Die Busfahrt

Neulich war ich mit dem Bus unterwegs. Nichts besonderes, eine Veranstaltung zwei Orte weiter. Zum Glück gibt es eine Busverbindung ohne Umsteigen. Ich also zur Haltestelle, Endstation, Wendeschleife und Pausenplatz mehrerer Linien. Dort stehen zwei Busse, der vordere ist „meiner“.

Der Bus steht mit laufendem Motor an der Haltestelle. Der Fahrer – ein stämmiger, quirliger Jugoslawe – steht daneben, raucht und unterhält sich lebhaft mit einem Fahrgast. Im Bus sitzen auch schon ein paar Leute. Aus der offenen Tür dröhnt ein Kofferradio, das der Fahrer vorn an der Windschutzscheibe stehen hat. Der Sender ist schlecht eingestellt, es rauscht und knattert, alles kommt verzerrt aus dem Lautsprecher, dafür aber schön laut. Im Bus riecht es stark nach Abgas, vermutlich bläst der Wind das durch die offenen Türen ins Innere.

Die planmäßige Abfahrtzeit kommt und verstreicht. Der Fahrer gestikuliert nach kurzem Blick auf die Uhr weiter, bis die Zigarette aufgeraucht ist. Als er die Kippe wegschmeißt, kommt ein Bus aus der Gegenrichtung, und er muss sich kurz mit dem Fahrer über wichtige Dinge austauschen. Baustellen auf der Strecke, Blitzer, was weiß ich. Der hintere Bus will jetzt auch losfahren und hupt, weil er zwischen den beiden Bussen nicht durchkommt. Kurzer irritierter Seitenblick „meines“ Fahrers, aber keine Unterbrechung im Redefluss, und auch der Gesprächspartner zuckt nicht mit der Wimper. Der Hintere hupt nochmal, weiteres Erzählen, nochmaliges Hupen, die Unterhaltung geht weiter. Längeres Hupen, langsam geht hinten die Geduld aus und vorne deutet sich dann doch so langsam das Ende der Unterhaltung an.

** * **

Jetzt hat mein Fahrer es plötzlich eilig, fünf Minuten nach der planmäßigen Abfahrtzeit springt er in den Bus und fährt ab. Nach ein paar Hundert Metern kommen wir an eine Schranke, mit der verhindert werden soll, das Hinz und Kunz die nur für den Linienverkehr vorgesehene Abkürzung benutzen, und die Fernsteuerung für die Schranke ist anscheinend kaputt. Der Fahrer drückt den Knopf, drückt nochmal. Dreht das Gerät knopfdrückend hin und her, aber nichts passiert. Er steigt aus und versucht es von verschiedenen Seiten, ohne Ergebnis.

Der Fahrgast, mit dem er sich vorher an der offenen Tür unterhalten hatte, schlägt vor, es mit der Kurbel zu versuchen. Neulich habe ein Busfahrer die Schranke aufgekurbelt, als die Automatik versagt hatte. Unser Fahrer greift sich also ein Schlüsselbund aus einem Geheimfach im Bus und versucht, den Kasten der Schranke zu öffnen. Das gelingt dann auch nach einigem Herumprobieren.

In dem Kasten hängt eine Kurbel, aber jetzt weiß er nicht, wo die reingesteckt werden muss. Zwei mögliche runde Öffnungen erweisen sich als zu klein, und sonst ist da nichts. Der andere Fahrgast steigt aus, berät sich mit dem Fahrer, probiert einiges aus. Mit einem im Kasten festgeketteten Schlüssel versuchen sie, eine zweite Blechtür am Kasten zu öffnen, scheitern aber. Falscher Schlüssel, Schloss eingerostet, keine Ahnung.

Der Fahrer schickt den Fahrgast mit der Fernbedienung ein Stück zurück zu der Ampel, die die Zufahrt zur Schranke regelt (die Straße ist dort so schmal, dass Gegenverkehr nicht aneinander vorbei passen würde). Der soll mal nachsehen, ob die Fernbedienung dort funktioniert. Derweil wurstelt unser Fahrer weiter an der Schranke herum, schimpft, klagt über die unnötig komplizierte Apparatur und die Schlechtigkeit der Welt.

Ich steige dann doch aus und schaue mir den Kasten mal genauer an. An der Seite ist ein quadratisches Blech, das locker an einer Schraube hängt. Man kann es beiseitedrehen wie die Abdeckungen der Schlüssellöcher an Schalt- und Sicherungskästen unter freiem Himmel. Dahinter ist die Aufnahme für die Kurbel. Der Fahrer ist erstaunt und erfreut, kurbelt die Schranke hoch, fährt schnell durch und beschließt dann, die Schranke gleich offenzulassen. Jetzt könnten wir fahren, wenn nicht der andere Fahrgast noch auf Kundschaft wäre.

Zwei Minuten später kommt der andere aber zurück, wir fahren ab. Jetzt haben wir gut 20 Minuten Verspätung auf einer Strecke, sagt der Fahrer, die man sowieso nicht fahrplanmäßig schafft (weshalb er sicher auch die Abfahrtzeit zugunsten seiner Zigarretten- und Klönpause großzügig hat verstreichen lassen). Also muss er jetzt schnell fahren. Rechts ist das Gas, er fährt nervös, nimmt die Kurven nicht gerade auf zwei Rädern aber doch sehr schwungvoll. Kriecht einem vorschriftsmäßig 50 fahrenden PKW auf die Stoßstange, bleibt mit ständigem Wechsel zwischen Gas und Bremse so dicht wie möglich dran (was bekanntlich wahnsinnig Zeit spart). Bremst und lenkt an Haltestellen sehr abrupt, das ist voller Materialeinsatz.

Mittlerweile riecht es nicht mehr nach Abgas, sondern nach Diesel. Vielleicht hat er sich beim Tanken was auf die Schuhe gekleckert oder ein Reservekanister leckt, ich weiß es nicht, aber der Geruch ist sehr kernig. Zusammen mit dem Fahrstil ergibt das einen ausgesprochen hohen Reisekomfort. Ich befürchte mittlerweile, dass es zu Gebrauchtlebensmittelspenden von Seiten der hinteren Fahrgäste kommen könnte. Mein eigener Magen meldet sich auch schon.

** * **

An einer Haltestelle steigt ein Kollege ein, der Feierabend hat und nach Hause will. Er stellt sich vorn neben den Fahrer, und die beiden unterhalten sich natürlich. Vor dem lauten Geräuschpegel – Radio, Motor, offenes Fenster – kann der Fahrer seine durchdringende Stimme voll ausspielen. Sie zeigen sich gegenseitig die Häuser von Kollegen, dafür muss man dann schonmal plötzlich in die Eisen gehen, damit der andere das helle Haus mit dem grün angemalten Erker auch ja sehen kann. Es ist überhaupt interessant, dass man gleichzeitig sportlich fahren, angeregt erzählen und weiträumig gestikulieren kann, ohne den Bus in eine Hecke zu fahren.

Nachdem wir in 15 Minuten eine auf 20 Minuten ausgelegte Strecke mit ich will gar nicht wissen wievielen Haltestellen absolviert haben, stolpere ich recht blass an der Endstation aus dem Bus. Ein Glück muss ich hinterher nicht wieder Bus fahren. Nach Hause geht es im Zug.

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One Comment on “Die Busfahrt”

  1. […] hat, statt sofort in den Zug steigen zu können. Oder sie kombinieren beides auf originelle Weise. Alles schon gehabt, und nicht nur einmal. Kurz, Busfahrer müssen total behämmerte misanthropische Vollpfosten […]

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