Hanebüchen

Das Wort hanebüchen mag ich, schon seit langem. Ich weiß nicht mehr, wo oder wie ich es kennengelernt habe, aber mir gefällt der Klang. Die vom Duden angebotenen Synonyme empörend, unerhört, skandalös wirken dagegen blass und streitsüchtig. Die passen am besten in böse Leserbriefe, in denen kulturpessimistische Bildungsbürger sich über irgendwelche vermeintlichen Ungeheuerlichkeiten ereifern (die neueste Fehlinszenierung des Faust, die während der Schulferien reduzierte Öffnungszeit des städtischen Hallenbades, solche Sachen).

Irgendwann vor kurzem habe ich mich dann gefragt, wo das Wort überhaupt herkommt. Ich konnte mir nicht vorstellen, wo hane herkommt. Und dass büchen etwas mit Buche zu tun haben könnte (wo ja auch Buchstabe seinen Ursprung hat), war eine naheliegende Vermutung, aber wie das bedeutungsmäßig zusammenhängen könnte war mir nicht klar.

Also habe ich zum Wörterbuch gegriffen. Dem Etymologischen Wörterbuch des Deutschen von Wolfgang Pfeifer konnte ich entnehmen, dass hanebüchen von Hainbuche kommt. Klar, jetzt im Nachhinein ist es offensichtlich.

Bei Pfeifer erfuhr ich auch , dass hanebüchen ursprünglich in der Bedeutung knorrig oder derb benutzt wurde – nach dem sehr knorrigen Holz der Hainbuche – und sich die Bedeutung dann später zum heutigen unerhört, haarsträubend, bodenlos verlagert hat.

Solche Bedeutungsverschiebungen finde ich grundsätzlich interessant – da nimmt ein Aspekt, eine Facette eines ganzen Komplexes an gängigen Verwendungen mehr und mehr Raum ein, andere Verwendungen geraten in Vergessenheit, und dann bedeutet ein Wort, das seinen Wortbestandteilen nach eigentlich aus Hainbuchenholz gemacht bedeutet, ursprünglich aber in der davon abgeleiteten Bedeutung knorrig, derb verwendet wurde, am Ende unerhört oder, in letzter Konsequenz, Dinge wie grundfalsch oder brezeldämlich. Faszinierend, das.

** * **

Ganz nebenbei bemerkt: Das Holz der Hainbuche ist sehr hart und wurde früher zur Herstellung von Geräten genutzt, die viel aushalten mussten. Heutzutage werden dafür andere Werkstoffe verwendet, vermutlich weil sie billiger oder haltbarer sind oder sich einfacher in Form bringen lassen. Die Hainbuche wurde auch militärisch genutzt, nämlich zur Anlage von Schutzwällen. Ortsnamen auf -hain und -hagen können auf sowas hinweisen. Hatte ich auch noch nicht gewusst.

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2 Kommentare on “Hanebüchen”

  1. noemix sagt:

    Ja, die Orts- bzw. Flurbezeichnung »Haag« ist im Deutschen und Niederländischen überaus häufig, siehe etwa »Den Haag«. Vom Hag (Gehölz-Umzäunung, Gehege) leitet sich übrigens auch der altertümliche Begriff »Hagestolz« für einen alten Junggesellen her, an den mich Ihre Ausführungen über das ähnlich klingende »hanebüchen« denken ließen.

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  2. gnaddrig sagt:

    Es hängt ja dann doch fast alles irgendwie zusammen. Jedenfalls macht es Spaß, da manchmal ein bisschen zu graben.

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