Lohnt sich Einweg?

Jean Paul soll mal geäußert haben: Ein Buch, das nicht wert ist, zweimal gelesen zu werden,
ist auch nicht wert, dass man’s einmal liest.

Eine bedenkenswerte These, möchte man meinen. Leuchtet erstmal ein, glaubt man. Tut man ja immer, wenn jemand Gebildetes einen Kalenderspruch in die Runde wirft, da sind wir entsprechend konditioniert. Muss eigentlich was dran sein, wenn all die klugen Köpfe das so abnicken.

Aber warum eigentlich? Ich habe meterweise Bücher gelesen, wo die Lektüre Spaß gemacht hat. Bücher, die spannend waren, oft witzig, wo ich bestens unterhalten war und es nicht bereue, sie gelesen zu haben, wo ich die darauf verwendete Zeit gut angelegt finde. Bücher allerdings, von denen ich viele so bald nicht wieder lesen werde, wenn überhaupt je.

Bücher (und Filme), die wesentlich auf dem Spiel mit dem Unerwarteten beruhen, die mit überraschenden Wendungen und Doppeldeutigkeiten arbeiten, sind typische Kandidaten für nur einmaliges Lesen. Die funktionieren nämlich oft nicht mehr so gut, wenn man die Pointe schon kennt. Deshalb müssen sie aber nicht schlecht sein.

Natürlich könnte man argumentieren, dass ein Buch ja auch mehrere Ebenen enthalten kann und, wenn die Erstlektüre mit der Überraschung und dem Knalleffekt am Ende durch ist, man dann eben die intrikate Entwicklung des Plots genießen, die kunstvoll miteinander verwobenen character arcs der Protagonisten goutieren oder sich auf die plastischen Ortsbeschreibungen (Karl May!), die elegante (oder – gern geboten bei „literarischer“, also anspruchsvoller Literatur, in Sachbüchern sowieso – fremdwortreiche) Sprache oder sonstwas konzentrieren kann. Bücher, die das nicht bieten, sind dann eben nicht gut genug, und sogar das erste Lesen, und sei es noch so vergnüglich gewesen, habe sich dann eben nicht gelohnt.

Nun hat Paul in einer Zeit (1763 – 1825) gelebt, wo zumindest in Deutschland Unterhaltung entweder gebildet und anspruchsvoll zu sein hatte oder als billig und vulgär abgelehnt wurde. Deutsche Schriftsteller schrieben beispielsweise nichts Witziges, sondern schwebten in höheren Sphären, wo man allenfalls mal verhalten schmunzelte und ansonsten tief schürfte. Schon gutes Erzählen in flüssiger Sprache war allein wegen der guten Lesbarkeit und dem Spaß beim Lesen der Plattheit verdächtig, Bildung und Fachwissen musste man schon am Stil erkennen können. Schachtelsätze, Schachtelsätze, Schachtelsätze, immer gib ihm. Versuch mal wer, Leibniz auf Deutsch zu lesen, ein Graus! (Und der war gar nicht mal auf allzuhohem Ross unterwegs, es war einfach der Stil der Zeit, der sich dann zu einer Art Kennzeichen des Bildungsbürgertums entwickelte.)

Außerdem stellt sich die Frage, warum und wozu man liest. Was erwarte ich von einem Buch? Wenn ich ein Buch suche, das ich ein Leben lang immer wieder mit Gewinn lese und auf Bibel und ähnliches nicht so abfahre (und für Nachschlagwerke und Fachbücher mögen sowieso andere Regeln gelten), dann sind Einwegbücher natürlich Mist. Wenn es Unterhaltung ist, Spaß beim Lesen, Spannung, dann sind Einwegbücher völlig in Ordnung.

Platt gesagt: Es gibt keinen Grund, Bücher grundsätzlich anders als Essen zu behandeln. Das esse ich in aller Regel auch immer nur einmal…

(Bei alldem ist noch nicht einmal klar, ob das Zitat überhaupt authentisch ist. Eine Quelle im Internet schreibt den Spruch Jean Paul zu, Wikiquote erwähnt den Spruch im Zusammenhang mit Paul nicht). Und ich habe dummerweise gerade jetzt meine historisch-kritische Gesamtausgabe seiner Schriftlichkeiten sowie – vielleicht hat er den Spruch ja auch nur mündlich gebracht – die – ahem, diese kleine Stichelei sei mir gestattet – Mitschnitte der Abhöranlage seiner Wohnung und seines Büros nicht greifbar und kann das deshalb im Moment nicht konkret nachprüfen).


8 Kommentare on “Lohnt sich Einweg?”

  1. christahartwig sagt:

    Von Georg Christoph Lichtenberg, gern auch als Meister des Aphorismus bezeichnet, stammt der Satz: „Ich vergesse das meiste, was ich gelesen habe, so wie das, was ich gegessen habe; ich weiß aber soviel, beides trägt nichtsdestoweniger zur Erhaltung meines Geistes und meines Leibes bei.“ [Sudelbücher Heft J (133)] – Auf mich selbst bezogen, müsste ich sagen: Ich vergesse sogar einiges von dem, was ich geschrieben habe, und bin beim Wiederentdecken sehr überrascht – manchmal sogar angenehm. Andererseits bilde ich mir manchmal auch ein, etwas geschrieben zu haben. Dazu gehört – und jetzt komme ich endlich aufs Thema des Eintrags – auch etwas im Sinne von, dass man Bücher, die man nicht nochmals lesen möchte, im Grund gar nicht hätte lesen sollen. Erstens aber weiß man das ja nicht vorher, und zweitens ist ein gewisses Unterhaltungsbedürfnis (und das hat oft mit Pointen und Suspense zu tun) durchaus legitim und auch mir zu eigen. Und so verfahre ich mit Büchern dermaßen, dass ich nach dem Lesen entscheide, ob ich ein Buch aufhebe in der Annahme, es bestimmt nochmals lesen zu wollen, oder ob ich es Töchtern, Freunden, der Stadtbücherei, … „vermache“ – letzteres unverzüglich, denn darüber, dass man meiner Wohnung ansehen muss, was ich alles schon gelesen habe, bin ich glücklicherweise hinaus.

    Und um noch mal auf Lichtenberg und dessen Worte zu kommen: Auch das Unterhaltsame nährt unseren Geist, und ich schäme mich nicht einzugestehen, dass ich hin und wieder aus Trivialliteratur einen guten Gedanken mitgenommen habe, der mich bis heute begleitet.

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  2. gnaddrig sagt:

    Lichtenberg (der begegnet mir hier zum erstenmal) hat da recht. Und Du auch – man kann ja vorher nicht wissen, ob ein Buch sich für einen selbst lohnt, egal wieviele (fundierte) Rezensionen es dazu im Internet gibt.

    Die Unterteilung in „will ich besitzen“ und „brauch ich nicht“ mache ich auch. Manches, was ich aus der Bibliothek hatte, kaufe ich mir anschließend, weil ich das im Regal haben und nochmal lesen will. Andere Bücher gehen an die offenen Bücherschränke, die es in letzter Zeit immer öfter gibt. Dort beziehe ich auch einigen Lesestoff.

    Mir passiert es auch gelegentlich, dass ich vergesse, was ich geschrieben habe. Einmal habe ich denselben Artikel sogar zweimal geschrieben. Und manchmal stoße ich hier im Blog auf alte Texte, wo mir die Überschrift gar nichts mehr sagt, und wenn ich dann zu lesen anfange, bin ich ganz angetan. Manchmal auch nicht, da fallen mir dann hakelige Formulierungen auf oder Stellen, wo es viel weniger klar ist, als ich beim Schreiben dachte. Naja, gehört auch dazu.

    Und die allzustrikte Trennung zwischen E- und U-Kultur finde ich auch nicht wirklich sinnvoll. Dass die Scheibenwelt-Serie von Terry Pratchett z.B. nicht zur „guten“ Literatur zählt, sondern – weil Fantasy – eher nicht ernst genug genommen wird, zeigt, wie absurd das sein kann. Bei Pratchett kann man mehr über die Welt und das Leben lernen als bei vielen Regalmetern „guter“ Literatur…

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  3. christahartwig sagt:

    Immer wieder wird mir Terry Pratchett direkt oder indirekt anempfohlen, und ich sollte ihn wirklich mal lesen. Ich zum Beispiel bin bekennender Douglas Adams-Fan und Johanna und Günther Braun, die SciFi in der DDR geschrieben haben, interessieren mich sehr, zumal diese Form der Literatur es unter DDR-Verhältnissen erlaubte, manches Unerlaubte zu sagen.

    Ich war auf dem „zweimal“-Link. Schlimmer noch als besprühte Bahnfenster finde ich zerkratzte. Dieser besonders hässlichen Unart war die BVG mit bedruckten Folien zuvorgekommen (kreuz und quer das Brandenburger Tor). Schrecklich! Und eben musste ich (ergebnislos!) überlegen, ob diese Folien noch immer an den Fenstern der U-Bahn kleben. Dabei bin ich gerade heute mal wieder U-Bahn gefahren. Erschreckend, dass man sich an etwas so gewöhnen kann, dass man es vielleicht nicht mehr bemerkt. Da ist es doch besser, zweimal über etwas zu stolpern und bloggend darüber nachzudenken, als es gar nicht zur Kenntnis zu nehmen.

    Der Nachteil von Blogs ist, dass nur wenige Leser darin stöbern. Oft wird nur der letzte Eintrag gelesen – als wäre ein Blog eine Zeitung und nichts sei so alt wie die Zeitung von gestern. Für die Zeitung von gestern mag das zutreffen, für eine Zeitung von vor einem Jahr aber schon nicht mehr. Es ist also ein strittige Frage, ob das Recycling der eigenen Blogeinträge nicht sinnvoll oder gar notwendig ist (obwohl ich Dir im Grunde zustimme und es irgendwie peinlich finde).

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  4. gnaddrig sagt:

    Also, Terry Pratchett finde ich wirklich klasse, kann ich nur empfehlen. Die Scheibenwelt ist so bizarr und unserer doch so ähnlich, und in den Büchern steckt jede Menge Menschenkenntnis und Beobachtung, das finde ich faszinierend. Meiner Meinung nach sind die Scheibenweltromane mit Rhincewind (so einem Nicht-wirklich-Zauberer) die schwächsten der Serie. Ich habe Mort als erstes gelesen, wo der Sensenmann (in der Scheibenwelt natürlich als Person präsent) sich einen (menschlichen) Lehrling nimmt. Guards, Guards! ist auch klasse, oder Witches Abroad

    Dass man mehrmals über etwas stolpert und es mehrmals im Blog verarbeitet, ist ja ok. Ich habe auch so meine Themen, die immer wieder mal vorkommen. Was mich an dem zweiten Graffiti-Text erstaunt und gestört hatte war, dass ich wirklich fast genau das gleiche geschrieben hatte wie vorher schoneinmal. Das fand ich dann unnötig. Wenn da was Neues zu dem Alten drin vorgekommen wäre, hätte ich den Text auch online gestellt. War aber nicht. Da hätte ich gleich den alten Text nehmen und neu bebildern können.

    Dass bei Blogs oft nur die neuen Texte gelesen werden, finde ich auch schade. Deshalb bringe ich immer mal ältere Texte von mir wieder ins Spiel, indem ich Sachen daraus aufgreife und die Texte erwähne und verlinke. Wenn ich ein Blog entdecke, das mir gefällt, gehe ich fast immer und stöbere ausgiebig drin herum. Manche lese ich komplett bis zum ersten Beitrag. Und an meinen Statistiken sehe ich, wenn das bei mir jemand tut. An normalen Tagen habe ich typischerweise gut ein Drittel der Seitenaufrufe auf der Startseite, ein Viertel auf dem aktuellen, ein weiteres Viertel auf den letzten drei oder vier Beiträgen und den Rest verstreut. Manchmal habe ich aber weniger auf der Startseite, ähnlich viel auf den neuesten Beiträgen und bis zur Hälfte auf ganz vielen alten Beiträgen. Das geht meistens damit einher, dass weniger Besucher mehr Aufrufe bringen. Und oft genug findet sich zeitnah ein neuer Abonnent im Briefkasten. Das freut mich dann immer.

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  5. etosha33 sagt:

    Das finde ich sehr schön überlegt und noch schöner in Worte gegossen. Da bleibt mir nicht viel, außer vollinhaltlich zuzustimmen. Wo kann ich unterschreiben? 🙂

    Dankeschön für deinen freundlichen Kommentar bei mir drüben und sehr artig auch für die Verlinkung meines Artikels! Mir gefällt es hier auch sehr gut, ich komme wieder!

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  6. gnaddrig sagt:

    Vielen Dank und herzlich willkommen!

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  7. Pfeffermatz sagt:

    Ich, bin ich froh, dass ich offenbar nicht der einzige bin, der die eigenen Artikel nach einiger Zeit „wiederentdeckt“! Dass ich meine Kurzgeschichten und Gedichte von vor zwanzig Jahren überhaupt nicht wiedererkenne, ist ja normal, aber dass ich ich manchmal auch mit den Überschriften von zwei Jahre alten Blogartikeln von mir auf Anhieb nichts anfangen kann, hat mich doch gewundert 🙂
    Und zum Inhalt diesen Artikels: Natürlich möchte ich die meisten Bücher kein zweites Mal lesen, einfach schon deshalb, weil so viele weitere Bücher auf mich warten, und meine Lesezeit doch endlich ist! Um so wertvoller ist ein Buch, dass ich eben doch ein zweites Mal lesen möchte. Das habe ich mit den meisten Bill-Bryson-Büchern gemacht, und „A Tale of Two Cities“ von Dickens habe ich immer hin fünfzehn Jahre später ein zweites Mal herausgekramt, weil ich mich erinnerte, wie sehr es mir damals gefiel. So steht auch Irvings „A Son Of A The Circus“ auf meinem Wiederlesungsplan. Die Erstlesung ist inzwischen auch über zwanzig Jahre her 🙂

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  8. gnaddrig sagt:

    Also, ich habe viele Bücher mehrfach gelesen. Als Kind habe ich manche Bücher der Stadtbibliothek wirklich Dutzende Male gelesen, und es gibt immer noch Bücher, die ich immer mal wieder lese, alle paar Jahre. Dazwischen habe ich aber jede Menge Einwegliteratur.

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