Sport im Fernsehen

Ein ganz wichtiger Grund für viele Leute, überhaupt einen Fernseher zu haben, dürfte die Übertragung von Sportereignissen sein. Fußball ganz vorneweg, egal ob Bundesliga, Champions League, Europa- und Weltmeisterschaften – zumindest für männliche Deutsche gehört es – vermutlich spätestens seit dem Wunder von Bern – fast zum guten Ton, Fußball zu kucken.

Dann hat Boris Becker Tennis in Deutschland populär gemacht, und Tennisturniere werden seitdem großflächig live übertragen. Michael Schumacher hat die Formel 1 in Deutschland wieder aus dem Dornröschenschlaf geholt, da geht auch erheblich Sendezeit für drauf. Golf ist in Deutschland nicht so wahnsinnig beliebt, aber wer Leute in komischen Schuhen auf grünem Gras herumstehen sehen mag, schaut sich wohl Golf im Fernsehen an. Mit Bernhard Langer haben „wir“ ja auch einen ansehnlichen Namen im Spiel.

Meine Begeisterung für alle diese Sportereignisse hält sich – man ahnt es sicher – in überschaubaren Grenzen. Am Fußball geht mir die Politik auf die Nerven, wenn fast täglich atemlos, entsetzt oder empört berichtet wird, wer denn nun wieder danebengetreten, falsch gepfiffen, was Dummes gesagt oder was Richtiges nicht gesagt hat. Wer jetzt für wie viel Geld von wo nach wo verkauft wird wechselt – ich kann es nicht mehr hören, und dabei meide ich die Sportberichterstattung aller Medien schon nach Kräften.

Und Fußballspiele kann man immerhin gut anschauen – das Spiel ist überschaubar, die Regeln sind kein Hexenwerk, und wenn es gut läuft, sind die Spiele actiongeladen und spannend. Ähnliches gilt wohl für Handball, Rugby und Basketball, obwohl ich mir das noch nie angeschaut habe. Eishockey ist vielleicht ein bisschen schnell, als dass man das vernünftig verfolgen könnte – der Puck ist ja kaum zu sehen, so klein und schnell, wie der ist. Da würde ich schnell das Interesse verlieren; aggressives Eislaufen für sich genommen ist so spannend nun wirklich nicht.

Weshalb man Baseball schauen sollte, erschließt sich mir nicht – die Spiele dauern viel zu lang und haben für meinen Geschmack zu viele Längen, das ist aber sicher auch eine Frage der Sozialisierung. Und gegen Cricket ist Baseball ja ein schnelles Husch-Husch-Spielchen…

Tennis im Fernsehen ist eine Strafe ähnlich der Wassertropfenfolter. Entweder liefert die Kameraeinstellung Überblick, dann ist der Ball fast zu klein zum Sehen und man versucht, einem Fliegendreck beim Zickzack über den Bildschirm zu folgen. Oder man sieht einen Ausschnitt, dann ist es aber oft schwer, sich zu orientieren.

Was bleibt sind eher unmotiviert hin- und herlaufende, gelegentlich hüpfende und mit dem Schlägerarm wedelnde junge Leute. Serienweise verschlagene Aufschläge, und wenn der Ball dann doch mal den Aufschlag überlebt und ins Spiel kommt, geht es einförmig hin und her, tick, tock, tick, tock, tick, tock, plaff, wieder im Netz. Aufschlag, und die Köpfe ticken wieder nach links, rechts, tick, tock, tick, tock, tick, pack, zu weit geschlagen. Aufschlag, plaff, Aufschlag, pack, Aufschlag, tick, plaff, wieder im Netz. Aufschlag, und die Köpfe nicken, tick, tock, tick, tock, plaff, wieder im Netz. Bis zum Nackenkrampf und zum Erliegen jeglicher Hirnaktivität. Da kann ich auch einer Pendeluhr mit Schluckauf beim Pendeln zuschauen.

(Offenlegung: Ich habe mal ein halbwegs hochrangiges Tennisspiel live gesehen, ich glaube Andrej Tschesnokow war dabei, das war ganz nett, so im Stadion. Kein Vergleich zu der Quälerei im Fernsehen. Trotzdem nichts, wofür ich regelmäßig nennenswerte Geldbeträge oder Zeitkontingente ausgeben würde.)

Formel 1 ist ein Sport, für den ich gar nichts übrig habe. Allein das Geräusch des Hockenheimrings aus mehreren Kilometern Entfernung reicht mir. Wenn ich mir das in Originallautstärke an der Zielgeraden vorstelle, kriege ich allein davon schon Kopfschmerzen. Und wofür? Dafür, dass man alle paar Minuten ein Rudel überzüchteter Maschinen an der Tribüne vorbeifräsen sieht und – wenn man einen „guten“ Platz hat – gelegentlich einen Reifenwechsel in der Boxengasse beobachten kann.

Und ohne das Können der Fahrer kleinreden zu wollen – wenn schon eine minimale Änderung der Gummimischung der Reifen oder des Ladedrucks im Kompressor (oder was weiß ich, an welchen Schrauben die da drehen), schon über Sieg und Verlust entscheidet; wenn die Fahrer ohne Breitbandverbindung in die Werkstatt, wo ein Haufen Techniker sämtliche Motorparameter in Echtzeit ausliest, analysiert und in konkrete Fahranweisungen umsetzt, gar nicht mehr konkurrenzfähig fahren können, dann ist der Witz an dieser Sportart für mich weg.

Früher, in der „guten alten Zeit“, wo Leute abends gesoffen haben und morgens mit Kippe im Mund Rennen gefahren sind, wo die Autos noch nicht sämtlich bis zur völligen Austauschbarkeit extremoptimiert waren und individuelles Können noch wichtiger war als ein um ein halbes Grad zu steil gestellter Heckspoiler, da hätte ich Rennsport vielleicht spannend gefunden. Was heute läuft ist eine übertechnisierte Materialschlacht, die mich völlig kalt lässt. Allenfalls Rallye- und Offroadrennen können, obwohl auch meistens Materialschlachten, einigermaßen interessant sein, da fahren die Leute immerhin nicht quasi unter Laborbedingungen, sondern auf echten Straßen. Aber auch da ist es mit dem Zuschauen so eine Sache.

Der Radsport ist auch nicht wirklich spannend. Bei der Tour de France sieht man bis zur Helmkante mit eigentlich verbotenen leistungssteigernden Mittelchen vollgepumpte Zombiesdie Athleten in mehr oder weniger auseinandergezogenen Gruppen in die Pedalen treten, bergauf, bergab, gelegentlich kegeln sich welche von den Rädern, abends gibt’s dann Gerüchte aus der Dopingküche, und am Ende darf irgendwer ein gelbes Hemd anziehen. Wieso man sich das anschauen soll? Keine Ahnung. Sich irgendwo an die Strecke zu stellen, um dann einem verehrten Fahrer in den Weg zu springen (wird bei Marathonläufern auch gern gemacht), finde ich auch nicht so wahnsinnig lohnenswert. Naja, immerhin hat man da Zeit an der frischen Luft…

Auch langweilig finde ich Leichtathletik. Leuten dabei zuzuschauen, wie sie lange oder kurze Strecken rennen, in Sandkästen springen, in vollem Lauf serienweise über querstehende Zaunsegmente springen ist für mich witzlos. Stahlkugeln am Stiel in die Gegend zu schleudern, an Glasfaserstangen über Stangen zu springen oder schwere Gewichte an Stahlstangen vom Boden zu lüpfen ist von so erlesener Sinnlosigkeit, dass es schon fast wieder Charme hat. Wenn die Farbe trocken ist, könnte man sich das sicher als nächsten Level auf dem Weg ins Nirwana anschauen. Das Kräftemessen der Sportler mag interessant und für die selbst sehr spannend und befriedigend sein, aber für mich als Zuschauer hat das wenig Reiz.

Skispringen ist ein ähnlich gähnintensiver Zuschauersport. Abfahrtski ist wenigstens spektakulär, aber spätestens nach dem dritten Teilnehmer ist für mich auch da der Ofen aus. Sieht ja doch jedesmal gleich aus, abgesehen von der Farbe der Skianzüge und der Reihenfolge der umgenieteten Fahnen.

Dressurreiten fällt mir noch ein, die Hohe Schule der Reitkunst und so. Langweilt mich zu Tränen, wenn frisierte Pferde vor Publikum gymnastische Übungen vorführen mit Punktabzug für zerknittertes Einstecktuch. Ziel des Dressurreitens soll die Verfeinerung der natürlichen Bewegungen des Pferdes sein, damit es am Ende den Reiter besser tragen kann und gesünder bleibt, damit es das Dressurprogramm hübscher vorführen kann. Ist das eine zirkelschlüssige Begründung, vielleicht? Ist Dressurreiten Selbstzweck? Abstellmöglichkeit für reiche Töchter? Und dabei ist es nicht einmal unterhaltsam, echt nicht. Dann doch lieber Springreiten oder Rennen, wenn überhaupt. Oder artistisches Seehundfüttern im Zoo…

** * **

Man sieht schon, Sport im Fernsehen ist für mich vergleichsweise unwichtig, kaum eine Nebensache. Ich habe keinen Überblick, was es da noch alles Uninteressantes gibt, es interessiert mich auch nicht, und ich glaube kaum, dass ich groß was verpasse. Und neulich hat Magnus Carlsen zum erstenmal in Deutschland gespielt. Der ist Schachweltmeister, ein Star der Szene. Aber, hatte die Zeit – in, wie mir scheint, verwundert-bedauerndem Tonfall – informiert, Schlange steht für ihn niemand, in Baden-Baden herrscht konzentrierte Stille (Quelle).

Man stelle sich das vor, der legendäre, großartige Shooting-Star der Schachwelt kommt, und kein Schwein will ihn spielen sehen! Banausen! (Schach ist nichts für mich, die Art zu denken liegt mir nicht. Ich habe mal gelernt, wie die Figuren sich bewegen, aber mehr als reaktives Figurenziehen habe ich nie zustandegebracht, auch mangels Interesse.)

Wieso Schach überhaupt als Sport gilt, erschließt sich mir nicht. Wikipedia zitiert dazu den ehemaligen Präsidenten des Deutschen Sportbundes, Willi Weyer: Schach und Sport hätten viele Gemeinsamkeiten, und auch die körperliche Belastung während eines Schachspiels sei durch Untersuchungen nachgewiesen (Quelle).

Körperliche Belastung nachgewiesen, das ist ja ein großartiges Kriterium. Dann könnte man jedes Brettspiel als Sport verkaufen, weil die körperliche Belastung ähnlich sein dürfte. Und erst Computerspiele, da werden regelmäßig wesentlich mehr Kalorien über den Tisch gehen als beim Schach. Aber gut, Schach ist natürlich intellektuell anspruchsvoller als Skyrim oder Grand Theft Auto.

Warum aber sollte man sich eine Schachpartie live anschauen wollen, egal ob im Fernsehen oder vor Ort im Saal? Um die Partie nachvollziehen zu können, also schachspieltechnisch zu würdigen, kann man sich hinterher die Notation anschauen und hat alle spieltechnischen Informationen, die man braucht. Ob man es jetzt wirklich spannend findet, den Spielern beim Grübeln zuzuschauen? Wie ihnen der Schweiß von der Sportlerstirn rinnt? Wenn die Hände zittern, bei einem besonders fiesen Zug des Gegners die Mienen entgleisen? Wenn sie ihre Notizen kontrollieren? Wow, jetzt läuft die Zeit aus, wird X seinen Zug noch schaffen bevor es bimmelt? Ja, liebe Zuschauer, da zieht er gerade noch rechtzeitig den linken Springer auf viertel vor Acht, das war knapp. Dann wollen wir mal sehen, wie Y darauf reagiert. Wird er eine passende Antwort finden? 

Man kann sich das anhören: Hier beginnt ein Spiel Anand gegen Carlsen in Minute 19, und es geht hoch her. Zu sehen sind allerdings nur zwei computergenerierte Schachbretter.

Also, nichts gegen Schach, Schachspieler, Schachturniere und den ganzen Betrieb drumherum. Ist nur nicht so meine Welt.

** * **

Den vorstehenden Text hatte ich im Februar geschrieben, als Carlsen in Baden-Baden auftrat, ihn aber aus irgendeinem Grund nicht gleich veröffentlicht, in der Foge völlig vergessen und jetzt wiederentdeckt. Eigentlich zu spät, weil Carlsen ja längst woanders ist und die konzentrierte Stille in Baden-Baden verflogen sein dürfte.

Aber wo im Sport aller Sporte gerade Großes passiert ist (FBI ermittelt wegen Korruption, Schweizer Polizei nimmt eine handvoll FIFA-Funktionäre fest, Blatter muss freiwillig gehen, also er springt bevor man ihn über die Kante schubst) und wohl auch weiterhin passieren wird (Wer wird als nächstes verhaftet; die beiden gekauften WMs in Russland und Katar sollen vielleicht, wer weiß, neu vergeben werden, diesmal aber bestimmt ganz allerstrengst blitzesauber und bis zur Unsichtbarkeit transparent!), und von der ganzen Skandaliererei anderswo (man denke nur an Lance Armstrongs neulich aufgedeckte Schreckensherrschaft, die Dopingärztegeschichte und was weiß ich noch) dachte ich, ein bisschen Gemotze über Sport im Fernsehen ist jetzt nicht weniger sinnvoll als im Februar. Auch wenn sie nicht eigentlich fußballzentriert ist.

P.S.: Ich hab’s bestimmt schonmal irgendwann verlinkt, aber das hier darf in diesem Zusammenhang natürlich nicht fehlen: Watch the Football!


7 Kommentare on “Sport im Fernsehen”

  1. aurorula a. sagt:

    *LOL*
    Bei der schönen Beschreibung sehe ich förmlich die chinesische Fernsehfolter als Kipfkino!

    Zwei Sportarten die ich sogar schon im Fernsehen geschaut habe sind Snooker (davon lernt man das Billiardspielen, und das mache ich ab und an hobbyartig) und Fechten (auch das mache ich ab und an hobbyartig) – aber was jemand nicht selbst tut anschauen müssen ist schon laaaaangweilig.

    Und Wasserpolo, unfreiwillig beim SciFi-gucken, weil Capt’n Archer von der Enterprise NX-01 davon nicht genug bekommt. Aber dafür können DVDs vorgestellt werden, und dauern die Szenen auch nie lange.

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  2. Pfeffermatz sagt:

    Herrlich geschrieben! Manchmal muss es einfach raus 🙂
    Toll sind auch die Sportarten auf den abseitigen Sportsendern, so für Leute, die offenbar immer den Fernseher anhaben und dabei „Sport“ guck müssen: Dartwerfen in nachgebauten Pubs, Holzhacken, Kettensägen, Mit-dem-Motorrad-steil-bergauffahren-bis-man-umkippt (habe ich wirklich mal gesehen!).
    Da schon lieber Bobby-Car-Rennen!

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  3. gnaddrig sagt:

    Danke für die Blumen, aurorula und Pfeffermatz 🙂

    Snooker kann ich noch verstehen, dass man sich das anschaut, und Fechten wohl auch, v.a. wenn man das selbst betreibt. Aber Kettensägen? Naja, muss jeder selbst wissen, wie er sich unterhalten lässt…

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  4. aargks sagt:

    Jetzt zieht der Kerl auch noch über meine Formel 1 her 😉

    Zumindest seit die 1,6-Liter-Motörchen nur noch im „unteren“ Drehzahlbereich mit maximal 15k Umdrehungen (eher weniger) zugange sind, denkst Du wahrscheinlich sowieso, dass am Hockenheimring Hummeltreffen und kein F1-Rennen stattfindet.

    Aber wie schrub ich einst über meine F1-Manie: [blockquote][Logisch? Nö. Vollkommen irrational. Die Formel 1 ist zu nichts nutze (nein, auch die technischen Entwicklungen werden dort nicht ausprobiert, es bringt die (auto)mobile Gesellschaft keineswegs voran). Die Formel 1 ist ein geradezu widerlich kapitalistisches Spektakel. Die Formel 1 ist abgrundtief sexistisch, Frauen kommen als Schildchen haltendende miniberockte langbeinige Tittenausstellungen daher. Daran ändert auch eine Chefin beim Sauber-Rennstall nix oder die paar handverlesenen Testfahrerinnen. Die Formel 1 schädigt sogar die Gesellschaft (vgl. Nürburgring – weshalb ich auch absolut dagegen bin, Steuergelder für ein Autorennen auszugeben).[/blockquote] (https://aargks.wordpress.com/2013/09/13/formel-1-ich-kann-auch-unlogisch/)

    Trotzdem: Am Sonntag steht das Österreich-Rennen an *dahinfieber*! 🙂

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  5. aargks sagt:

    ups, Zitat-Tags versemmelt. Wurscht 😉

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  6. gnaddrig sagt:

    Klar ziehe ich über den Rasenmäherzirkus her. Bin ganz Deiner Meinung in Sachen Formel 1. Aber Geschmack und Gefallen müssen nicht logisch sein, von daher sei Dir das Österreich-Rennen herzlich gegönnt. Solange ich nicht mitmuss 😉

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  7. […] ist ein schöner Sport. Nicht unbedingt zum Zuschauen, sondern zum Selbermachen. Es macht einfach Spaß, mir jedenfalls. Lästig ist nur, dass man […]

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In den Wald hineinrufen

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