Die Aufenthaltsgenehmigung

Bürgerbüro. Ich komme morgens eine Viertelstunde vor Öffnung, ziehe mir eine Wartenummer und habe schon drei Dutzend Leute vor mir in der Schlange. Davon eine Handvoll Leute, die vom Vortag übrig sind. Ich setze mich also auf einen freien Stuhl, nehme mein Buch und richte mich auf längeres Warten ein.

Jetzt werden die ersten Nummern aufgerufen, die Leute gehen nach nebenan zu den jeweils angezeigten Arbeitsplätzen, geben dort ihre Anträge ab, verhandeln, was weiß ich, gehen wieder. Die Sachbearbeiterinnen schaffen ordentlich was weg, aber es kommen immer neue Kunden nach. Man könnte vielleicht mal ausrechnen, welcher Anteil der Bevölkerung sich an normalen Tagen in Behördenwartezimmern aufhält. Da kommt bestimmt was zusammen.

Jemand kommt und füllt die Displayboxen mit Broschüren, Werbezetteln und Formularen nach, checkt den Wasserspender. Zwischendurch gibt der Wartenummerndrucker den Geist auf, nach ein paar Minuten kommt ein Techniker und kriegt den Apparat erstaunlich schnell wieder zum Laufen.

Die Stimmung ist, hm, nicht unbedingt gut im engeren Sinn, aber ganz sicher auch nicht schlecht. Manche dösen vor sich hin, andere lernen, füllen Papiere aus, daddeln an ihren Handys rum. Insgesamt herrscht eine gutmütige Friedlichkeit, irgendwo zwischen hoffnungsvoll und schicksalsergeben, zwischen schläfrig und geschäftig. Einen guten Anteil daran hat sicher die Zügigkeit, mit der drin gearbeitet wird. Nirgendwo sieht man Sachbearbeiter beim Frühstücken oder Plaudern, während sich draußen die Leute schwarzwarten. Man hat Aussicht, in absehbarer Zeit dranzukommen. Eine sehr angenehme Erfahrung.

Als noch ungefähr 10 Nummern vor mir sind, kommt eine elegant gekleidete Frau in den Raum, stellt sich neben den Wartenummerndrucker und spricht mit einer lauten, klaren Stimme, etwas hakeliger Grammatik und nur einer Spur eines ausländischen Akzents den ganzen Saal an: Ich soll in einer Stunde standesamtlich heiraten. Aber meine Aufenthaltsgenehmigung läuft heute ab. Die muss ich verlängern, fehlt nur noch heute. Wenn ich die Aufenthaltsgenehmigung heute nicht verlängern kann, muss die Hochzeit verschieben. Darf ich ohne Nummer rein, wenn Ihr erlaubt?

Ein paar Leute lächeln, einige nicken, irgendwo sagt jemand halblaut: Na, wenn’s denn so dringend ist. Sie geht mit einem lächelnden Dankeschön in den Sachbearbeitersaal.

Nur das Happy End kann ich nicht liefern. Nach 10 Minuten kommt sie mit etwas angespanntem Gesicht wieder aus dem Büro und verlässt eilends das Gebäude. Ich hoffe, sie konnte das, was fehlte, noch rechtzeitig vorlegen.

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In den Wald hineinrufen

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