeden Versuch friedlicher Verhandlungen mit dem Iran ablegen. Manchmal frag ich mich, ob die Welt noch steht, wenn ich 30 bin. Kann man ne Weltuntergangsversicherung abschließen?

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  7. gnaddrig sagt:

    So sieht das aus. Und immer schön den großen Zeigefinger raushalten: Die da waren’s! Wir sind ganz unschuldig und kümmern uns um unseren eigenen Kram, und die da stänkern rum!

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