Tastaturduell

Ein aus den USA in die alte Welt herübergeschwappter Wahlkampfbrauch ist die Podiumsdiskussion von Politikern, live im Fernsehen übertragen. Da sitzen dann Leute, die alle denselben Stuhl wollen, und erzählen sich gegenseitig, wie gut sie dafür geeignet sind und warum die Hörer gerade sie und nicht die anderen wählen sollten.

Seit immer mehr Leute das Internet über Breitband konsumieren, verliert das herkömmliche Fernsehen an Bedeutung und gewinnen im Internet bereitgestellte Inhalte an Reichweite. Nachrichten, Filme, im Prinzip alles, was auf dem Bildschirm laufen kann, lässt sich auch über das Internet übertragen und konsumieren. Youtube hat da eine Lawine losgetreten, und mittlerweile gibt es jede Menge Zeugs, das nur über das Internet verbreitet wird.

Natürlich kann man herkömmliches Fernsehprogramm auch per Internet verbreiten, aber das erscheint ähnlich sinnvoll wie das Verlesen von Radionachrichten vor der Kamera. Das wurde auch nicht dadurch besser, dass zu den Meldungen mehr oder weniger passende Archivbilder der gerade erwähnten Personen oder Lokalitäten gezeigt wurden.

Wenn der Sprung vom Radio zum Fernsehen schon groß war und man die Möglichkeiten des neuen Mediums nie wirklich sinnvoll auszunutzen geschafft hat, ist der Sprung vom Fernsehen ins Internet noch größer. Die Möglichkeiten für interaktive Formate sind unüberschaubar, wer weiß, was da noch alles kommt.

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Was im Internet auch viel passiert, sind Diskussionen. In den Online-Präsenzen von Zeitungen, Radio- und Fernsehsendern, in Diskussionsforen und in Blogs gibt es immer wieder lange, oft ausufernde Diskussionen. Nicht immer ist das so extrem wie der legendäre Sandkasten für Konstantin Neven DuMont mit am Ende über 3.600 Kommentaren bei Stefan Niggemeier (das war eine großartige Sause!), aber schon ein paar Hundert Kommentare können ganz schön viel Text sein.

Auf Florian Freistetters Astrodicticum simplex hat vor kurzem jemand eine vor sechs Jahren eingeschlafene Diskussion zur Sinnhaftigkeit der Astrologie mit ein paar Aussagen zum Zodiakus wieder aufgenommen (Gaveston, #403) und wie zu erwarten erheblichen Widerspruch geerntet. Nach etwa 150 Kommentaren mit Hin und Her und erheblichem Textvolumen hat sich jemand Neues eingeschaltet und einen neuen Metadiskussionsstrang eröffnet, der seit ein paar Tagen munter vor sich hinplätschert (Sonnemondundsterne, #565).

Ebenfalls eher sinnarme Schattentänzerei. Ein halbes Dutzend Stammkommentatoren versucht (nicht zum ersten Mal), einen Pudding an die Wand zu nageln. Streckenweise recht unterhaltsam, kippt jetzt aber in reine Zankerei und führt inhaltlich natürlich zu nichts, weil es darum von vornherein ganz offensichtlich nicht ging. (Nachtrag vom 8. April 2015: Diese Zankerei ist übrigens auch in eine ganz andere Diskussion auf demselben Blog übergesprungen, wo es mit denselben Akteuren mittlerweile ähnlich hoch her geht.)

Gestern ging es dort den ganzen Nachmittag und Abend Schlag auf Schlag, und im Moment rauscht wieder eine Kommentarwelle durch (ich schreibe dies am 7. April zwischen 16 und 17 Uhr). Seit gestern Morgen sind dort an die 90 Kommentare eingegangen, derzeit steht der Zähler bei 737 Kommentaren. Das ist großes Kino, man setzt sich mit Popcorn oder Chips und Bier davor und lässt die Kommentare purzeln.

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Um jetzt auf die eingangs erwähnte Podiumsdiskussion zurückzukommen: Die möchte ich internetfähig machen und an heutigen Geschmäcker und für die heutigen technischen Möglichkeiten anpassen und, wie man so schön sagt, ins 21. Jahrhundert holen.

Wie wäre es mit einem Live-Chat, bei dem die Diskussionspartner gleichzeitig vor der Kamera sitzen? Man liest die Kommentare, sieht die Mimik der Diskutanten, erlebt die Genese von Rede und Gegenrede, von Triumph und Niederlage direkt mit, sieht leidenschaftliche Wogen hin- und herschwappen.

Zuschauer könnten sich mit Fragen beteiligen. Da bräuchte es eine wache und schnelle Moderation, um (im Sinn des Formats bzw. des Veranstalters) sinnvolle Fragen durchzulassen und den Rest zu sperren, damit die Diskutanten nicht in der Fragenflut ersaufen. Das könnte durchaus spaßig sein.

Man könnte das Format auch um einen Audiokanal erweitern, entweder die Diskutanten aufnehmen oder Kommentatoren einblenden, die aus dem Off, oder Musik, oder man ermöglicht die individuelle Zumischung dieser und anderer denkbarer Audiospuren für das maßgeschneiderte Infotainmenterlebnis.

Dudelfunk im Kubik sozusagen…


4 Kommentare on “Tastaturduell”

  1. Pfeffermatz sagt:

    Ich wäre überhaupt dafür, die ganze Demokratie (und nicht nur die Wahl oder gar nur den Wahlkampf) auf das Internetzeitalter neu zu zuschneiden. Aber das ist eigentlich einen eigenen Beitrag wert. Auf jeden Fall finde ich Art, wie gewählt und regiert wird, nicht mehr passend in einer Gesellschaft, in welche die Bürger über einen quasi unbegrenzten und Informationsumfang verfügen.

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  2. gnaddrig sagt:

    Absolut richtig, das musste mal gesagt werden! Man könnte ja alle möglichen Parameter in Echtzeit erfassen und zu einer Reihe von Kennzahlen verwursten und die jeweilige Regierung verpflichten, die zu berücksichtigen. So eine Art ständige Sonntagsfrage (evtl. bei einem repräsentativen Bevölkerungsquerschnitt; bei allen wäre es zu aufwändig), wo nicht nur „Wen würden Sie wählen“ abgefragt wird, sondern auch die spezifischen Meinungen zu aktuellen tagespolitischen Themen.

    Man bräuchte gar nicht mehr alle vier Jahre zu wählen, sondern hätte eine Art ständige kommissarische Regierung, die dann das macht (machen muss), was die aktuellen Umfragewerte verlangen. Bundeskanzlerin und Ministerinnen (genauso wie Bürgermeisterinnen usw.) müssten immer eine Art Pager bei sich haben (gut, ein Smartphone mit entsprechender App) und vor jeder Entscheidung die aktuellen Umfragewerte abfragen und berücksichtigen…

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  3. DasKleineTeilchen sagt:

    *kicher*. danke für die erinnerung an den dumontschen sandkasten; ich könnte mich in meiner voreinegenommenheit ja irren, aber der stil von KND ist dem von SMUS nicht unähnlich. irgendwie scheint doch (fast) alles in der kindheit begründet.

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  4. gnaddrig sagt:

    Ja, kann schon sein, dass es da Parallelen gibt. Von Sockenpuppen wissen wir nichts, aber eine gewisse Hartnäckigkeit ist durchaus zu beobachten…

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