Mundartliches

Der deutsche Sprachraum beherbergt viele, viele Mundarten oder Dialekte. Dazu noch jede Menge Soziolekte, Fachsprachen und was weiß ich noch. Man wird kaum mal zwei Leute finden, die genau das gleiche Deutsch sprechen. Und auch wenn man Fachsprachen und individuelle Eigenheiten des Sprachgebrauchs beiseitelässt, sind die Gruppen, in denen alle praktisch gleich sprechen, doch meistens eher klein. Das eine allgemeingültige Deutsch gibt es nicht.

Es gibt Gegenden mit sehr kleinteiliger Dialektlandschaft. Da kann man die Leute aus dem übernächsten Ort oder dem nächsten Stadtteil schon an ihrer Sprache erkennen. Sie sprechen dann vielleicht einen bestimmten Vokal in einer bestimmten lautlichen Umgebung ein bisschen anders aus. Etwas länger oder kürzer, offener oder geschlossener. Oder sie benutzen ein oder zwei andere Wörter. Wieder zwei Orte oder fünf Straßen weiter finden sich wieder solche Unterschiede, die man erst hört, wenn man lange in der Gegend war und mit Leuten aus den verschiedenen Orten zu tun hatte.

Ob das überall im deutschen Sprachraum so ist, weiß ich nicht. Im niederdeutschen Gebiet etwa wird mit der Verdrängung des Plattdeutschen viel mundartliche Vielfalt verlorengegangen sein. Auch wenn das verdrängte Niederdeutsch das Standarddeutsche dort beeinflusst hat und die Leute in Emden anders sprechen als in Husum, Celle, Neustrelitz oder Stralsund, werden es allzufeine mundartliche Unterschiede sicher nicht ins heutige Norddeutsch geschafft haben.

Ohne das jetzt recherchiert zu haben kann ich mir allerdings vorstellen, dass sich solche feinen Unterschiede im Lauf der Zeit wieder neu herausgebildet haben könnten. So gibt es in beispielsweise Hannover Stadtteilmundarten, etwa das Lindener Platt, das sich vom restlichen Hannöversch hörbar unterscheiden soll (ich kenne das nicht aus eigener Anschauung). Ob das eine Ausnahme ist, weiß ich aber nicht.

Den mundartlichen Flickenteppich (Oder soll ich es Patchwork-Decke nennen? Klingt netter!) habe ich deshalb zum erstenmal während meiner Zeit als Taxifahrer in der Pfalz erlebt, und ich fand das faszinierend. Da hatte ich gar nicht mit gerechnet, weil ich vorher wenig mit dialektsprechenden Leuten in Berührung gekommen war. Kein Wunder, in meiner Familie wurde kein Dialekt gesprochen, unsere Freunde und Bekannten waren auch alles Hochdeutschsprecher, und am Gymnasium habe ich den einheimischen Zungenschlag auch kaum zu hören gekriegt, da war in der Hinsicht wenig zu holen. Dass es solche mundartliche Vielfalt und vor allem Kleinteiligkeit gibt, war mir überhaupt nicht bewusst gewesen. Umso erstaunter und faszinierter war ich, als ich es zum erstenmal mit Mundartsprechern in ihrem natürlichen Habitat zu tun bekam.

** * **

Jetzt sind verschiedene Mundarten unterschiedlich beliebt. Eigentlich logisch, Geschmäcker und Vorlieben unterscheiden sich eben. Außerdem gibt es Rivalitäten und, sagen wir, spezielle Beziehungen zwischen den Einwohnern benachbarter Regionen, die sich sicher auch in der Beliebtheit der Mundarten der einen bei den anderen niederschlagen. Und es gibt bundesweite Trends. Eine aktuelle Umfrage sieht Bayerisch klar an der Spitze der Beliebtheitsskala, in großem Abstand gefolgt von Plattdeutsch, Berlinerisch und Schwäbisch. Sächsisch steht an vorletzter Stelle, und Pfälzisch mit deutlichem Abstand ganz am Ende der Liste. Vernünftige Gründe wird es dafür nicht geben, das dürfte so eine Mischung aus persönlichem Geschmack und Herdentrieb sein.

Das Ergebnis dieser Umfrage stimmt überhaupt nicht mit meinem Geschmack überein, meine persönliche Beliebtheitsskala sieht ganz anders aus. Mir persönlich gefällt das Weiche, Melodische an manchen Formen des Sächsischen. Ich empfinde es als angenehm anzuhören und verstehe nicht, wieso Sächsisch weithin unbeliebt ist und als entweder zum Schreien komisch oder als Loser-Sprache verschrien ist.

Ähnlich geht es mir mit dem Pfälzischen. Ich würde es mir selbst nicht angewöhnen wollen, habe aber viel Pfälzisch zu hören gekriegt, das ich ziemlich verträglich fand. Angenehmer als Schwäbisch oder Bayerisch hört es sich für mich allemal an. Rheinländisch ist nicht so mein Ding, obwohl ich manches dort durchaus zu schätzen weiß.

(Und ich will damit ganz ausdrücklich nichts für oder gegen die Sprecher egal welcher Mundart gesagt haben! Überhaupt möchte ich an dieser Stelle nochmal auf meine Meinung zum Recht auf Mundart hinweisen.)

Ich bin ein großer Fan der alemannischen Mundarten. Kennen tue ich davon einmal die südbadische Sprache meiner Frau und dann das Berndeutsche, und zwar v.a. durch die sehr vielseitige und etwas skurrile Band Patent Ochsner mit den großartigen Texten von Büne Huber). Ostpreußisch mag ich auch sehr, genauer gesagt: das seinerzeit in Masuren gesprochene und mittlerweile leider so gut wie ausgestorbene Niederpreußische.

Mit Abstand am Besten gefällt mir aber immer noch meine eigene Muttersprache – Norddeutsch. Das, was im ursprünglich niederdeutschen Sprachgebiet ganz überwiegend statt Plattdeutsch gesprochen wird. Obwohl ich seit gut 20 Jahren deutlich südlich der Benrather Linie wohne, geht mir das natürlich immer noch am Leichtesten über die Lippen. Wenn ich müde, ärgerlich oder angetüddelt bin oder mit Leuten von da oben spreche, wird mein Akzent stärker, die im Lauf der Zeit übernommenen Alemannizismen treten dann wieder etwas zurück.

Und falls ich nach ein paar Bier nicht mehr so genau weiß, wo ich genau herkomme, kann ich das hier ganz einfach und erstaunlich zuverlässig herausfinden: Grüezi, Moin, Servus – Wie wir wo sprechen.

 

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10 Kommentare on “Mundartliches”

  1. Steffi sagt:

    Interessanter Link, der Test findet es heraus 🙂
    Husum, Helmstedt, Soltau …, ganz langweilig, fast keine Spezialbegriffe (im Test), die
    1.Antwort passte meist.
    Meine liebste Mundart ist hamburgerisch, da wird mir warm ums Herz.

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  2. gnaddrig sagt:

    Ja, ich fand das Ding auch witzig. Schon die Idee hat was. Und mit Hamburgisch könnte ich auch gut leben 🙂

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  3. Steffi sagt:

    Aah, hamburgisch heißt das ? Das kam mir doch gleich so seltsam vor 🙂

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  4. gnaddrig sagt:

    Weiß ich nichtmal so genau. Ich kenne aber das Hamburgische Wörterbuch. Im Prinzip kommt es ja vor allem darauf an, dass der Leser weiß, was man meint, und da ist Hamburgerisch auch ok 🙂

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  5. noemix sagt:

    »Die Hochsprache ist das Sakko, die Mundart ist das Hemd.« sagt Peter Turrini – ein trefflicher Vergleich, wie ich finde. Das Sakko zieht man darüber an oder legt es wieder ab, aber das Hemd darunter trägt man stets am Leib.

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  6. gnaddrig sagt:

    Stimmt. Und man sollte wissen, wann es angemessen ist, das Sakko zu tragen und wann eher nicht, damit es nicht krampfig oder peinlich wird. Da hat man’s als norddeutscher Nichtmundartsprecher in Süddeutschland manchmal etwas schwer, weil die Leute das Hemd nicht als solches erkennen sondern denken, man habe da Sakko an. Ohne (fast egal welche eigene) Mundart steht man dann schon ein wenig abseits.

    Andererseits habe ich es mehrmals erlebt, dass Leute, deren Hochdeutsch man immer noch das heimatliche Schwaben anhört, im Norden oft genug nicht recht ernst genommen werden, einfach weil sie kein „richtiges“ Hochdeutsch können (oder wollen).

    Beides doof. Meine Devise: Lasst die Leute reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.

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  7. […] habe nichts gegen Hochdeutsch, im Gegenteil. Ich spreche es als Muttersprache, da ich so gut wie ohne Dialekt aufgewachsen bin. Ich habe auch nichts gegen gestelzten Stil, den pflege ich auch mit viel Spaß an […]

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  8. noemix sagt:

    (Nachtrag: „Bayerisch“ als Sprache bzw. Mundart gibts freilich nicht, wenn Sie mir die Anmerkung gestatten. Die Sprache, um die es sich handelt, ist vielmehr Bairisch.)

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  9. gnaddrig sagt:

    Das stimmt allerdings, da habe ich wohl ein wenig geschlampt.

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  10. […] ist erheblich kleinteiliger. Özoğuz hat so unrecht nicht, und sogar bei der Sprache könnte man gewisse Abstriche […]

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