Früher war alles besser

Einem weit verbreiteten Irrtum zufolge war früher alles besser und wird heute alles immer schlimmer. Die Jugend wird respektloser „als wir das damals waren“, die Post wird erst irgendwann am Nachmittag von irgendeinem gepiercten Tunichtgut vorbeigebracht (früher kam der Postbote in Uniform pünktlich zwischen 9:45 und 10:15 ins Haus, und den kannte man auch noch mit Namen). Personalausweise, Führerscheine und Sparbücher sehen heute alle aus wie Scheckkarten.

Beim Metzger muss man heute Nummern ziehen, brauchbare Plastiktüten kosten extra, die Brötchen waren früher feiner, größer und weicher und blieben länger frisch. Auch das Wetter ist nicht mehr, was es mal war. Ich selbst erinnere mich noch an Familienausflüge als Kleinkind in den Harz, wo der Schnee oft fast hüfttief lag, heute am Rhein ist schon knöcheltiefer Schnee selten. Und von dem, was die jungen Leute anstelle von Musik so hören, wollen wir gar nicht erst anfangen. Furchtbar!

In Wirklichkeit sind das natürlich nur gängige Begleiterscheinungen des Älterwerdens und der damit oft einhergehenden Neigung zum Verknöchern. Man ist in vieler Hinsicht nicht mehr so flexibel wie in jüngeren Jahren, die Spannkraft lässt langsam nach. Man gestattet sich deshalb oftmals, nicht mehr jede Kurve volles Rohr mitfahren zu müssen. Hat sicher auch sein Gutes, aber man muss aufpassen, dass man dabei nicht körperlich und geistig erstarrt.

Es gibt 50-jährige, die bewegen sich, denken und sprechen wie alte Leute. Dafür kenne ich 70-jährige, die verbinden die Reife vieler Jahrzehnte Lebenserfahrung mit einer geistigen Agilität und körperlichen Fitness, mit der man sich als 40-jähriger nicht schämen müsste. Es ist zu einem großen Teil eine Frage der Selbstdisziplin und der eigenen Haltung, ob man sich hängen lässt oder sich bewegt, solange man kann. Use it or loose it heißt es, und das gilt für alles mögliche: Gedächtnis, geistige Wachheit, körperliche Beweglichkeit, Körperkraft.

Natürlich kann man das Altern nicht verhindern, allenfalls die Auswirkungen hinauszögern, und in vielen Fällen nicht einmal das. Krankheiten, Unfälle, Veranlagung, alles mögliche kann einem da in die Quere kommen. Aber wollen kann man es. Man kann im Rahmen der eigenen Möglichkeiten versuchen, wach und agil zu bleiben, geistig wie körperlich. Eine Erfolgsgarantie gibt es nicht, und irgendwann kommt unweigerlich der Sensenmann. Aber das ist ja kein Grund, sich allzusehr hängenzulassen.

** * **

Nun ist das mit der eigenen Einstellung so eine Sache. Ich reagiere normalerweise völlig allergisch auf alles, was sich nach positivem Denken anhört, und mache einen weiten Bogen um Leute, die mit Dingen wie „Das Problem ist nicht das Problem, deine Einstellung ist das Problem“ oder „Du musst es nur wollen“ kommen. Die legen mir nämlich – jeder sei seines eigenen Glückes Schmied – pauschal die Verantwortung für jeden geplatzten Traum, für jedes verfehlte Ziel, für jeden Misserfolg an. Weitgehend zu unrecht, finde ich.

Zu viel im Leben entzieht sich nämlich unserer Einflussnahme (von Kontrolle ganz zu schweigen), wir sind in vieler Hinsicht Spielball der Elemente, und je nach Umständen hat der Einzelne nur vergleichsweise geringe Gestaltungsmöglichkeiten. Aber in einer Hinsicht haben sie recht: Wollen muss man schon, um wenigstens einen Teil von dem hinzukriegen, was möglich ist. Wer darauf wartet, dass das Schicksal ihm Erfolg, Reichtum und Gesundheit bis ins hohe Alter auf dem Silbertablett präsentiert, wird in aller Regel enttäuscht werden.

Auch wenn wir nur sehr begrenzte Möglichkeiten haben, nutzen müssen wir sie schon selbst aktiv, sonst verfallen sie ungenutzt. Früher war alles besser ist jedenfalls ganz oft nichts anderes als eine gesetztere Version von Null Bock und No Future, anders gesagt: nichts als eine Ausrede dafür, die Welt abzuschreiben, im Geiste von nach mir die Sintflut gar nicht mehr in die Zukunft zu investieren und stattdessen zu schmollen. Muss ja eigentlich nicht sein…

P.S.: Halbwegs passend zum Thema bringt Zeit Online eben was Witziges zum Thema Fast Food.

Advertisements

6 Kommentare on “Früher war alles besser”

  1. Nesselsetzer sagt:

    Dein Artikel klingt verdächtig nach Midlife-crisis. Weniger in Bezug auf die „früherwarallesbesser“-Betrachtungsweise. Vielmehr jedoch im Hinblick auf das schlechte Gewissen, dass – auch wenn man diesen „postiv-denken“-Quatsch ablehnt – man doch „was für sich tun“ müsste. Tatsächlich sehe ich aber auch darin keinen Sinn. Ich bin der Ansicht, dass man nur für drei Dinge etwas „tun“ muss. Das wären zuerst ein aufgeräumtes Dach über dem Kopf und ein allzeit voller Kühlschrank. Das dritte im Bunde ist lediglich eine intensive Freude an den Dingen, mit denen man sich beschäftigt, wobei es völlig egal ist, was es ist. Insofern sehe ich in einer „ausgewogenen“ Bewegung genauso wenig Sinn wie in einer ausgewogenen Ernährung.

    Wenn ich – natürlich rein selektiv – auf so manche Zeitgenossen im hohen Alter blicke, dann kann ich gerade bei denen keine Bewegungsausgewogenheit, sondern vielmehr ein intensives Treiben geistiger Tätigkeiten erkennen. Dagegen sind in meiner Umgebung – natürlich auch rein selektiv bewertet – schon all die viel zu früh verstorben, die auf eine gesunde Lebensweise geachtet und sich ausreichend körperlich betätigt haben. Oder wie schon die österreichischen Science-Busters in ihrem Schneckenstreicheln-Buch bemerkten:“Wenn Sie frühzeitig einen Herzinfarkt haben wollen, joggen Sie regelmäßig!“ (Wortlaut ungefähr).

    Es ist wohl das Beste, wenn man auf die sportlichen Empfehlungen genauso pfeift wie auf die schnell verfallenden Hypothesen der Ernährungswissenschaftler. Das bewahrt vor gesundheitlichen Schäden und hält fit.

    Gefällt mir

  2. gnaddrig sagt:

    Nö, kein schlechtes Gewissen. Und eigentlich auch keine Midlife-Crisis. Ich halte es ähnlich wie Du: Wichtig ist, was (und dass es) Spaß macht. Wenn ich etwas („Vernünftiges“) für mich tue, dann weil ich es für mich will, nicht weil mir irgendjemand irgendetwas vorschreibt. (Dass in die Vorstellung davon, wie man gern wäre/aussähe und was man gern könnte, natürlich auch gesellschaftliche Normen hineinspielen, ist klar. Davon werden sich die wenigsten ganz unabhängig machen können oder wollen; aber warum ich das will, was ich will, ist jetzt nicht so mein Thema.)

    Auslöser für den Text war eine Nachbarin, die ihr persönliches „früher war alles besser“ (oder eher „es wird alles immer schlimmer“) tatsächlich daran festzumachen schien, dass die Postboten früher beamtet und uniformiert waren und immer zu derselben Zeit auftauchten, während heute immer wechselnde suspekte Gestalten zu allen möglichen Tageszeiten aufkreuzen oder auch nicht. Von da war es nicht weit zu den klassischen meckernden, ewiggestrigen Alten, die alles seit spätestens 1987 nur scheiße finden und sich mit Neuem gar nicht mehr wirklich auseinandersetzen (was sie auch nicht müssen, aber dann dürfen sie sich auch nicht beklagen, dass sie die Welt nicht mehr verstehen).

    Und während man das Älterwerden und viele damit einhergehende Einschränkungen nicht verhindern kann, passt es doch nicht zusammen, einerseits die eigene Kurzatmigkeit zu beklagen und gleichzeitig jede Bewegung außerhalb der Linie Sofa – Kühlschrank zu vermeiden und sich im wesentlichen von Bier und Pommes zu ernähren.

    Ich selbst brauche weder die Gelenkigkeit eines Profiturners, noch die Ausdauer eines Triathleten, noch die Körperkraft eines Boxers, aber so ganz zur Schaufensterpuppe mag ich mich dann doch nicht verkommen lassen. Dazu fühlt es sich zu gut an, sich zu bewegen (und sich einigermaßen mühelos bewegen zu können, ohne sofort außer Atem zu sein). Wenn ich jetzt die ersten Auswirkungen eines langen Schreibtischarbeiterlebens spüre, überlege ich schon, wie ich mir ein gewisses Maß an Beweglichkeit mit vertretbarem Aufwand erhalten kann, insofern liegst Du mit Midlife-Crisis doch gar nicht so weit daneben 🙂 Von selbst passiert das nämlich nicht. Wenn ich das will, muss ich was dafür tun.

    Und wenn ich durch ein bisschen (gelegentlich vielleicht auch unbequeme oder lästige) Aktivität dazu beitragen kann, ein für mich wichtiges Stück Lebensqualität zu erhalten, ist das Etwas-für-sich-Tun sicher sinnvoll, sogar wenn man dabei hin und wieder den inneren Schweinehund überwinden muss. Aber eben nicht, weil „sich das gehört“ oder weil ich mich irgendwelchen gesellschaftlichen Zwängen oder Konventionen unterwerfe, sondern weil ich es selbst für mich so will.

    Es geht mir letztlich darum, eine Balance zwischen völligem Sich-gehen-Lassen und übertriebenem Aktionismus zu finden. Der Vergleich von früher war alles besser mit null Bock war eher so ein Nachgedanke und zeigt, dass ich mir gar nicht so genau überlegt hatte, worüber ich eigentlich schreibe – einerseits über Ausgewogenheit, andererseits darüber, dass „die meckernden Alten“ nicht so viel anders (und schon gar nicht pauschal besser) als „die verkommenden Jungen“ sind.

    Insgesamt ist das aber sowieso nur die jüngste Folge meiner beliebten Serie „Die Welt ist schlecht, nur ich bin recht“ 😉

    Gefällt mir

  3. Pfeffermatz sagt:

    Es ist schon eine merkwürdige und ungesunde Art positives Denken, die dem Denkenden die Verantwortung für Misserfolge zuschiebt – denn das wäre so gar nicht positiv…
    Positiv ist, das Beste aus dem Hier und Jetzt zu machen, und sich dies weder von der Vergangenheit („früher war alles besser“) noch von der Zukunft („no future“) vermiesen zu lassen. Höchstens von der Vernunft, der sich die hier Anwesenden alle verschrieben haben, natürlich…
    Mein 80jähriger Nachbar wollte mich letztes in genau so ein „Heutzutage ist alles schlimm“-Gespräch verwickeln. Da ich ihn mag, habe ich das Thema mehrmals abgeblockt, statt ihm Kontra zu geben. Was soll ich einen 80jährigen noch unglücklicher machen?
    Übrigens, lieber Gnaddrig, ich weiß nicht so recht, wie ich das sagen soll, aber…. dass du mal in die Falle tappst, und „Loser“ irgendwie mit zwei „o“s schreibst, also,…

    Gefällt mir

  4. gnaddrig sagt:

    Tja, Pfeffermatz, was soll ich sagen. Irgendwas ist immer. Oder, um beim Thema zu bleiben: Nichtmal die Rechtschreibung ist mehr das, was sie mal war.

    Ansonsten habe ich hier ein vages Gefühl von Déjà-vu. Welche Ausrede hatte ich letztesmal? Ich glaube, dass die Tastatur mir einen doppelten Anschlag reingemogelt hat. Bestimmt liegt das aber auch an der unlogischen, kraut-und-rüben-verquasten englischen Rechtschreibung, die ja nun wirklich… Ähm, danke für den Hinweis, ich werde das unauffällig geradebiegen…

    Gefällt mir

  5. Yadgar sagt:

    …außerdem kamen damals noch Bären und Wölfe bis in die Städte und sorgten so für gesunde Ausmerrrrrrrrrze von Schwächlingen und Kränklingen aus der Jugend unseres Volkes, der deutsche Mann wusste noch zu töten wie auch zu sterben, wenn das Schicksal es befahl, das Weib noch um seinen Platz in der natürlichen Ordnung und überhaupt war viel mehr Lametta, vor allem an Führrrrrrrerrrrrrrrrs Geburrrrrrrrtstag!

    Gefällt mir

  6. Yadgar sagt:

    @gnaddrig
    „Ich selbst brauche weder die Gelenkigkeit eines Profiturners, noch die Ausdauer eines Triathleten, noch die Körperkraft eines Boxers, aber so ganz zur Schaufensterpuppe mag ich mich dann doch nicht verkommen lassen. Dazu fühlt es sich zu gut an, sich zu bewegen (und sich einigermaßen mühelos bewegen zu können, ohne sofort außer Atem zu sein).“

    Jetzt mal ganz ohne überdrehte Nazi-Parodien: ich finde, ein körperlich gesunder Mensch jedes Alters sollte es aus eigener Kraft zu Fuß auf den Demawend (5671 m – als Vulkan der wahrscheinlich leichteste Fünftausender der Welt) oder bis ins Everest-Basislager (5300 m) schaffen… ich bin gegenwärtig dank BMI 42 noch weit davon entfernt – aber das muss ja nicht so bleiben!

    Gefällt mir


In den Wald hineinrufen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s