Reichkriegflagge

In den letzten Jahren sieht man immer wieder die Reichskriegsflagge in der Öffentlichkeit. Meistens eine der älteren Versionen aus der Kaiserzeit, also mit Eisernem Kreuz statt Hakenkreuz, letzteres zu zeigen ist ja in Deutschland strafbar. Inwieweit die Reichskriegsflaggenschwenker tatsächlich einer rechtsextremen oder revisionistischen Haltung anhängen, weiß ich natürlich nicht, aber es ist sicher nicht abwegig, hier einen gewissen Nationalchauvinismus zu unterstellen.

Dann gibt es noch die Leute, die sich das Deutsche Reich in irgendeiner Form zurückwünschen und dabei gelegentlich auf historische Staatssymbole und Flaggen zurückgreifen. Das sind vermutlich überwiegend Leute, die sich im derzeit vielbeklagten grünlinksliberalen Sumpf mit Lügenpresse, Überfremdung und Genderwahn marginalisiert fühlen. Die glauben, dass der aufrechte Deutsche im eigenen Land die Klappe halten muss, guten deutschen Wohnraum für Scheinasylanten freimachen und die faulen Griechen durchfüttern usw. Damals, als Deutschland noch als Deutsches Reich firmierte, hätte es das so nicht gegeben, und deshalb wollen sie dahin zurück.

Vor 70 Jahren hat die Wehrmacht kapituliert, sind der 2. Weltkrieg und die nationalsozialistische Diktatur zuendegegangen. Der jetzt anstehende Jahrestag ist vielleicht ein guter Anlass, sich diese Reichsträumereien nochmal kurz anzuschauen. Außerdem kann ich bei dieser Gelegenheit ganz unverfänglich meine Reichkriegflaggen (kein Tippfehler, da fehlen keine zwei s, s.u.) unterbringen. Deshalb mäandere ich hier einfach mal ein wenig um das Thema herum.

Sie wollen also ein Reich, „das“ Reich. Das gibt es aber seit langem nicht mehr. Was die Leute sich wünschen, ist entweder ein Deutsches Reich, das man auf keinen Fall zurückhaben will (das, wo schon die Kinder zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl und so zu sein hatten), oder ein romantisch verklärtes Deutsches Reich, das es so nie gegeben hat. Dass sie tatsächlich das Deutsche Reich auf egal welchem Stand zwischen März 1933 (also dem Beginn der nationalsozialistischen Diktatur) und dem Zusammenbruch im Mai 1945 zurückwollen, mag ich nicht recht glauben.

Dass 1945 kein erstrebenswerter Anknüpfungspunkt ist, dürfte auf der Hand liegen – ganz abgesehen von den gewaltigen Zerstörungen an Menschen und Dingen durch den Krieg, war das Land bankrott, der Staat und seine Strukturen mit dem Abgang der NSDAP und dem Abtauchen vieler ihrer Vertreter praktisch nicht mehr existent und sicher nicht mehr handlungsfähig.

Den Stand von August 1939, also direkt vor Ausbruch des 2. Weltkrieg, wird man kaum wiederherstellen können. Man denke nur an die internationalen Verwicklungen bei dem Versuch, Ostpreußen, Pommern, Schlesien, das Memelland, das Sudetenland und Österreich „wiedereinzugliedern“.

Wohl weil das zu heikel ist, nennt man in diesem Zusammenhang gern die Grenzen von 1937, die mancher für immer noch gültig hält oder halten will. Die sind zwar nicht durch fragwürdige Aneignung angrenzender Gebiete entstanden, aber auch der Stand von 1937 ist völkerrechtlich unwiderruflich passé, darüber muss man gar nicht erst nachdenken. Und wenn ich mir überlege, wie es in Deutschland egal wann zwischen März 1933 und Kriegsende aussah und zuging, frage ich mich sowieso, wieso man dahin zurückwollen sollte.

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Obwohl, wenn ich mir das so überlege: Deutschland 1933 und ohne die Nazis, das wäre schon was – ohne Kriegsschäden, dafür mit noch vollständiger Bevölkerung, und man hätte die Chance, das ganze Elend zu vermeiden. Oder gleich ins Kaiserreich zurück, den 1. Weltkrieg auch gleich noch abbiegen, das fände ich noch eleganter. (Allerdings nicht, weil ich den damaligen Kaiser für ein auch nur ansatzweise fähiges und unterstützenswertes Staatsoberhaupt halte, ganz im Gegenteil; Revolution hätte man ja 1919 trotzdem machen können. Dafür hätte man den Karren aber nicht erst derart in den Dreck fahren müssen.) Aber das sind natürlich nutzlose Träumereien von mir, die Vergangenheit ist nicht zu ändern.

Das wollen die erwähnten Deutsches-Reich-Wiedererrichtenwollenden aber nicht akzeptieren. Sie glauben tatsächlich, die Bundesrepublik sei eine fremdgesteuerte Staatssimulation und man sei hierzulande nicht Staatsangehöriger, sondern de facto staatenloser Angestellter einer Scheinfirma, Kriegsgefangener, rechtloser Sklave der Westmächte oder – sehr beliebt – nicht natürliche sondern juristische Person.

Zur Beendigung dieses unschönen Zustandes verlangen sie die Wiedererrichtung des Deutschen Reichs. Sie wünschen, dieses Reich möge die verhasste Bundesrepublik („Bundesrepublik in Deutschland GmbH“) ersetzen und dann würde alles, alles gut. Das ist natürlich weltfremd und völlig aussichtslos, weil es von völlig unhaltbaren Prämissen ausgeht.

Das ficht die Exponenten dieser Idee natürlich nicht an, und sie bemühen sich mit erheblicher Beharrlichkeit, möglichst viel Internet mit ihren kognitiv dissonanten Verrenkungen zur Verteidigung dieser Ideen vollzuschreiben. Das ist sinnlos, aber das Träumen kann man den Leuten ja nicht verbieten.

Nicht ohne gewissen Eigennutz biete ich diesen Leuten jetzt eine Reichkriegflagge an, mit der sie ihrer Forderung prägnant Ausdruck verleihen können:

reichkriegflagge_kkr

Für staatliche Selbstverwalter biete ich folgende Vorlage im praktischen Flaggenformat an, die man auch sehr schön als Schild an die Wohnungstür hängen kann:

reichkriegflagge_selbstverwalter_statisch

Selbstverwalter, die nicht einfach das Eigenheimreich statisch vor sich hin verwalten wollen, sondern eine Ausbau- oder Erweiterungsoption für ihre Selbstverwaltungseinheit wünschen, können ihre der Zukunft zugewandte Haltung mit der folgenden Version meiner Reichkriegflagge sehr schön entlarven in Szene setzen:

reichkriegflagge_selbstverwalter_erweiterungswillig

Alle drei Vorlagen haben den Vorteil, dass sie die Produktion der oben erwähnten langatmigen und oft repetitiven Texte zum Thema noch überflüssiger machen, als sie sowieso schon ist. Dass es deshalb tatsächlich zu einem Rückgang reichsbürgerlicher Textwände kommt, glaube ich zwar nicht wirklich, aber man darf ja, wie gesagt, träumen…

P.S.: Unbedingt Wir sind KEINE Nazis!!!11! dazuschreiben, nur zur Sicherheit. Nicht, dass noch jemand denkt…

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2 Kommentare on “Reichkriegflagge”

  1. Stefan R. sagt:

    Grenzen von 1937 – was sind das denn für Anfänger? Warum sich mit so wenig zufrieden geben? Wenn schon, dann bitte die Wiederherstellung des Heiligen Römischen Reiches in den Grenzen von 1378, alles andere ist Käse.

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  2. gnaddrig sagt:

    Absolut. Das ist alles viel zu zaghaft, was die da vorschlagen. Und wenn sowieso nichts draus wird, kann man genausogut ein paar Nummern größer träumen…

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