Der Rattenfänger

Neulich komme ich mit meiner Jüngsten aus der Stadtbibliothek. Es ist hinreichend schönes Wetter, wir spazieren gemütlich über einen Platz in Richtung Fußgängerzone, hören ein paar Minuten lang einer Blaskapelle zu, die da gerade auftritt, und unterhalten uns über die verschiedenen Instrumente, die zu sehen sind – Posaune, Tuba, Tenorhorn, Trompete, Klarinette.

Als wir weitergehen, kommt uns ein weißhaariger Kerl entgegen, der mit einer kleinen Holzflöte Vogelstimmen nachmacht. Nicht schlecht, er kann das wirklich gut. Aber irgendwie kommt er mir komisch vor, er hat so einen merkwürdigen Blick, deshalb ignoriere ich ihn geflissentlich und gehe mit meiner Tochter vorbei. Bei dem hohen allgemeinen Geräuschpegel merkt sie auch gar nicht, dass die Vogelstimmen nicht von echten Vögeln sind. Sie nimmt den Mann gar nicht wahr.

Ein gutes Stück weiter steht ein Klavier in einer Einfahrt. Das hat jemand im Zusammenhang mit irgendeiner Kunstaktion dort hingestellt, damit jeder, der will, ein paar Takte Musik klimpern kann. Als wir vorbeikommen, stehen ein paar junge Mädchen drumherum. Eine versucht, etwas gediegen Klassisches zu spielen, es hört sich aber grausig an, weil die Kiste so verstimmt ist.

Auf einmal steht Freund Vogelflöte schräg hinter uns, viel zu dicht, und zwitschert den Mädchen mitten in die Musik. Obwohl ich seine Augen nicht sehe, ist da wieder diese komische Atmosphäre. Kann ich gar nicht beschreiben, ist aber ausgesprochen unangenehm. Gänsehauterregend, gruselig. Die Mädchen sind wegen der Vogelpfeiferei etwas irritiert. Sie beschließen, dass sie mit dem verstimmten Trumm nichts anfangen können und gehen weiter. Ich nehme meine Tochter und mache mich auch gleich vom Acker.

Vogelflöte driftet zurück in Richtung Blaskapelle. Wir sehen ihn an dem Tag nicht mehr. Kann also gut sein, dass er uns nicht zum Klavier gefolgt ist, sondern eher zufällig dort auftauchte. Ich hoffe trotzdem, dass wir ihn nie wiedersehen. Und ich hoffe, dass er nur ein harmloser komischer Kauz ist und es für meine Gänsehaut keinen guten Grund gab.

Mir ist ausgesprochen unwohl bei dem Gedanken, dass der in der Stadt herumläuft. Aber was soll ich machen – ich kann ihn nicht anzeigen, er hat ja nichts gemacht. Und ich kann auch nicht gut hinter ihm herlaufen, bis er vielleicht versucht, etwas anzustellen, was auch immer das wäre (wenn er nicht tatsächlich harmlos ist, kann ja gut sein). Vermutlich ist da nichts, aber weiß man’s?

Jedenfalls ist mir ausgesprochen mulmig bei dem Gedanken an diese beiden Begegnungen. Ich muss an Stephen Kings Clown im Gully denken. Vogelflöte war ähnlich gruselig, irgendwie. Und wenn ich mir vorstelle, dass meine Kinder so jemandem begegnen und der abwegige Absichten hat, wird mir wirklich anders. Man muss ja nicht gleich an Leute wie Marc Dutroux denken, die Schwelle für schlimm hängt ja viel, viel tiefer…

*geht schaudernd ab*

 

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2 Kommentare on “Der Rattenfänger”

  1. Pfeffermatz sagt:

    Das klingt tatsächlich gruselig. Der Wahnsinn, der knapp unter der Oberfläche lauert und ein bisschen zu deutlich hervorscheint, macht einen Menschen völlig unberechenbar.

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  2. gnaddrig sagt:

    Stimmt. Dabei weiß man ja nicht einmal, ob wirklich was ist, oder ob man nur zu dünnhäutig ist oder der Mann an irgendetwas Ungutes erinnert oder was weiß ich.

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In den Wald hineinrufen

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