Vier gewinnt

Wartezimmer beim Kinderarzt. Ich lese meiner Tochter etwas vor, bis wir dran sind. In einer Ecke steht ein riesiges Vier-gewinnt-Spiel. Das Ding ist ungefähr 1,50m hoch, die Jetons zum Einwerfen sind  kuchentellergroß.

Die anderen beiden Kinder im Wartezimmer, wohl im frühen Grundschulalter, haben dort ein Spiel angefangen. Als sie vielleicht beim fünften oder sechsten Zug sind, kommt ein anderer Junge mit seinem Vater ins Wartezimmer, ähnliches Alter wie die beiden, schaut kurz, greift sich gleich einen ganzen Arm voll Spielsteine und wirft die einen nach dem anderen in das laufende Spiel. Ohne auf die beiden spielenden Kinder zu schauen, ohne zu fragen, ohne mit denen in irgendeiner Form zu interagieren.

Die zwei sind völlig baff, wissen nicht recht, wie sie reagieren sollen, und es ist ja dann sowieso zu spät. Die angefangene Partie ist nicht mehr zu retten.

Der Vater des Gatecrashers steht seelenruhig daneben, schaut dem Geschehen völlig entspannt zu, und als der Kleine alle „seine“ Spielsteine eingeworfen und den beiden anderen das Spiel verdorben hat, äußert Vattern ganz verhalten-freundlich: „Sag mal Norbert, ich glaube die beiden Kinder da wollten alleine spielen, hast du die gefragt, ob du da mitspielen darfst?“

Einzige Reaktion von Sohnemann ist der Anflug eines Grinsens, das ich als selbstzufrieden deute. Bin gespannt, wie der in fünf oder zehn Jahren drauf ist…

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10 Kommentare on “Vier gewinnt”

  1. Stefan R. sagt:

    Klarer Fall: Überdosis Bobo Siebenschläfer in zu jungen Jahren.

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  2. tikerscherk sagt:

    Da bin ich auch gespannt. Ich frage mich, ob der Vater anders hätte handeln können oder sollen.

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  3. gnaddrig sagt:

    Den Siebenschläfer kannte ich noch nicht. Zum Glück…

    Was der Vater anders hätte machen können? Er hat die ganze Zeit direkt dabeigestanden und seinem Jungen zugeschaut. Wenn er irgendwo gesessen oder mit dem Smartphone gedaddelt hätte, könnte man sagen, er hat nichts mitgekriegt bis es zu spät war. War aber nicht. Wenn er nicht auf Beruhigungsmittel war, musste er sehen, was der Junge da machte, und da hätte er vielleicht früher eingreifen können, statt abzuwarten, bis er alle seine Jetons in das Gerät gesteckt hatte. Beim ersten oder zweiten hätte man das Spiel der beiden anderen noch retten können, nach fünf oder sechs Stück eher nicht mehr. Und dass er die Dinger aufnahm und dann anfing, sie in das Spiel zu stecken, ist mir sogar beim Vorlesen aus den Augenwinkeln aufgefallen.

    Wenn man schon findet, dass er die Mädchen nicht beim Spielen stören soll, dann könnte man das rechtzeitig zum Ausdruck bringen und nicht erst warten, bis alles vorbei ist und dann harmlos wie Kamillentee „was sagen“. Da hätte es deutlich früher ein deutlich stärkeres Gebräu gebraucht…

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  4. aurorula a. sagt:

    Mein Bauch sagt: so im Nachhinein hatte das ‚was sagen‘ fast noch den gegenteiligen Effekt auf den Sohn – wenn ich den Text lese kommen die Worte des Vaters hinten in meinen verdrehten Hirnwindungen sogar eher als Lob an denn als ‚lass das!‘. Und das zufriedene Grinsen gibt meinem Bauchgefühl recht.
    Dem Sohn macht es ganz offensichtlich Spaß die spielenden Mädchen zu stören, einfach um der Störung willen – einen anderen Sinn hat es nicht, was er da tut. Vielleicht ist er auch noch drauf aus daß sie sich wehren und dann entweder großes Geschrei ihrerseits und hurra, er hat ihnen den Spaß verdorben; oder noch eins draufsetzen a la ‚Heeeeeeeeeeuuuuuuuullllll, Paaaaaapiiii, die zwei sind soooooooooo gemeeeiiiiinn zu mir, ich wollte doch nur mitspielen *schluchtz*…‘ (Kinder sind so – Erwachsene auch, aber die haben sich besser im Griff).
    Jeder Pädagoge wird mich lynchen, aber dann nach erfolgreicher und erfolgter Aktion dem Zwerg nochmal bestätigen, warum er eigentlich so einen Spaß dran hat – wenn das keine Ermutigung ist, was dann?
    Dem Kleinen mangelt es jedenfalls nicht an Einfühlungsvermögen: er weiß genau, was er da tut; er fühlt sich sowohl in die 4gewinnt-Spielerinnen als auch in seinen Vater ein und handelt dementsprechend störend für alle drei. Die beiden Mädchen ärgert er direkt indem er ihr Spiel zerschießt, und seinen Vater quält er indirekt mit dem Konflikt sag-ich-jetzt-was-und-wenn-ja-wie.

    Falls sich das nicht wieder gibt: dem will ich nicht in zwanzig Jahren begegnen!

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  5. gnaddrig sagt:

    Ich denke, da ist schon vorher so lange so viel schiefgelaufen, dass die konkrete Situation kaum noch zu retten gewesen wäre bzw. keinen großen Unterschied mehr gemacht hat.

    Dein letzter Absatz trifft es glaube ich ganz gut, und in 20 Jahren will ich mit dem ganz sicher auch nichts zu tun haben müssen…

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  6. Aristobulus sagt:

    Leute, es liegt doch daran, dass er Norbert heißt. Ein Norbert war und ist immer ein Spieltroll. Das ist so sicher wie das Gutenabend im TV. So bald einer Norbert heißen muss, wird er zum Norbert

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  7. Danke für das Teilen der Geschichte. Eine Lösung zu haben, maße ich mir lieber nicht an. Die Ursache würde ich aber in einer (sehr modernen und auch vielfach geförderten) Respekt- und Distanzlosigkeit gegenüber anderen (fremden) Menschen – Kindern und Erwachsenen – verorten.
    Aber ich kann auch noch etwas Positives anführen (in gewissem Widerspruch zu den werten Vorrednern): dieses Verhalten wird möglicherweise nicht viel über den Charakter des Erwachsenen in 20 Jahren aussagen. Ich habe schon so viele Kinder erlebt, die so oder ähnlich waren bzw. von „antiautoritären“ Eltern zu dreistem Verhalten ermuntert wurden. Irgendwann kommt dann der Moment, wo sie selbst das eigene Auftreten reflektieren und meistens sind diese als Jugendliche oder junge Erwachsene dann am pingelichsten, was die Verfehlungen anderer (machmal auch ihrer selbst) anbelangt.

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  8. gnaddrig sagt:

    Aristobulus, der hieß nicht wirklich Norbert. Den echten Namen habe ich, ehrlich gesagt, vergessen, war aber eine ähnliche Preisklasse. Einer dieser eher unmöglichen, meiner Meinung nach völlig zu recht aus der Mode gekommenen und jetzt bedauerlicherweise wiederbelebten Vornamen.

    Robert, Du hast natürlich recht, man sollte keine voreiligen Schlüsse ziehen was die zukünftige Entwicklung von Leuten angeht, die man nur mal ein paar Minuten lang gesehen hat. Von dem Norbert aus dem Wartezimmer werden wir nie wissen, wie er in ein paar Jahren drauf ist. Vielleicht ist ja tatsächlich Hoffnung. Wie es mit ihm weitergeht hängt ja von ganz vielen Faktoren ab, die wir gar nicht kennen (können).

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  9. Pfeffermatz sagt:

    Ich muss mich da mal outen: wenn sich meine Kinder anderen Menschen gegenüber destruktiv verhalten, schreite ich ein. Ich habe überhaupt kein Verständnis für so ein Verhalten, und ich betrachte es auch als ein Versagen der Erziehung, wenn Kinder so drauf sind. So 😐

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  10. gnaddrig sagt:

    Das mache ich auch. Hätte mein Kind sich so verhalten, wäre ich sicher früh dazwischengegangen. Alternativ hätte ich – wie ich das auf Spielplätzen meistens tue – mich ganz abseits gehalten, wie der legendäre kurzsichtige Feldherr auf seinem fernen Hügel, und das u.U. gar nicht mitgekriegt (bei wirklich schlimmen Sachen hört man’s dann ja doch). Aber danebenstehen, zuschauen und hinterher derart lahm „was sagen“ ist völlig daneben. Das ermutigt ja geradezu zu solchem Danebenbenehmen.

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