Angewandte Verhältnismäßigkeit

Du solltest jetzt mindestens eine Stunde Zeit aufwenden, um einen bösen Artikel drüber zu schreiben. Tenor: Sie haben eine Sekunde meiner Zeit verschwendet.

Hatte meine Frau so in den Raum geworfen. Als ob ich jemals sowas Unsinniges… Ok, sie kennt mich eben, und das sozialverträgliche Abladen solcher Mückeverelefantierungstiraden war eines der Motive, dieses Blog überhaupt anzufangen, darum mache ich mich mal dran. Das wird jetzt Enthüllungsjournalismus vom Feinsten, ein richtiger Scoop!

Also, Zeit Online hat am Ende der Seite ja immer ein Foto unter dem Titel Momentaufnahme. Die Fotos wechseln in – meiner Beobachtung nach – unregelmäßigen Abständen, manchmal zweimal täglich, dann ist mal anderthalb Tage dasselbe Foto zu sehen. Vielleicht täusche ich mich auch, was die Häufigkeit und den Rhythmus angeht, aber es ist mir nicht wichtig genug, das ernsthaft zu verfolgen. Es gibt halt immer mal ein neues Bild dort. Die Fotos sind manchmal großartig, manchmal ganz nett, oft genug finde ich sie auch nichtssagend. Aber grundsätzlich ist das eine nette Serie.

Gestern war dort ein Foto von Adil Al-Sharee online mit der Unterschrift Jemeniter transportieren Wasser in Kanistern nahe der Stadt Ibb. Am 22. März ist Weltwassertag der Vereinten Nationen. Das Foto kann ich bei Zeit Online nicht direkt verlinken, es ist noch ungefähr zwei Wochen in der Momentaufnahme-Fotostrecke zu sehen.

Allerdings habe ich bei Ghetty Images ein Foto desselben Fotografen gefunden, das offensichtlich bei derselben Gelegenheit entstanden ist und dieselben Leute zeigt: Local people carry the jerry cans filled up with water in Reif 17 km away from Ibb, Yemen on March 19, 2015. Im weiteren beziehe ich mich auf das verlinkte Foto bei Ghetty Images. (Den Screenshot von Zeit Online stelle ich sicherheitshalber hier nicht online, weil ich keine Ahnung habe, wie das mit dem Urheberrecht ist und ich weder Lust habe, mich schlauzumachen, noch Ärger mag.)

 ** * **

Jemeniter transportieren also Wasser in Kanistern. Mal abgesehen davon, dass die Leute Jemeniten heißen (wer die auf -er enden lassen will, müsste Jemener sagen oder – analog zu Bremer – vielleicht auch Jemer), glaube ich auch nicht, dass die da Wasser transportieren, sondern leere Kanister.

Zu dieser Meinung komme ich folgendermaßen: Ich kann dort im wesentlichen drei Kanistergrößen ausmachen. Die großen dürften 20 Liter fassen, mindestens aber 15. Die mittleren werden 10 oder 12 Liter fassen, die kleinen wohl 5. Typische Maße für solche Kanister kann man z.B. hier nachschauen.

Wenn die Kanister auf dem Bild alle voll Wasser wären, hätten die Leute viel zu viel zu tragen. (Außerdem weiß man nicht wie alt die sind, hier ist ein Bild von demselben Fotografen mit Kindern, die die gleichen Kanister durch dieselbe Landschaft tragen. Wenn das Kinder sind, würde ich für den großen Kanister eher 15 Liter annehmen, wegen der Maße. Ich habe jetzt keinen Nerv, mir die Maße des fotografierten Autos zu besorgen und die Kanister damit abzugleichen.)

Am rechten Bildrand sieht man drei Personen. Ganz rechts eine mit knöchellangem schwarzem Kleid oder Mantel, die lassen wir mal raus. Bei den beiden nächsten von rechts sehe ich insgesamt 24 Kanister, 8 große, 8 mittlere und 8 kleine. Wenn die großen Kanister 20 Liter fassen, die mittleren 10 und die kleinen 5, wären das für die sichtbaren Kanister 280 Liter, wenn die großen nur 15 Liter fassen, immer noch 240 Liter.

Ich rechne nochmal die Hälfte dazu für die dem Fotografen abgewandte Seite und komme damit auf 34 Kanister insgesamt, das dürfte einigermaßen realistisch sein. (Ich habe jetzt keine Gelegenheit, das nachzustellen und in echt zu prüfen, also muss ich raten. Bei den 24 Kanistern, die ich zähle, sind auch Ecken von Kanistern auf der abgewandten Seite dabei, deshalb dürften dort nur noch wenige sein, die auf dem Bild gar nicht sichtbar sind.)

Unter der Annahme, dass die Verteilung der Kanistergrößen auf beiden Seiten gleichmäßig ist, ergäbe das auf der Grundlage der eben errechneten Zahlen für die beiden Leute insgesamt 420 bzw. 360 Liter. Pro Kopf also 210 bzw. 180 Kilogramm Gewicht.

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Ich weiß nicht, ob es grundsätzlich möglich ist, solche Lasten auf dem Kopf zu tragen. Einem SPON-Artikel entnehme ich, dass afrikanische Frauen bis zu 60% ihres Körpergewichts tragen können und Nepalesen sogar 90% ihres Körpergewichts, also weit weniger als die Leute auf dem Bild. Die Nepalesen haben aber besondere Tragtechniken und die Afrikanerinnen halten sich beim Tragen sehr aufrecht. Im Gegensatz dazu mutet die Kanisterträgerei hier eher hopplahop an. Zumindest die linke der beiden betrachteten Personen hat den Kopf geneigt, und beide scheinen auch nicht besonders aufrecht zu stehen. So könnte er das Gewicht sicher nicht tragen, ohne innerhalb von Minuten Bandscheibensalat im Rücken zu haben und Nackenkrämpfe dazu.

Außerdem halte ich es doch für eher unwahrscheinlich, dass Leute mit solchen Lasten mal eben so größere Strecken durch die Wüste laufen. Selbst wenn man ein gutes Polster auf dem Kopf unterstellt und die Kanister mit ausreichend starken Seilen zusammengebunden sind, kommt es mir unwahrscheinlich vor. Nichts gegen die Zähigkeit jemenitischer Kinder oder Erwachsener, aber dass die mal eben so die Weltmeister im Lastentragen um den Faktor vier überbieten, erscheint mir dann doch nicht glaubhaft. Die Kanisterbündel wirken auf mich auch eher wie die Art Bündel, die man durch Zusammenraffen leerer Kanister erhält. Das wäre zwar auf Dauer auch unbequem genug, aber man könnte sie überhaupt längere Strecken so tragen, wie die Leute auf dem Foto das tun.

Außerdem würde ich, wenn die Kanister wirklich voll wären, ein Mindestmaß an verschüttetem Wasser erwarten. Wenn volle 20-Liter-Kanister so gebündelt wären, würden die sich sicher verziehen, und die Deckel wären nicht alle hundertprozentig dicht. Zumal, wenn die Kanister von vornherein nicht allerhöchste Qualität hatten und nicht mehr die neuesten sind, sondern ein hartes Wassertransportbehälterleben in sehr sandiger Gegend hinter sich haben.

Ich bin also sicher, dass die Behältnisse leer sind und die Leute auf dem Weg zur Wasserstelle. Damit ist die Bildunterschrift falsch, eine grobe Irreführung, Zeit Online als Teil der (Achtung, Modekampfbegriff!) Lügenpresse entlarvt. Obwohl, nein, sie haben das von der originalen Bildunterschrift übernommen, da steht nämlich auch schon, dass da Leute am Wassertragen sind. Damit hat Zeit Online selbst nur geschlampt bzw. nicht genauer hingeschaut und ist den Urhebern des Bildes auf den Leim gegangen (denen ich hier ausdrücklich keine Mauschelei unterstellen will, sondern möglicherweise einen Übersetzungsfehler – vielleicht hatte der Fotograf von wasserholen gesprochen, und dazu gehört natürlich auch, mit dem leeren Kanister zur Wasserstelle zu gehen).

** * **

Egal, so oder so passt es zum Weltwassertag. Gestern erst hieß es irgendwo, das Trinkwasser werde in weiten Teilen der Welt knapp, teils auch in Europa.

In Spanien etwa haben mehrere Regionen Probleme, und das dürfte erst der Anfang sein, da der Wasserverbrauch sowohl der Haushalte als auch der Industrie weiter zunimmt und niemand sich bemüßigt fühlt, mal ein bisschen zurückzustecken. Alle sägen lieber munter weiter an ihrem Ast, solange Hempel von gegenüber seine Säge nicht zuerst wegpackt. (Das Prinzip ist vom ebenfalls sehr beliebten Säbelrasseln her sattsam bekannt.)

Das war jetzt deutlich mehr als eine Stunde und recht viel Aufwand, um ein eher unwichtiges Detail herauszuarbeiten, aber es hat Spaß gemacht…


7 Kommentare on “Angewandte Verhältnismäßigkeit”

  1. noemix sagt:

    Gut beobachtet 🙂
    (das erinnert an die Bildunterschrift »Ein Arbeiter versucht ein gekentertes Schiff zu bewegen.«)

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  2. gnaddrig sagt:

    Danke 🙂

    Zum Schiff: Gebt mir einen festen Punkt im All, und ich hebe die Welt aus den Angeln…

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  3. Pfeffermatz sagt:

    Also, mir hat’s beim Lesen auch Spaß gemacht! Und klar sind die Kanister leer, sieht man doch irgendwie intuitiv an der Statik des ganzen Aufbaus.

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  4. gnaddrig sagt:

    Freut mich. Und mit dem intuitiv erfassten Leersein der Kanister hatte es bei mir auch angefangen…

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  5. kiddothekid sagt:

    Ich musste gerade sehr lachen. Hervorragend, dass es noch Menschen gibt, die sich solcher Ungereimtheiten annehmen. Bitte mehr.

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  6. gnaddrig sagt:

    Das höre ich gerne 🙂

    Kann natürlich nichts versprechen, aber Ungereimtheiten wird es sicher immer geben, und dann kann ich meistens nicht anders…

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  7. […] der von mir schon einmal erwähnten Fotorubrik Momentaufnahme bei Zeit Online steht derzeit ein Bild von Ahmad Masood mit der […]

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